Von Tom Grünweg
Herr Winterkorn, es wäre mal wieder so weit. Es gibt ein neues Automodell aus Korea zu begutachten, und das Urteil dürfte ähnlich ausfallen wie beim Hyundai i30, den der VW-Konzernlenker auf der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt unfreiwillig lobte - eine Szene, die ihn zum YouTube-Star machte. Diesmal geht es um ein Auto der Hyundai-Schwester Kia. Ab April 2012 soll das Mittelklassemodell Optima gegen VW Passat und Co. antreten. Bislang war Kia in diesem Segment mit dem ebenso farb- wie erfolglosen Magentis krasser Außenseiter.
Und der neue Optima? Während der VW Passat konservativ, bieder und langweilig aussieht, bringt die Optik des Kia Modells frischen Wind in die Mittelklasse. Die Karosserie wirkt frech und fordernd, die Frontpartie ist nach Kia Lesart von einer Tigernase inspiriert und die Silhouette ähnlich gebogen wie bei einem Coupé. Auch bei den Details geben sich die Koreaner keine Blöße: Rückleuchten und Tagfahrlicht strahlen mit LED-Technik; dazu kommt, dass der Optima mit 4,85 Meter ein gutes Stück länger und entsprechend geräumiger ist als der Passat.
Die Solidität, die das Äußere ausstrahlt, setzt sich im Innenraum fort. Die Türen fallen mindestens so satt ins Schloss wie beim Wolfsburger Platzhirsch, und auch die Materialanmutung ist ebenbürtig. Das Leder fühlt sich weich und glatt an, die hinterschäumten Kunststoffe sind fein marmoriert, die Grafik im Kombi-Instrument ist hochauflösend, die meisten Schalter und Regler ziert ein feiner Chromstreifen. Und die Holzeinlagen in den Türen haben nichts mehr zu tun mit den früheren, billig glänzenden Attrappen vom Typus koreanische Vinyleiche. Ein Manko sind die etwas zu kurz geratenen Sitze, die auf langen Strecken irgendwann ungemütlich werden. Und auch die Kopffreiheit ist begrenzt - die wurde nämlich der schon erwähnten, vermeintlich sportlich abgeflachten Silhouette geopfert.
In den meisten Kategorien hängt der Optima den Passat ab
Der billigste Kia Optima kostet 24.490 Euro, und die Grundausstattung ist üppiger als jene bei VW: Eine Zwei-Zonen-Klimaautomatik sowie ein Tempomat sind serienmäßig an Bord. Gegen Aufpreis gibt es Hightech- und Luxusextras wie eine Einparkautomatik, eine Spurführungshilfe oder eine Sitzbelüftung und ein beheiztes Lenkrad. Und während die Niedersachsen nur zwei Jahre Garantie geben, stehen die Koreaner sieben Jahre für ihr Produkt ein.
Also alles optimal mit dem Optima? Leider nicht ganz. Denn unter der Haube hapert es. Zum Verkaufsstart bietet Kia als Motorisierung lediglich einen 1,7-Liter-Dieselmotor mit 136 PS Leistung und 325 Nm Drehmoment an. Das Aggregat ist einfach zu schmächtig für den großen Wagen und seine noch größeren Ansprüche. Vor allem in Kombination mit der sechsstufigen Automatik bleiben Leistung und Fahrspaß auf der Strecke. Die Jungfernfahrt mit dem Auto durch die französischen Seealpen ist mehr Geduldsprobe als Vergnügen.
Der Motor wirkt unausgeschlafen - und brummelig ist er auch
Warum? Weil Überholmanöver akribisch geplant und vorbereitet werden müssen, und weil man an Steigungen besser manuell und zügig zurückschalten sollte, als auf die Automatik zu warten. Außerdem ist der Motor nicht nur lahm, sondern auch noch laut. Das ist besonders schade, weil die Koreaner den Optima sonst sehr ordentlich gedämmt haben und man weder den Fahrtwind noch die Abrollgeräusche hört. Immerhin: Der Verbrauch ist okay. Mit optionaler Start-Stopp-Automatik und gerückter Eco-Taste für Klimaanlage und Co. liegt er für den Handschalter auf dem Prüfstand bei 4,9 Litern. Unser Automatik-Testwagen lag nach einer Rundfahrt im Hinterland der Côte d'Azur bei einem Durchschnittswert von soliden sieben Litern.
Was die Motorenpalette betrifft, versprechen die Koreaner zumindest noch größere Vielfalt. Ab Juni liefern sie den Optima auch mit einem 2-Liter-Benziner aus, der 170 PS leistet, und ab Herbst folgt dann ein Hybridantrieb - eine Premiere für ein Serienauto aus Korea.
Das Fahrwerk des Optima arbeitet ordentlich. Die Limousine liegt satt auf der Straße und lässt sich selbst von den Nachlässigkeiten der französischen Straßenbauer nicht aus der Ruhe bringen. Die Lenkung jedoch wirkt synthetisch und einen Tick zu leichtgängig. Im Stadtverkehr ist das angenehm, weil man leichtfüßig die Spuren wechseln und entspannt rangieren kann. Aber auf einer kurvigen Landstraße hätte man das Auto gerne besser im Griff.
Ein Auto, dem eigentlich nur eines fehlt für Europa: eine Kombi-Karosserie
Klasse Optik, üppige Ausstattung, ordentliche Verarbeitung, attraktiver Preis und sieben Jahre Garantie - der Kia Optima sollte VW-Boss Winterkorn tatsächlich ein wenig aus der Ruhe bringen, ungeachtet der vorerst müden Motorisierung und der wachsweichen Lenkung. Dass die Wolfsburger trotzdem ruhig schlafen können, hat eher mit der Karosserieform zu tun. In Europa wird in der Mittelklasse mehr als die Hälfte aller Fahrzeuge als Kombi verkauft - und Kia tritt mit einer Limousine an.
Das wird sich auch so schnell nicht ändern lassen. "Wir leiden unter unserem Erfolg", sagt Marketingchef Benny Oeyen. Er meint den Optima-Boom in Korea, China und den USA - allesamt Märkte, auf denen sich niemand für einen Kombi interessiert. "Derzeit laufen alle drei Optima-Werke so nah am Limit, dass eine weitere Karosserievariante einfach nicht drin ist."
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