Fahrbericht Jeep Wrangler Gib dir die Kante

Längst vergessen geglaubte Technik und eine Karosserie wie aus einem Bastelbogen - das ist der Jeep Wrangler. Ein automobiles Mahnmal gegen den permanenten Aktualisierungsdruck. Und so fährt er sich auch.

Jürgen Pander

Von Jürgen Pander


Vor dem Beifahrersitz gibt es einen großen Griff, und auf dem steht unübersehbar "since 1941". Was 1941 mit dem US-Militärjeep Willys begann, setzt sich, zumindest in großen Teilen, bis heute mit der Baureihe Jeep Wrangler fort.

Nach wie vor hat der Allradler keine selbsttragende Karosserie, sondern ruht auf einem Leiterrahmen. Noch immer leuchtet er aus kreisrunden Scheinwerfern, die links und rechts des ebenfalls schon immer dagewesenen "7-slot"-Kühlergrills positioniert sind. Allradantrieb ist selbstverständlich, aushängbare Türen ebenfalls, und auch das Design mit schnurgeraden Linien sowie fast ausschließlich senkrechten oder waagerechten Flächen ist im Wesentlichen noch so, wie es vor mehr als 70 Jahren war.

Eigentlich gehört der Jeep Wrangler - unter dem Namen fährt das Auto nun schon seit fast 30 Jahren herum - ins Museum. Ein Retro-Mobil, das nicht vom Trend, sondern von der Tradition bestimmt wird. Hier ist alles echt: Es rappelt und vibriert, man pflügt durch den Stadtverkehr wie ein Ork durch die Zwergenschar.

Es gibt Menschen, die lieben solch einen martialisch-ungenierten Auftritt. Das knorrige Teil ist das zweitbeliebteste Modell der Marke Jeep hierzulande. 1747 Stück wurden bis November 2014 in Deutschland neu zugelassen. "Kennt keine Grenzen, nur Herausforderungen", wirbt Jeep für den Haudegen.

Die US-Werbung nennt das Auto "freedom machine"

Die vorerst letzte Herausforderung für das Auto war vor drei Jahren die Euro-5-Abgasnorm für den 2,8-Liter-Vierzylinder-Diesel, die aktuelle Variante erfüllt nun die Norm. Jeep vermittelt derartige Anpassungen an den Zeitgeist und die Gesetzgebung gern unter dem Slogan "new heart, same soul". Dazu gehört unter anderem auch, dass der Wrangler seit 2007, als die aktuelle Generation erschien, mit Schrauben- statt mit Blattfedern ausgerüstet ist, dass Motor und Antrieb elektronisch gesteuert werden und dass es erstmals elektrische Fensterheber und eine Zentralverriegelung für den Wagen gibt.

Eine Einstiegshilfe gibt es nicht, obwohl die ganz hilfreich wäre, denn die Türschwelle liegt gut 60 Zentimeter über dem Untergrund. Vor dem kleinen Dreh mit dem Zündschlüssel ist also ein großer Schritt vom Fahrer notwendig. Dann rasselt der vom italienischen Hersteller VM Motori zugekaufte Turbodiesel los, und sobald der Wählhebel auf D steht, setzt sich der Zweitonner in Bewegung: fast wie ein Kutter, zäh, aber unbeirrt.

Ein Wagen wie ein Schutzschild

Am Steuer stellt sich sogleich ein Gefühl der Unverwundbarkeit ein. Alles an diesem Auto - Türgriffe, Lenkrad, Bedientasten und sogar die Gummifußmatten mit Reifenabdrücken - ist ein bisschen zu derb und ungeschlacht geraten. Das ist natürlich Absicht, weil so der Eindruck entsteht, man wäre hier auch bei Erdbeben, Sturm und Wolkenbruch in Geborgenheit. Und selbstverständlich ist dieser Wrangler, anders als manches Vorgängermodell, absolut wasserdicht - trotz des abnehmbaren, dreiteiligen Hardtops.

Die vielen Namen unseres Testwagens haben übrigens eine Bedeutung. Jeep Wrangler heißt die Baureihe, "Unlimited" steht für die größere viertürige Variante mit etwa drei Meter Radstand, "Rubicon" bezeichnet die spezielle Offroad-Ausstattung mit verstärkten Achsen, Untersetzungsgetriebe und zwei manuell zuschaltbaren, elektrischen Sperrdifferenzialen; das "X" schließlich weist auf ein Sondermodell hin, das mit Ledersitzen, Klimaautomatik, Navigationssystem und schwarz lackierten 17-Zoll-Leichtmetallrädern mit Vollausstattung vorfährt und 49.900 Euro kostet.

Das Fahrgefühl? Sagen wir so: Ein VW-Bus hinterlässt im Vergleich zum Jeep Wrangler einen sportlichen Eindruck. Der Offroader ist auf normalen Straßen total unterfordert. Man fährt in dem Kaventsmann wie in einem geschrumpften Lkw, mit bester Übersicht, gemächlichem Tempo und größter Not bei der Parkplatzsuche.

In erster Linie ist der Wrangler ein Geländewagen

Was tatsächlich in dem Auto steckt, lässt sich erst im Gelände ermitteln. Wenn der "Rock-Trac"-Allradantrieb zeigt, was er draufhat und das Trumm Sandhänge hinauf kraxelt, sich Schotterpisten hinab tastet und durch Schlammlöcher wühlt oder Tümpel durchkreuzt. Kurz gesagt: Mit diesem Auto, so garantiert es Jeep, lässt sich auch der "Rubicon Trail" bewältigen, ein 40 Kilometer langer Offroad-Klassiker in Kalifornien, der als eine der anspruchsvollsten Geländestrecken der Welt gilt.

Wer derlei Unternehmungen nicht auf der persönlichen To-do-Liste stehen hat, für den ist der Wrangler als Allradler überqualifiziert. Als normales Alltagsgefährt hinterlässt er zwar mächtig Eindruck, wirkt aber fast überall deplatziert. Es sei denn, man sieht ihn als kantiges Mahnmal gegen schnelllebige Automoden.

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insgesamt 51 Beiträge
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Seite 1
memphisman 03.01.2015
1. Schraubenfedern
hat der Wrangler seit der Modellreihe TJ. Also seit 1996/97. Bitte eine etwas bessere Recherche, Herr Pander! Der TJ ließ sich perfekt im Straßenverkehr bewegen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der aktuelle JK in dieser Kategorie schlechter ist als sein Vorgänger. Aber wenn man in Autotests die Fahrzeuge nur im Grenzbereich bewegt, kommt man bei einem reinrassigen Geländewagen natürlich schnell ins schleudern....
my_lay 03.01.2015
2. in der Wueste unschlagbar
In der Wueste ist der Jeep unschlagbar. Fahre seit Jahren im Oman, Yemen u Saudi in den Wuesten, der Jeep kommt ueberall hin. Alle anderen schaffen es nicht, der Jeep kommt hin.
die_bittere_wahrheit 03.01.2015
3. pahhh
2,8 Liter Turbodiesel aus Italien... Ich lach mich schlapp! Straight-six ist der einzig angemessene Motor fuer einen Wrangler (Rubicon); also fuer alle die die mehr als nur bis zur Eisdiele fahren! Meiner (uebrigens mit eckigen Frontscheinwerfern; JFYI Herr Autor) hat einmal derbe heftig Wasser geschluckt (ja es war meine Schuld, aber sowas passiert den besten), er hat sich arg geschuettelt, boese weiss gequalmt, aber nach einer Minute unruhigen Standgas ging es problemlos weiter .... Das haette ein 'moderner' TD ganz sicher nicht mitgemacht. Wir waeren gestrandet gewesen...
links_rechts 03.01.2015
4. Der JEEP Wrangler hat noch Stil
Immer noch. Bleibt zu hoffen, das die übrigen Modelle aus dem Hause JEEP nach der Übernahme durch Fiat nicht dem visuellen Zeitgeist geopfert werden. Anzeichen dafür gibt es leider schon.
Hank Hill 03.01.2015
5. In der Zeit der Modelle
mit den eckigen Scheinwerfern ist der Umsatz extrem zurück gegangen. Chrysler hat verstanden, daß ein Jeep runde Scheinwerfer braucht und ist wieder zurück gerudert. Eben weil der Jeep kein SUV ist.
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