Autogramm Jeep Cherokee Neben der Spur

Was ist das denn bitte? Bislang wehrte sich Jeep gegen das Diktat der Aerodynamik: Schrankwand statt schlüpfrig war das Gestaltungsmotto der Offroad-Ikone. Jetzt gehört die Marke zum Fiat-Konzern - der Optik des neuen Cherokee hat das nicht gutgetan.

Jeep

Der erste Eindruck: Um Himmels Willen! Sind die Designer des Fiat Multipla zurückgekehrt und haben im Rahmen der neuen konzerninternen Kooperation Hand an den neuen Jeep Cherokee gelegt? Das jedenfalls würde die fratzenhafte Frontpartie mit den schrägen Scheinwerferschlitzen und dem Knick im Kühlergrill sowie das blecherne Heck mit den paar Leuchtpickeln erklären.

Klar: Man muss auch mal etwas Neues wagen, sonst endet man wie Mini in der Retro-Falle. Aber beim Jeep Cherokee sind die Kreativen womöglich übers Ziel hinausgeschossen.

Das sagt der Hersteller: Die Verantwortlichen der Marke Jeep nennen die neue Optik ein Design "für die Zukunft" und sprechen von "globaler Gefälligkeit". Der neue Cherokee, so heißt es aus Dearborn bei Detroit, solle das Styling der Marke in die nächste Ära führen, ohne die Herkunft zu verleugnen; es gibt daher nach wie vor sieben Streben im Kühlergrill. Und zudem soll das Auto auch möglichst effizient sein, die neue Form ist daher auch ein Resultat etlicher Stunden im Windkanal.

Nicht nur das Design reden sich die Jeep-Leute schön, sondern generell lassen sie durchblicken, dass der neue Cherokee zumindest beinahe das beste Auto der Welt sei. Markenchef Mike Manley erhebt die fünfte Generation des Geländewagens zum "neuen Maßstab unter den Mid-Size-SUVs" und schwärmt von einem "neuen Level der Fahrdynamik und der Effizienz". Obendrein seien die von einem Jeep erwarteten Offroad-Fähigkeiten noch einmal gesteigert worden.

Das ist uns aufgefallen: So ungewohnt der Cherokee von außen gestaltet ist, so überraschend ist auch sein Innenleben. Man sitzt wie in einer großen Burg aus Plastik, die mit ein paar Chromstreifen und Lederbesätzen herausgeputzt wurde, und wundert sich, wo die 4,62 Meter geblieben sind, die im Fahrzeugschein als Länge angegeben werden. Denn für diese Maßangabe geht es im Cherokee vor allem im Fond relativ beengt zu. Es sei denn, man schiebt die bewegliche Rückbank bis ganz nach hinten, dann können sich auch die Hinterbänkler bequem in die Polster lümmeln.

In diesem Fall schrumpft natürlich der Kofferraum entsprechend. Überhaupt fällt das Gepäckabteil aufgrund einer hohen Ladekante und einer vergleichsweise kleinen Hecköffnung im Vergleich zu Konkurrenzmodellen ab. Allerdings ist der Cherokee auch kein als Offroader verkleideter, aufgebockter Kombi, sondern ein waschechter Geländewagen, der mit einigen Komfort- und Elektronikextras in Richtung SUV getrimmt wurde. Im Kern bleibt das Auto ein Abenteurer, auch wenn es jetzt mit einer Online-Navigation samt speziellem App-Store oder einer Ablageschale zum kabellosen Laden des Handys um die Gunst der modernen Großstadtkundschaft buhlt.

Ist der Cherokee erst einmal in Fahrt, stimmt einen jeder Kilometer versöhnlicher. Auch wenn SUV-Modelle wie VW Tiguan oder Kia Sportage feinfühliger und präziser auf der Straße liegen, hinterlässt der neue Jeep einen ordentlichen Eindruck. Das Fahrwerk beweist auf den miserablen Straßen rund um Detroit solide Nehmerqualitäten und lässt sich weder von Bodenwellen noch von Schlaglochpisten aus der Ruhe bringen. Zeitgemäß und frisch wirkt auch die Ausstattung, besonders die vielen Assistenzsysteme von der Abstandsregelung über die Kollisionswarnung bis zur Einparkautomatik.

Auf dem Papier ist auch der V6-Motor gar nicht schlecht. 3,2 Liter Hubraum, 272 PS, bis zu 315 Nm Drehmoment und eine Neungang-Automatik vom Zulieferer ZF - damit kann man beim Benzingespräch schon ein paar Punkte machen. Subjektiv überzeugt der Antrieb jedoch nur bedingt: Der Motor hat zu wenig Punch, ein großer Teil der Antriebskraft geht offenbar auf dem Weg zu den Rädern verloren. Auch verhaspelt sich das neue Automatikgetriebe beim abrupten Beschleunigen oder Bremsen zwischen den engen Übersetzungen.

Das muss man wissen: Es muss ja nicht der V6-Benziner sein! Schließlich gibt es den seit 5. April lieferbaren Allradler neben dem 3,2-Liter-V6 auch mit einem Zweiliter-Diesel mit wahlweise 140 oder 170 PS. Dann sinkt auch der Preis von 48.000 Euro auf bis zu 34.800 Euro, und der Verbrauch natürlich auch.

Neben dem Standard-Allradantrieb, der die Hinterachse nur bei Bedarf automatisch mit Drehmoment versorgt, gibt es auch eine um Untersetzung und Sperrdifferential ergänzte Hardcore-Version. Dieser echte Offroad-Antrieb ist für das Top-Modell Trailhawk verfügbar. Gleichzeitig gibt es den Jeep Cherokee erstmals auf Wunsch auch als reinen Fronttriebler. Der Verzicht auf sämtliche Allradtechnik zahlt sich vor allem an der Tankstelle aus. Zusammen mit der aerodynamischen Karosserie inklusive Unterbodenverkleidung und Windabweisern drückt der Frontantrieb den Verbrauch auf 5,3 Liter je 100 Kilometer - das sind rund 25 Prozent weniger als beim Vorgängermodell.

Das werden wir nicht vergessen: Was wirklich haften bleibt von der ersten Begegnung mit dem neuen Jeep Cherokee, ist die Verwunderung über einen schwarzen Klecks am Rahmen der Frontscheibe. Was auf den ersten Blick aussieht wie überschüssiger Montage-Kleber, entpuppt sich bei genauem Hinsehen als die Silhouette eines Willys Jeep - das Ur-Modell der Marke. Es wirkt wie ein trotziger kleiner Gruß der stolzen amerikanischen Offroad-Marke nach Turin. Nach dem Motto: Auch wenn das Auto auf der Plattform der Alfa Giulietta steht - es ist immer noch ein Jeep.

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insgesamt 72 Beiträge
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Seite 1
tommahawk 15.04.2014
1. Ein Jeep wie ein Kia
Insbesondere von hinten sieht der Jeep aus wie ein beliebiger Kia. Und vorne hat Fiat den Range Rover kopiert. Was ist bloß aus Chrysler, dieser einst stolzen Marke aus Detroit, geworden?
juri. 15.04.2014
2. Ganz ehrlich,
jedem das seine, aber: Der ist einfach nur hässlich. Könnte aber das Überholprestige erhöhen - das will man sich nun wirklich nicht lange im Rückspiegel ansehen :)
kaiserstuhl 15.04.2014
3. Nun ja
Irgendwie nett. Irgendwie unnötig. Würde ich mir diese technische Errungenschaft kaufen wenn ich das Kleingeld hätte? Wahrscheinlich nur als Fortbewegungsmittel für mein Chalet in den französischen Alpen. Wenn ich eines hätte :) Ansonsten würde ich lieber noch mal Porsche rasen bevor es kein Öl mehr gibt. Aber bitte keinen SUV!
Baustellenliebhaber 15.04.2014
4. optional
Design? wo? Das ist kein Design.....
Miere 15.04.2014
5. Canyonero
Und warum genau ist es gut, wenn ein Auto die Fassade einer Schrankwand hat, anstatt stromlinienförmig zu sein? Wenn ein Artikel schon so anfängt, kann man nur auf Die Simpsons und den Canyonero verweisen.
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