KTM Duke 790 im Test Nackt, mit Schluckauf

Die Duke 790 ist KTMs erstes Bike mit Reihenzweizylinder. Auf den ersten Testkilometern begeistert der neue Motor - nur beim Langsamfahren gibt es Probleme.

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Der erste Eindruck: Knallorange und kein Teilchen zu viel am Bike: Naked as naked goes.

Das sagt der Hersteller: KTM hat sich bei der 790 Duke viel Zeit gelassen. "Vier Jahre hat die Entwicklung gedauert", sagt Adriaan Sinke, der Senior Product Manager für die 790 Duke. "Aber wir glauben, dass wir eine wichtige Maschine für den Markt gebaut haben."

Der erste Reihenzweizylinder aus dem Werk in Mattighofen und das erste Fahrzeug mit 799 Kubik soll für KTM die Plattform für die Motorradgeneration sein, welche die Produktlücke zwischen der kleinen 690 Duke-Einzylinder und der Premium-Power, der 1290 Super Duke V-Twin, schließt.

Die schärfe R-Version eines Fahrzeugs schieben sie bei KTM immer zügig hinterher; eine 790 Adventure für die Offroad-Fraktion ist für spätestens 2020 schon in der Pipeline. Und warum, so fragt man sich, soll sich die KTM-Tochter Husqvarna nicht etwas Hipster-Schickes mit dem 790er-Zweizylinder einfallen lassen?

"Natürlich macht es ökonomisch keinen Sinn, ein singuläres Produkt zu präsentieren. Da muss und wird mehr kommen", sagt Produktmanager Adriaan Sinke.

Das ist uns aufgefallen: Der "LC8c", so der Codename für den neuen Motor, hat 799 Kubik, verfügt über einen 75 Grad Hubzapfenversatz, und leistet 105 PS bei 9000/min. Sein maximales Drehmoment beträgt 86 Nm bei 8000/min. Rechnet man den Zusatz "Masse in fahrbereitem Zustand 187 kg" noch ein, heißt das in Summe: eine auffällig leichte, aber ganz scharfe Waffe. Oder wie KTM es nennt: das Skalpell.

Der Arbeitsplatz der neuen Duke
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Der Arbeitsplatz der neuen Duke

Der Platz hinter dem 820 mm breiten gekröpften Lenker und dem kleinen TFT-Display lädt in Verbindung mit dem vorbildlich harten und schmalen Sitzpolster zu einer extrem entspannten Lenk- und Fahrarbeit ein. Nichts wirkt nervös, nichts aggressiv. Wie sagte ein Kollege nach den ersten Kilometern anerkennend: "Draufsetzen, abfahren, sich zu Hause fühlen."

Was dazu überhaupt nicht passt, ist der Unwille des neuen Motors, sich bei geringer Geschwindigkeit und niedriger Drehzahl ruhig zu verhalten. Wenn das Aggregat nicht unter Zug oder Schub liegt, wird es unter 2500 U/min schnell zickig. Es ruckelt und schlabbert an der Kette und verschluckt sich gerne mal. Da wäre mehr Feinabstimmung der Entwickler wünschenswert gewesen.

Dieser Malus ist aber schnell vergessen, wenn eine freie Strecke vor der 790er liegt. Der Stahlrohrrahmen nutzt den Motor als tragendes Element, das Leichtmetall-Rahmenheck ist mit dem Hauptrahmen verschraubt. Der Vorbau wird durch eine feinfühlig ansprechende und sehr steife WP-Upside-down-Gabel dominiert. Im Heck arbeitet ein mit einer progressiv gewickelten Feder ausgestattetes Federbein; hier hat die 790 Duke 150 mm Federweg.

Eine Überraschung sind die Bremsen: Die Stopper vorne und hinten kommen nicht wie vielleicht erwartet von Brembo, sondern sind Eigenentwicklungen von KTM zusammen mit einem spanischen Partner. Sie haben den Test bestanden; sind jetzt nicht extrem bissig, aber packen schon mit wenig Kraftaufwand gehörig zu. Auch bei den Reifen geht KTM ungewohnte Wege: Hier kommt Hersteller Maxxis zum Zug, bislang eher für gute Qualität im Offroad-Bereich bekannt. Schon nach den ersten Kilometern in den Bergen ist klar: Die Pneus passen bestens zur 790 Duke.

In dieses System hat KTM das volle Paket elektronischer Fahrhilfen und Sicherheitssysteme eingebaut: Kurven-ABS mit Supermoto-Modus, neunfach verstell- und justierbare Traktionskontrolle TC, Wheelie-Control, Schleppmoment-Regelung, Launch-Control sowie wählbare Fahrmodi jeglicher Couleur.

Neben dem Rain-Modus (mit sanftem Ansprechverhalten und weniger Leistung) und dem Street-Modus (direktes Ansprechverhalten, volle Power) hat KTM noch den Sport-Modus (scharf, mit voller Leistung) und den Track-Mode im Angebot - bei Letzterem sind alle Parameter wie zum Beispiel ABS, TC, MSR, Wheelie- und Launch-Control voll konfigurierbar.

Unter den Elektrobausteinen ragt der Quickshifter+ heraus. KTM hat das Bauteil und vor allem das Zusammenspiel mit dem präzise zu schaltenden Getriebe anscheinend perfektioniert. Keine Ahnung, wie das noch besser gehen sollte.

Bergetappe mit der Duke
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Bergetappe mit der Duke

Nach 300 Kilometern in den Bergen und drei Turns auf der Rennstrecke gibt man die 790er sehr unwillig ab. Sie hat alle Ecken und Kanten der Bergstrecke blendend weggesteckt; das Fahrwerk alle Unruhe souverän geschluckt. Sie fährt unter Gasdruck rund und harmonisch und hat genug Power auch aus tiefen Drehzahlen, um PS-stärkeren Schwergewichtlern Paroli zu bieten. Ab 3000 Umdrehungen wird das Skalpell wach, bis 5000 Touren geht es zügig los - bevor dann der KTM-Schub bis zu Begrenzer um die 9500 richtig reinkickt. Fazit: So viel brachiale, aber beherrschbare Power bei so wenig Gewicht hat kein anderer Hersteller.

Zugleich ist das neue Mattighofener Pfund ausgesprochen alltagstauglich: Rundum leuchtet eine LCD-Anlage, die Fahrinformationen und Einstellmöglichkeiten liefert das Bosch-TFT-Display mit optionaler Smartphone-Integration KTM MY RIDE. Es ist erfreuliche handlich und klein, aber hat dennoch auch bei harter Sonneneinstrahlung die wichtigen Infos auf Blick parat. Der Verbrauch liegt bei zurückhaltender Fahrweise bei 4,4 Litern auf 100 km.

Das muss man wissen: Die Standardversion der Duke 790 in den zwei Farbvarianten Orange und Silber steht seit Anfang April 2018 zum Preis ab 9.790 Euro plus Nebenkosten beim Händler. Zusätzlich ist die 790 Duke statt mit 105 PS auch als 95 PS-Variante erhältlich, die sich für Newcomer mit A2-Führerschein weiter auf 44 PS drosseln lässt. Dieses Bike wird unter dem Namen KTM 790 Duke L angeboten.

Das werden wir nicht vergessen: Mit welcher Nonchalance die Entwickler von KTM auf eine jahrzehntelang erprobte Funktion verzichtet haben, die man bei modernen Fahrzeugen eigentlich für eine Selbstverständlichkeit hält: Die Duke 790 hat keinen Warnblinkschalter.

Fahrzeugschein
Hersteller: KTM
Typ: 790 Duke
Karosserie: Motorrad
Motor: Zweizylinder-Reihenmotor
Getriebe: Sechsgang
Hubraum: 799 ccm
Leistung: 105 PS (77 kW)
Drehmoment: 86 Nm
Höchstgeschw.: 235 km/h
Gewicht: 187 kg
Preis: 9.790 EUR


insgesamt 41 Beiträge
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thequickeningishappening 20.04.2018
1. Nix für Australien
Da zählt Der Ampelstart: von 0 au 50 bzw 60 ! Auf dem Highway ist bei 100 Schluss, Freeway 110. Aber Das schafft Die Neue sicher im 1. Gang ?! Als Café Racer wegen Der Unruhe im unteren Drehbereich ungeeignet und für's Outback gibt's bessere Optionen!
neutron76 20.04.2018
2. Da gab es gute Lösungen für ruhigeren Motorlauf
Meine Suzuki GR650 (auch Paralleltwin) hat zwei Schwungmassen an der Kurbelwelle. Eine wird ausgekuppelt, wenn der Motor hochdreht. 75 Grad Hubzapfenversatz ist einem runden Motorlauf auch nicht so förderlich, aber sie werden sich schon etwas dabei gedacht haben.
brahka 20.04.2018
3. Ernstzunehmende Alternative
Als Fahrer einer 1290r überlege ich mir, ob die 790 nicht eine gute Alternative ist. Scharf, aber nicht ganz so gewaltig. Dennoch genug Power für den öffentlichen Strassenverkehr. Eine Probefahrt wirds zeigen...
siegwart-kk 20.04.2018
4. oh nein
Ich wollte gerade die Duke bestellen aber ohne Warnblinkschalter kann ich das nicht verantworten.
krustentier120 20.04.2018
5. Schönes Bike, schöner Beitrag
Aber hier hat sich doch ein Fehler eingeschlichen: „Rundum leuchtet eine LCD-Anlage“, oder? Und Husqvarna hat mit der Vitpilen 701 doch gerade eine Hipster 700er raus gebracht. Kommt jetzt noch eine 800er?
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