Fahrbericht Kia Picanto An den richtigen Stellen dick aufgetragen

Als der Kia Picanto 2004 auf den Markt kam, war er ein schlichtes Wägelchen für Anspruchslose. Seit vergangenem Jahr wird die dritte Generation des kleinsten Kia-Typs verkauft. Mit dem Auto von einst hat sie nichts mehr zu tun.

Jürgen Pander

Von Jürgen Pander


Das Lenkrad macht das Auto auf Anhieb sympathisch. Es ist ein bisschen dicker als üblich und hat zwei Griffmulden, die sich anfühlen wie ein maßgeschneiderter Handschuh; außerdem hat der Lenkradkranz eine hübsche Ziernaht und auf den waagerechten Speichen sind insgesamt zwölf Tasten angeordnet. Dazwischen, wie üblich, die Hupe. Es war clever von den Kia-Leuten, dem Lenkrad besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Denn es ist - von Schlüssel und Türgriff mal abgesehen - der erste Kontaktpunkt mit dem Auto. Und auch wenn das jetzt kitschig klingt: Dank des Lenkrads funkt es sofort.

Darauf ist man natürlich nicht vorbereitet, wenn man einem Kleinwagen aus Südkorea begegnet. Da erwartet man Zweckmobilität erster Ordnung. Solide, klar, aber vor allem billig, schlicht und womöglich etwas lieblos eingerichtet. Und dann das: Ein Lenkrad wie aus einem viel größeren und teureren Auto.

Dort, wo es drauf ankommt, sich ins Zeug zu legen - diesen Trick beherrscht Kia. Der Picanto ist ein Paradebeispiel dafür. Denn alle Details, auf die der Blick fällt, die man anfasst und mit denen man zu tun hat als Fahrer oder Passagier, hinterlassen das Gefühl, dass sich jemand etwas gedacht hat bei der Gestaltung oder der Funktionsweise.

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Die Drehknöpfe am Bordcomputer und für die Klimabedienung rasten mit genau dem richtigen Widerstand ein, die seitlichen Luftausströmer sind elegant geformt gut einstellbar und in der Ablage der Mittelkonsole springen auf Knopfdruck zwei Getränkehalter hervor.

Es sind solche Kleinigkeiten, die auch den Unterschied zu anderen Kleinwagen ausmachen. Denn selbstverständlich ist der Kia Picanto zu 95 Prozent ein Auto wie jedes andere in der 3,60-Meter-Klasse (darunter Suzuki Ignis, Opel Karl, Fiat Panda und VW Up). Die Eckpunkte des Wagens: Länge 3,60 Meter, fünf Sitzplätze, vier Türen, Heckklappe und eine komplett durchschnittliche Technik. Das Basismodell des Picanto wird schließlich für 9990 Euro verkauft, das schließt Mätzchen von vornherein aus.

Wir fuhren den Wagen mit Vierzylinder-Benziner

Das von uns gefahrene Testauto, in dem zum einen der stärkere, 1,2 Liter große Benzinmotor mit einer Leistung von 84 PS verbaut war und zum anderen die üppigere Ausstattung mit Namen "Spirit", kostet allerdings 14.290 Euro. Wenn dann noch, wie im Testwagen, Metallic-Lack ("Celestial-Blue"), Navigationssystem sowie ein paar weitere Extras hinzukommen, stehen 17.120 Euro auf dem Preisschild. Auch das also beherrscht Kia längst so gut wie die sogenannten Premiumhersteller: Die Preistreiberei mit Hilfe aufpreispflichtiger Extras.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des Kia Picanto - mit unserem 360-Grad-Foto:

Das Fahrgefühl im Auto ist erfreulich neutral. Die Lenkung ist leichtgängig, das Fünfganggetriebe manchmal etwas hakelig, das Fahrwerk kommod und ohne weitere Auffälligkeiten. Vom Vierzylindermotor erwartet man vielleicht ein bisschen mehr Biss, zumal das Leergewicht mit knapp weniger als 1000 Kilogramm flott in Schwung zu bringen sein sollte. Aber: Der Picanto bleibt eher auf der lethargischen Seite. Was andererseits kein Problem ist, denn wozu sollte ein Auto dieses Formats irgendwelche sportlichen Ambitionen zeigen.

Grundsolide und mit Vertrauensvorschuss

Das Problem allerdings ist: Auch wenn man sich dem Antrieb anpasst, also dezent beschleunigt und völlig unambitioniert im Verkehr mitschwimmt, kommt man dem Normverbrauch von 4,6 Liter nicht einmal nahe. Rund 6,2 Liter im Schnitt verbrauchte der Testwagen, da fragt man sich schon, wie diese Differenz entstehen kann.

Was die Alltagstauglichkeit betrifft, ist der Picanto erste Wahl in seiner Klasse. Beispiele: Auf der Rückbank gibt es drei Plätze (beim VW Up sind es zwei), der Kofferraum mit doppeltem Boden fasst 255 Liter (beim Opel Karl sind es 206) und dann gibt es noch die asymmetrisch geteilte Rücksitzlehne, mit der sich der Laderaum stufenweise bis auf 1010 Liter vergrößern lässt.

Wie reiht sich der Kia Picanto nun ein unter den Kleinwagen? Ziemlich weit vorne, muss man sagen, denn das Gesamtpaket des wendigen, übersichtlichen Autos ist sehr ordentlich. Dazu kommt eine erfrischende Optik mit markanten Linien und aufrechter Karosserie. In einer Kategorie ist Kia sogar nach wie vor unerreicht: Als einziger großer Hersteller bietet die Marke sieben Jahre Herstellergarantie (oder bis 150.000 Kilometer Laufleistung). So etwas hören Kleinwageninteressenten gern.

Fahrzeugschein
Hersteller: Kia
Typ: Picanto 1.2 Spirit
Karosserie: Kleinwagen
Motor: Vierzylinder-Benziner
Getriebe: Fünfgang-Schaltgetriebe
Antrieb: Front
Hubraum: 1.248 ccm
Leistung: 84 PS (62 kW)
Drehmoment: 122 Nm
Von 0 auf 100: 12,0 s
Höchstgeschw.: 173 km/h
Verbrauch (ECE): 4,6 Liter
CO2-Ausstoß: 106 g/km
Kofferraum: 255 Liter
umgebaut: 1.010 Liter
Gewicht: 995 kg
Maße: 3595 /1595 / 1485
Preis: 14.290 EUR
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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
sunion 06.03.2018
1.
Hubraum: 1.248 ccm ??? Wow! h
dm62.werbung 06.03.2018
2. 6,2 Liter Testverbrauch?
"Wie reiht er sich der Kia Picanto nun ein unter den Kleinwagen? Ziemlich weit vorne, muss man sagen" - bei 6,2 Liter Testverbrauch?? Das ist für ein Auto dieser Größe absolut nicht zeitgemäß und eine Frechheit. Ich fahre einen Dacia Logan (da passt der Kia in den Kofferraum) und der hat einen durchschnittlichen Verbrauch von 6,4 Liter.
quark2@mailinator.com 06.03.2018
3.
Uff, also diese Kiste ist seit Längerem die häßlichste Neuvorstellung, derer ich gewahr werde. Das ist natürlich mein rein persönliches Formempfinden und andere mögen das anders sehen. Front- und Heckansicht finde ich extrem unangenehm, das Cockpit zu aufgeregt, den Innenraum zumindest auf den Fotos klaustrophobisch. Der Kofferraum ist klassentypisch nutzerfeinlich - enge Luke, hohe Kante ... Ich sehe wirklich keinerlei Oha-Effekt und dann ist die Karre auch noch deutlich zu teuer für das, was sie (nicht) bietet. Ich schreibe ja ungern so einen Verriß, aber hier steh ich kopfschüttelnd davor und wundere mich nur.
kai-ser210 06.03.2018
4. KIA Fanboy
Ich besitze seit 9 Jahren einen Picanto (2. Generation) und bin mehr als zufrieden. Damals dank Abwrackprämie für gerade ein mal 7500 Euro gekauft. Trotzdem hat er Klimaanlage, ein paar andere Extras und für einen Kleinwagen ein großes Sicherheitspaket. Und obwohl er jeden Tag unter freiem Himmel parkt, gibt es keine Anzeichen von Rost. Und auch sonst gab es nach bisher 110.000 km Laufleistung keinen einzigen Defekt, bis auf Verschleißteile wie Bremsen und Zahnriemen (leider hat mein Model noch keine Steuerkette). Mittlerweile ist er mein Zweitwagen, aber auch mein Erstwagen ist ein KIA geworden. Die Firma hat mich einfach überzeugt. Und was ich jetzt hier über das neue Picanto Model lese, bestätigt meine Erfahrungen. KIA kann nicht nur durch seine lange Garantie, sondern auch durch überzeugende Technik punkten. Bei meinem Picanto habe ich übrigens auf die Jahresinspektionen und somit die Garantie verzichtet. Nur jährlich gabs einen Ölwechsel. Trotzdem bringt er mich oder meine Frau immer noch zuverlässig von A nach B. Falls er doch ein mal das Zeitliche segnet, könnte durchaus das hier im Artikel beschriebene Model nachrücken. In Standardausführung zumindest. Alles andere wird dann doch zu kostspielig.
PremiumB 06.03.2018
5. Meine Frau hat einen Picanto von 2016
Ein klasse Auto. Nagelneu (keine Tageszulassung) in Kirschrotmetallic, Klimaautomatik, Leichtmetallfelgen, Lichtsensor, Stereoanlage mit Bluetooth, Regensensor, alle sicherheitsrelevanten elektronischen Helferlein und unschlagbare 7 Jahre Garantie. Dazu ein sehr guter Service für sage und schreibe 10.750 Euro. VW wollte für einen ähnlich ausgestatteten Up ganze 15.000 Euro haben, mit nur zwei Jahre Garantie (was mir bei VW zu riskant wäre, nach den ganzen Debakeln von Steuerkette bis Dieselbetrug). Mein nächstes Auto wird selbstverständlich auch ein KIA
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