Von Tom Grünweg
Die Trägheit der Masse, das war früher im Physikunterricht eines der Lieblingsthemen. Nur der Lehrer war irgendwie der falsche: Wie will man jemanden, der eine forstgrüne Mercedes G-Klasse mit 72-PS-Diesel fährt, im Disput um eine Klassenarbeit davon überzeugen, dass auch zunächst offensichtlich scheinende Grenzen der Physik eben in Wirklichkeit ganz woanders liegen können? Hätte Herr Schaum damals schon den Jeep Grand Cherokee SRT-8 gefahren, der ab dem kommenden Frühjahr auch in Deutschland angeboten wird, wäre die Diskussion vermutlich einfacher gewesen: Denn Masse hat dieses Auto reichlich, doch von Trägheit kann keine Rede sein. Selten war ein Sport Utility Vehicle aus den USA tatsächlich so sportlich.
Verantwortlich dafür ist ein neu entwickelter V8-Motor mit urgewaltigen 6,4 Litern Hubraum und jenen halbkugelförmigen Mulden im Zylinderkopf, die den großen US-Motoren den Ehrentitel Hemi einbringen. Entwickelt von der Abteilung namens Street and Racing Technology (SRT), holt die Maschine aus den hemisphärisch gestalteten Brennkammern imposante 470 PS - das macht den Wagen zum bislang stärksten Jeep-Modell. Dass der SUV 2,3 Tonnen Leergewicht mit sich herumschleppt, fällt gar nicht auf.
Bis zu 630 Nm Drehmoment gehen ans Werk, der Punch des Häuptlings ist also wirklich hart. Während sich die Hände am viel zu dicken Sportlenkrad festkrallen und es den Körper immer tiefer in die stark konturierten Ledersitze drückt, dreht der Sauger munter bis an die 6000 Touren und schiebt den Jeep mit unerhörtem Nachdruck nach vorn. Nur 4,8 Sekunden braucht der Motor, um die Fuhre auf Tempo 100 zu wuchten. Die amerikanische Standarddisziplin Quartermile (402 Meter) schafft der Wagen in rund 13 Sekunden, und mit 255 km/h Höchstgeschwindigkeit ist er auch der schnellste Jeep der Geschichte.
Für den Einsatz auf der Überholspur trägt der Häuptling der Indianer eine auffällige Kriegsbemalung: Zu den ohnehin schon imposanten Schürzen und Schwellern gibt es zwei gewaltige Nüstern auf der Motorhaube und dazu Auspuff-Endrohre, die sich wie der Trichter einer Trompete öffnen.
Damit die Motorkraft halbwegs sauber auf die Straße kommt und das Trumm einigermaßen stabil auf Kurs bleibt, wurde kräftig am Fahrwerk gefeilt. Der SRT-8 ist spürbar straffer abgestimmt, duckt sich deutlich tiefer über den Asphalt und hat eine zusätzliche Raste am sogenannten Selec-Track-Schalter auf dem Mitteltunnel, mit dem man das Auto normalerweise für Geländefahrten konditioniert. Hier jedoch gibt es zusätzlich eine Sport-Stellung.
Im Track-Modus wird aus dem SUV ein Nürburgring-Renner
Wird dieser Modus gewählt, versteift sich das Fahrwerk weiter, und das Auto wird förmlich mit dem Asphalt verzahnt. Das elektronische Sperrdifferential erlaubt höhere Kurvengeschwindigkeiten, der Allradantrieb verteilt die Kraft etwas hecklastiger, und die Fünfgang-Automatik schaltet später hoch und früher runter. Und weil man die Fuhre irgendwie auch wieder stoppen muss, versicherten sich die Amerikaner der Dienste des italienischen Bremsen-Spezialisten Brembo: Im Ernstfall bringen sie den Kaventsmann aus 100 km/h binnen 35 Metern zum Stehen - allerdings muss sich der Fahrer dann mit aller Macht am Lenkrad abstützen. So ungefähr muss es sich anfühlen, wenn ein Düsenjäger bei der Landung auf einem Flugzeugträger ins Fangseil rauscht.
Kunden werden wohl nicht auf eine derart abwegige Idee kommen, doch die Jeep-Entwickler haben mit dem SRT-8 sogar die Nordschleife des Nürburgrings in Angriff genommen. Sie hetzten den SUV in 8:49 Minuten durch die grüne Hölle. Das sind lediglich 69 Sekunden mehr, als zum Beispiel der neue Porsche 911 benötigt.
Eine Vollgasfahrt durch den Grenzbereich ist jedoch ein ebenso unwahrscheinliches Szenario für den SRT-8 wie eine Wüstentour oder rustikale Offroad-Tour. Bei Letzterem würden womöglich die schmucken 20-Zoll-Felgen zerkratzt. Wobei sich der Grand Cherokee wohl auch hier nicht stoppen lassen würde, wie die Entwickler versichern. Der Allradantrieb und die per Knopfdruck veränderliche Bodenfreiheit seien Garanten dafür.
Das Auto schluckt den Sprit, als sei es alleine auf der Welt
Das eigentliche Revier des rasenden Riesen, der in den USA 60.690 Dollar kostet und hierzulande wohl kaum unter 70.000 Euro zu haben sein wird, ist allerdings die Autobahn. Und dort muss es gar nicht immer die linke Spur sein. Als Power-Cruiser macht der Jeep ebenso eine ordentliche Figur, zumindest, wenn man den Selec-Track-Schalter in Normalstellung stehen lässt. Dann hält das Fahrwerk einen Rest an Komfort bereit, und die Sportsitze können ihr Talent entfalten. Auch nach vier oder fünf Stunden sitzt man darauf noch bequem. Andererseits: So lange werden die Etappen ohnehin nie dauern. Denn auch wenn der V8-Motor über eine Zylinderabschaltung verfügt und ein spezielles Ventil im Auspuff den Gegendruck und damit den Verbrauch senkt: Schon in der gnädigen US-Norm kommt der SRT-8 auf einen Highway-Verbrauch von umgerechnet 13,1 Litern. Im Alltag schluckt der Motor auch schnell mal 15 oder 20 Liter und muss deshalb nach allerspätestens 500 Kilometern an die Zapfsäule.
Von nichts kommt nichts - das war auch so ein Lieblingsgesetz von Physiklehrer Schaum. Zumindest daran kann auch der Grand Cherokee SRT-8 nichts ändern.
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