Lada Kalina Kombi Aus Freude am Einparken

Nichts piept, nichts warnt, nichts nervt beim Lada Kalina. Mit dem russischen Kleinwagen fühlt sich Autofahren an wie in den Neunzigern. Herrlich!

Von Jürgen Pander

PANDER

In diesem Auto fühlt man sich gleich um mindestens 20 Jahre jünger. Der Wagen verströmt eine Aura, wie sie zuletzt in Kompaktwagen Anfang der Neunzigerjahre vorkam: beste Rundumsicht, schlichte Hartplastik-Ausstattung, ordentlich Platz bei wirklich kompakten Außenmaßen, 98-PS-Motor und kein Schalter oder Hebel, bei dem man nicht sofort weiß, wozu er gut ist.

Und erst das Fahren: Man hört den Vierzylinder und weiß sofort, wie es gerade um ihn steht. Man muss am Knauf des Fünfgang-Schaltgetriebes manchmal etwas fester drücken oder ziehen, und man spürt am Lenkrad haargenau, wie der Straßenbelag beschaffen ist. Herrlich, so war Autofahren noch vor gar nicht allzu langer Zeit.

Es gibt dennoch keinen Grund, den "Früher war alles besser"-Refrain anzustimmen. 7,6 Liter Durchschnittsverbrauch bei unserem Testwagen zum Beispiel sind nicht gerade eine Referenz für effizientes Vorwärtskommen. Offiziell gibt der deutsche Lada-Importeur in Buxtehude 6,6 Liter als Durchschnittsverbrauch an. Und die massive Ladekante, über die Gepäck in den Kofferraum gehievt werden muss sowie die Stufe, die durch das Umklappen der Rücksitzlehnen entsteht, sind ebenfalls keine Meisterleistungen.

Die kurze Liste der Inhaltsstoffe

Jedoch: Ein Kofferraumvolumen von 335 bis 670 Litern (nach VDA-Messmethode, also bis zur Unterkante der Seitenscheiben) ist respektabel für ein Auto von 4,08 Meter Länge. Und ein Leergewicht von 1130 Kilogramm ist ein Sahnewert mit Blick auf die Leichtbaubemühungen anderer Hersteller. Selbstverständlich kommt das Gewicht des Lada Kalina Kombi nicht mithilfe federleichter Hightech-Werkstoffe zustande, sondern ganz einfach durch: weglassen.

Das Auto ist eine rollende Fastenkur. Man begreift das schneller, wenn man aufzählt, was der Wagen hat, als würde man herunterrattern, was ihm alles fehlt. Also: Es gibt elektrische Fensterheber an den Vordertüren, ein höhenverstellbares Lenkrad, ein Radio mit USB-Anschluss und Freisprechanlage, eine Klimaanlage und eine Zentralverriegelung. Zur Sicherheitsausstattung gehören ABS, ESP, zwei Frontairbags, ein Reifendruckkontrollsystem, Isofix-Kindersitzbefestigungen und höhenverstellbare Sicherheitsgurte (das mit der Höhenverstellung bietet BMW beispielsweise nicht).

Nähert man sich dem Wagen mit einer gewissen Demut und der Bereitschaft, die von der Industrie als alternativlos suggerierten Komfort- und Elektronikfeatures nicht hemmungslos ins eigene Anspruchsdenken zu übernehmen - dann ist der Lada Kalina Kombi ein prima Auto. Klar, wer täglich sehr viel fahren, häufig auf unbefestigtem Terrain vorwärtskommen oder immer wieder mal Mitmenschen schwer beeindrucken muss, den wird das nicht überzeugen. Das ändert jedoch nichts an der hohen Alltagstauglichkeit des Wagens.

Aus Freude am Einparken

Ein- und Ausparken beispielsweise macht im Kalina Kombi richtig Spaß. Es nervt dabei kein Gepiepse, und man rangiert mit dem Auto wie in alten Fahrschultagen, also auf klassische Art mit Blick über die Schulter und mit erstklassiger Sicht in alle Richtungen. Die vergleichsweise niedrige Fensterlinie hat zudem den Vorteil, dass man als Fahrer den linken Ellenbogen bequem auf der Türbrüstung ablegen kann - ein Komfortdetail, das nicht mehr alle modernen Autos bieten.

Beim deutschen Lada-Importeuer jedenfalls wurde die zweite Generation der Kalina-Baureihe dringend erwartet, denn in den vergangenen anderthalb Jahren war Lada hierzulande im Wesentlichen ein Ein-Modell-Unternehmen, das vor allem den Offroad-Oldie Taiga (vormals Niva) verkaufte. Im abgelaufenen Jahr waren von insgesamt 1181 Lada-Neuzulassungen in Deutschland 990 Taiga-Exemplare, der Rest Autos vom Typ Granta, so heißt die Stufenheck-Variante der Kalina-Serie.

Mit Blick auf den Erfolg der Renault-Marke Dacia, die 2015 in Deutschland auf knapp 46.000 Neuzulassungen kam, hofft auch Lada in Zukunft auf Wachstum in Deutschland. Die Kalina-Typen, es gibt neben dem Kombi noch ein Fließheck-Modell, sind erst der Anfang. In der zweiten Jahreshälfte 2016 soll mit dem Lada Vesta, einer kompakten Limousine mit reichlich Renault-Technik unterm Blech, ein Fahrzeug das Angebot erweitern, das tatsächlich zum neuen Lada-Zugpferd werden könnte.

Nur ein Extra auf der Ausstattungsliste

Es wird vor allem vom Preis abhängen. Unser Testauto beispielsweise kostet neu 9690 Euro, und zwar inklusive Metalliclackierung. Aufpreis verlangt Lada lediglich für Nebelscheinwerfer (200 Euro). Eine Umrüstung auf bivalenten Benzin-Autogas-Betrieb ist möglich und kostet 2500 Euro. Wer den Kalina mit Fließheck-Karosserie ordert und mit dem 87-PS-Motor zufrieden ist, erhält das fabrikneue Auto für 6950 Euro. Billiger ist hierzulande nur noch der Dacia Sandero mit 73-PS-Motor, der ab 6890 Euro angeboten wird.

Da ist es wieder, dieses Gefühl, in eine frühere Zeit zurückversetzt worden zu sein. Als vierstellige Neupreise für einfache Pkw keineswegs die Ausnahme waren. Und als ein Auto in erster Linie noch ein Transportmittel war und keine Erweiterung des digitalen Lifestyles auf die Straße.

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insgesamt 233 Beiträge
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Seite 1
dschungelmann 28.01.2016
1. Perfektes Fahrzeug....
fuer Puristen, die auf Status und ueberfluessige Spielereien gern verzichten. Der hat alles was man wirklich braucht und das zu einem Preis, der prakrisch unter der Extraspreisliste bei BMW liegt. Ein gutes Auto zum Preis sinnloser Extras. Bravo.
prieten 28.01.2016
2. In Russland noch billiger?
Die Lada Kalina und Granta werden viel, viel billiger in Russland angeboten. Gibt es da nicht welche Sparmöglichkeiten? Gibt es ein Lada Händler in Kaliningrad wo man weniger zahlt?
schleichender 28.01.2016
3. Besten Dank...
...für diesen schönen Artikel. Eine "rollende Fastenkur" ist doch etwas dringend notwendiges in einer Zeit wo konsumbedingte Magengeschwüre und Blähungen einem den Sinn für's Wesentlich vernebeln. Ich wünsche Lada mit diesem Model alles Gute auf dem deutschen Automarkt.
Jobuch 28.01.2016
4. Erfrischend
Wenn das Teil jetzt auch noch zuverlässig wäre, wäre das MEIN Auto.
ctwalt 28.01.2016
5. Spannend
Für heutzutage geraezu lächerliche € 10.000,- ein so schlichtes, unauffälliges Auto an den Markt zu bringen, passt perfekt in die Zeit. 100PS und 1100kg passen auch gut zusammen.
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