Test Johammer J1.200 Elektrisch für Angeber

Wer mit E-Motor unterwegs ist, will den Fortschritt auch zeigen. Deshalb verpasste die österreichische Firma Johammer dem strombetriebenen Motorrad J1 ein extremes Design. Nicht nur das stellt Fahrer auf die Probe.

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Die Elektromobilität ist längst auf dem Motorradmarkt angekommen - und erfordert eine radikale Umstellung bei uns, den Fahrern. Bei einer Testfahrt mit dem E-Motorrad Johammer J1.200 merke ich das sofort. Das E-Bike ist komplett anders aufgebaut als jedes andere Motorrad: Von vorn erinnert es an den Batpod aus den "Batman"-Filmen und am Heck durch die gewellte Kunststoffhülle an das Leitwerk einer Junkers Ju 52.

Das Fahrgestell der J1 wirkt eher wie die Plattform eines Elektroautos: Ein flacher Alurahmen verbindet Vorder- und Hinterrad, die beide von Schwingen geführt werden. Unter dem Fahrer sitzt der Akku, der je nach Ausführung 8,3 oder 12,7 kWh fasst. Der Motor arbeitet dagegen direkt am Hinterrad.

Hecklastiges Vergnügen

Das hat Konsequenzen: Steige ich bei anderen Motorrädern hart in die Vorderradbremse, taucht die Maschine nach vorne ein, das Hinterrad kommt dabei hoch und erzeugt entsprechend kaum noch Bremsleistung. Nicht so bei der Johammer. Wenn man eine vergleichbare Bremsleistung wie bei einem konventionellen Zweirad erzielen will, muss man die Hinterradbremse sehr viel stärker betätigen.

Motorradfahrer müssen sich bei der Fahrt mit der J1 also schon beim Bremsen umgewöhnen. Und weil Firmenchef Johann Hammerschmid der Flexibilität seiner Kunden offenbar nicht zu hundert Prozent vertraut, ist er lieber auf Nummer sicher gegangen: "Wir haben ein gewisses Nicken auf die Vorderachse künstlich erzeugt", erklärt er. "Eigentlich würde die J1 konstruktionsbedingt ganz ohne auskommen, aber die Maschine wurde extra darauf abgestimmt, um Motorradfahrern ein vertrautes Fahrgefühl zu bieten."

Wackelige erste Meter

Vertrautes Fahrgefühl? Die ersten Meter auf dem ungewöhnlichen E-Bike sind eine wackelige Angelegenheit. Es gibt keinen richtigen Lenker, der sich um ein zentrales Lager dreht, sondern stattdessen einzelne, schwenkbare Griffe, die sich parallel zueinander drehen. Extrem ungewohnt, etwas nervös rolle ich auf die Straße. Unbewusst entscheide ich mich für die sportlichere Sitzposition. Denn an einem fehlt es der J1 nicht: Fußrasten. Es gibt zwar nur einen Sitzplatz, aber zwei Paar Fußstützen. So sitzt man entweder sportlich, mit angewinkelten Beinen, oder entspannt in Cruiser-Position mit nach vorne gestreckten Beinen. Die hinteren Fußrasten versprechen etwas mehr Kontrolle, die kann bei der eigenwilligen Lenkung nicht schaden.

Leider verführt mich die sportlichere der beiden Sitzpositionen zu meiner von eher agilen Maschinen gewohnten Fahrweise. Lautlos gleite ich durch die Kurve und reiße am Scheitelpunkt am Gashahn, um aus der Kehre heraus zu beschleunigen. Eigentlich mache ich alles wie immer - und, das wird mir nach einigen Kilometern klar, einfach alles falsch.

Die Reichweite schmilzt dahin

Denn so wie ich fahre, schmilzt die Reichweite rasend schnell dahin. Prognostiziert das elegant in den rechten Rückspiegel integrierte Display zu Beginn noch eine Reserve von 130 Kilometern, dampft mein dynamischer Angang die Zahl nach rund 40 gefahrenen Kilometern auf magere 50 Kilometer ein.

Hammerschmidt beschwichtig zwar: Das Display spiegle nicht immer die tatsächlich verbleibende Reichweite wieder. Stattdessen errechne der Bordcomputer alle zwanzig Kilometer die Reichweite neu, und zwar auf Basis des aktuellen Fahrprofils. Wer entspannt fahre, schaffe locker 200 Kilometer (daher auch die Typbezeichnung J1.200), und müsse dabei auch nicht schleichen, so Johann Hammerschmid: "Selbst wenn Sie das Ding voll herpanieren, fahren sie trotzdem 170 Kilometer". Drauf verlassen möchte ich mich nach meinen Erfahrungen aber lieber nicht.

Eine Tour gegen alte Gewohnheiten

Die Zukunft und ich, das passt irgendwie noch nicht so recht - und das ist wohl meine Schuld. Das sei am Anfang ganz normal, beruhigt mich Firmenchef Johann Hammerschmid. Vollgas, Bremse, in die Kurve legen, Vollgas - das ist für Johann Hammerschmid die alte Welt. Deren Gewohnheiten bringe man zu 100 Prozent mit, müsse sie aber ablegen. Es geht um nicht weniger als ein vollkommen anderes Verständnis von Motorradfahren.

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Johammer J1: Summ, summ

Deswegen verzichtet Johammer bei seinem Motorrad auch auf die Angabe der gewohnten Leistungsdaten. Eine Zeit für den Sprint von null auf 100 km/h sucht man in den Unterlagen vergeblich. Tatsächlich dauert er rund sieben Sekunden - beim Ampelstart hätte man mit der J1 also eher schlechte Karten. Die offizielle Messung fehle aber nicht deshalb, sie passe einfach nicht ins Konzept, erklärt Johann Hammerschmid: "Das ist ein Cruiser, damit soll man genießen. Da ist die Zeit von null auf 100 irrelevant, das sind Werte aus einer anderen Welt." Stattdessen sollen Kunden die Umwelt und auch die Landschaft intensiver erleben.

Damit Kunden der Sprung in das neue Zeitalter der Elektromobilität auch wirklich gelingt, überlässt Johammer nichts dem Zufall. Klassische Probefahrten bietet die Firma nicht an. Stattdessen schickt sie potenzielle Kunden auf sogenannte Genusstouren, bei denen sie langsam an die neue Fahrweise herangeführt werden.

Neues Fahrgefühl dank E-Antrieb

Eine Fahrt auf der J1 fühlt sich tatsächlich neu an: Ist man auf einem normalen Motorrad, zudem einem sportlichen, beim Fahren in einen Kokon unmittelbarer Sinneseindrücke von Fahrphysik und Motorenlärm eingehüllt, verschmilzt man auf der Johammer stärker mit der Umgebung. Ich fühle mich auf der Landstraße eher wie auf einem viel zu schnellen Fahrrad, das mich lautlos von Kurve zu Kurve schiebt.

Trotz der relativ niedrigen Leistung, die eher mit einer 250ccm-Maschine vergleichbar ist, nach Schleichen fühlt sich die Fahrt auf der J1 nie an. Vor allem zwischen 30 und 100 km/h beschleunigt das Motorrad wirklich gut - und so ganz ohne die gewohnte Geräuschkulisse wirkt das Tempo deutlich höher: 120 km/h Spitze haben sich noch nie so schnell angefühlt.

Sportlich orientierte Fahrer werden mit der Johammer wahrscheinlich trotzdem nie richtig warm - egal, für welche der beiden Sitzpositionen sie sich entscheiden. Das Fahrwerk gleicht zwar alle Unebenheiten problemlos aus und bietet viel Komfort, dafür aber kaum Rückmeldung. Denn die sportlichere Sitzposition suggeriert nur etwas mehr Kontrolle, eine wirkliche Verbindung zur Straße baue ich aber nicht auf. Sobald ich die Beine ausstrecke und die Füße auf die vorderen Fußrasten lege, wird die J1 zum Schaukelstuhl.

Reichweite tanken am Ortseingang

Es ist aber nicht so, dass bei der großen Umstellung nur verzichtet wird. Der Elektromotor zieht so etwas wie eine zusätzliche Dimension in das Fahren mit dem Motorrad ein: die Rekuperation. Lässt man den Gasgriff einfach nur los, segelt die J1 einfach weiter. Dreht man ihn dagegen von sich weg, gewinnt der Motor Energie zurück, lädt die Akkus und bremst das Motorrad. Daran gewöhne ich mich deutlich schneller als an die Bremsen der J1 und kann ganz entspannt ein paar Kilometer wertvoller Reichweite dazugewinnen - und das leise, tiefe Surren des Motors danach noch intensiver genießen.

Doch Ortseingänge haben neben der Motorbremse noch einen Vorteil - denn innerorts kann die Johammer ihren größten Trumpf ausspielen: ihr Aussehen. Mit keinem anderen Motorrad lässt es sich so sympathisch angeben. Die J1 fällt auf - trotz, oder vielleicht sogar wegen des fehlenden Lärms, staunende und irritierte Blicke folgen dem extravaganten Cruiser, während ich leise vorbeisurre. "Cooles Teil, ist das elektrisch?", fragt ein Handwerker am Straßenrand. Entgegenkommende Autofahrer werden häufig langsamer, um das ungewöhnliche Motorrad zu begutachten.

Das Motorrad als Kleidungsstück

Das ist auch so gewollt, erklärt mir Johann Hammerschmid: "Sie müssen eindeutig als der moderne Held der Zukunft erkannt werden." Das Motorrad sei nun mal so etwas wie ein Kleidungsstück, mit dem die Kunden ihren Lebensstil ausdrücken. Die Johammer soll also kein Geheimnis daraus machen, dass sie ein ganz neues, anderes Motorrad ist. Und das wirkt.

Als ich das Motorrad abstelle, winkt mir eine Passantin von der anderen Straßenseite aus lächelnd zu. "Sieht geil aus", ruft sie im Vorbeigehen. Da fühle ich mich dank meiner neuen Klamotte einen kurzen Moment lang wirklich wie ein Held aus der Zukunft. Zwar verlangen die neuen E-Motorräder eine Umstellung, aber immerhin wird man zum Dank nicht für einen Idioten gehalten. Ob das knapp 25.000 Euro wert ist, bleibt jedem selbst überlassen.

Fahrzeugschein
Hersteller: Johammer
Typ: J1.200
Karosserie: Motorrad
Motor: Synchronmotor
Getriebe: Einstufig
Antrieb: Heck
Leistung (E-Motor): 22 PS (16 kW)
Drehmoment (E-Motor): 220 Nm
Höchstgeschw.: 120 km/h
Kraftstoff: Strom
Gewicht: 178 kg
Preis: 24.900 EUR
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insgesamt 74 Beiträge
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Seite 1
dolfi 29.06.2018
1. Bist du varuckt!
Was für eine heisse Mopett‘n! Das Design ist aussergewöhnlich und absolut cool. Die Reichweite so lala. Aber der Preis! Für 24 TEUR bekomme ich eine voll-ausgestattete GS mit allem pipapo. Und kann dann noch überall tanken (und die Luft verpesten). Die Johammer ist ein Spielzeug für Hipster mit einem reichen Daddy vielleicht oder für einen Zahnarzt, dem die Harley bald zu teuer wird.
Bärthold 29.06.2018
2.
Mir gefällt die Philosophie, die dahinter steckt: Wir werden mit unserer Mobilität umdenken müssen. Und genau das wird die Schwierigkeit werden. Unsere Gewohnheiten sind bei Zwei- und Vierrädrigen Vehikeln seit Geburt auf die aktuelle Verbrennerkultur konditioniert. Leider wird es nicht funktionieren, neue Mobilitätskonzepte in althergebrachte Verpackung zu stecken. Meine Meinung: unsere Ingenieure hinken 15 Jahre hinterher, unsere Bevölkerung 30 Jahre.
ideologiefreier-Realist 29.06.2018
3. Aha
Ich fahre Motorrad um die Straße und jede Kurve zu spüren. Ich fahre Motorrad auch um die brachiale Gewalt der Maschine zu spüren. Kann das Ding alles nicht. Das Ding kann nur auffallen. Wird vielleicht seine Kunden finden. Das werden aber keine Motorradfahrer sein. Mir erschließt sich der Sinn dieses Dings nicht. Motorrad ist im Gegensatz zu den meisten Autos, die ja auch einen Nutzen haben, purer Spaß.
10kwh 29.06.2018
4. Innovative Technik
... aber ob man damit angeben kann, wenn man das überhaupt möchte ... ich weiß nicht. Für meinen Geschmack ist es eine Mischung aus cool und hässlich, also eher peinlich. Kaufen würde ich es mir für diesen Preis gewiss nicht.
na-bravo 29.06.2018
5. Schön..
ist anders! Hat aber auch nicht mehr viel mit Motorrad zu tun bei 7 Sekunden auf 100, gerade die Beschleunigung macht einen guten Teil des Motorradfahrers aus, dafür aber ein Jo Hammer Preis und hässlich. Da gibt es schönere E- Roller für kleineres Geld bei denen man nicht auch noch das Fahren neu lernen muss. Aber jedem das Seine!
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