Lamborghini Gallardo LP 560-4: Extremist auf dem Strip

Von Tom Grünweg

Lamborghini geht es besser denn je, und das verdankt die Audi-Tochter vor allem dem Gallardo. Mit viel Tamtam präsentierten die Italiener jetzt die aufgefrischte Version ihres Supersportlers. SPIEGEL ONLINE fuhr bereits Probe.

Auf dem Highway ist mal wieder die Hölle los. Was da die Interstate 215 rund um Las Vegas entlangröhrt, ist eine Armada brandneuer Lamborghini Gallardos. In der US-Spielermetropole präsentiert die italienische Marke gerade die überarbeitete Fassung ihres Bestsellers, die in Deutschland im Juni an den Start gehen wird.

Den Ort der Premiere wählte die Audi-Tochter mit Bedacht: Während den Piloten solcher Tiefflieger-Autos hierzulande bisweilen Neid und Missgunst entgegenschlägt, wurde der Gallardo auf dem Las Vegas Boulevard, der Hauptschlagader der Stadt freundlich begrüßt. Zuschauer reckten den Daumen, beim Kavalierstart an der Ampel brandete spontaner Szenenapplaus auf.

Dabei muss es schon ein Auto wie der Gallardo sein, damit man in der Luxuswelt von Las Vegas überhaupt auffällt. Deshalb haben die Italiener auch noch einmal am Design gefeilt und den Donnerkeil noch schärfer gemacht: Wie immer folge die Form der Funktion, doziert Entwicklungschef Mauricio Reggiani und schwärmt von optimierten Lufteinlässen, einem aerodynamisch geglätteten Unterboden und einem neu gezeichneten Heck, das vom Fahrtwind nun noch vehementer auf die Straße gepresst wird.

Alles richtig. Aber vor allem lassen die Änderungen den Gallardo noch böser aussehen, wenn er mit LED-Technik in den Tag blinzelt, die flirrend heiße Luft über dem Asphalt einsaugt und die Leuchtdioden in den Rücklichtern schimmern wie rot glühende Wurfsterne.

Viel wichtiger allerdings ist der neue Motor, der dem Wagen das Kürzel LP 560-4 beschert. Die erste Zahl steht für die um 40 PS gestiegene Leistung von 560 PS des auf 5,2 Liter vergrößerten Zehnzylindermotors, der jetzt mit Direkteinspritzung arbeitet. So soll den Kritikern wenigstens etwas Wind aus den Segeln genommen werden. Denn zusammen mit einem deutlich abgespeckten Gewicht, besserer Aerodynamik und speziellen Leichtlaufreifen sinkt der Verbrauch um satte 20 Prozent auf beinahe bescheidene 13,7 Liter - zumindest in der Theorie. In der Praxis ist der Wagen so verführerisch, dass man die Maschine gerne ausdreht und doch wieder über 20 Liter kommt.

Die zweite Ziffer im Typenkürzel verweist auf den serienmäßigen Allradantrieb, mit dem sich der Gallardo draußen auf dem Las Vegas Motorsport Speedway förmlich in den Asphalt krallt: Wenn der Zehnzylinder brüllt und die Flunder vom Hochgeschwindigkeits-Oval auf den Handlingparcours wechselt, reicht beinahe der kleine Finger, um den Wagen mit der Präzision eines Chirurgen durch die Kurven zu dirigieren.

Es geht noch etwas schneller: 325 km/h

Daneben haben die Italiener am elektronisch gesteuerten Getriebe gearbeitet. Auf der Rennstrecke wechselt es die Gänge nun noch schneller und bietet zudem einen so genannten Thrust-Mode, der den Kavalierstart perfektioniert und aus dem Stand optimal bis zur Höchstgeschwindigkeit beschleunigt.

Auf dem Boulevard hingegen schaltet der Automatikmodus nun so sanft, dass der Verkehr gar nicht langsam genug fließen kann. Wo rote Ampeln sonst nur Spaßbremsen sind, dienen sie dem Lamborghini-Fahrer hier als Lustgewinn: Denn ausfahren kann man den Boliden im Mutterland des Tempolimits natürlich nirgends, und die um zehn auf 325 km/h gesteigerte Höchstgeschwindigkeit schafft man auch auf keiner Rennstrecke. Doch wird bei Grün nur einmal fest aufs Gas getreten, schnellt der Drehzahlmesser nach oben und der Zehnzylinder katapultiert den Wagen in 3,7 Sekunden auf Tempo 100. In solchen Momenten wünscht man sich nie wieder eine grüne Welle.

Insbesondere in Las Vegas spürt man deutlich: Lamborghini steht längst nicht mehr nur für Autos. "Das ist auch ein Lebensstil", behauptet Markenchef Stefan Winkelmann und lässt deshalb nicht nur die Sportwagen röhren, sondern buchstäblich auch die Puppen tanzen. Eigens für die Präsentation ließ Lamborghini eine Show entwickeln, eine kleine Zeltstadt aufbauen und ein Dinner-Theater mit dem üblichen Mix aus Sport, Sex und Sangeskunst inszenieren.

Mit dem Drumherum wird richtig Geld verdient

So soll gleich auch die deutlich erweiterte Merchandising-Kollektion beworben werden, die für Winkelmann zunehmend an Bedeutung gewinnt. Zwar sind gute zehn Millionen Euro Umsatz noch bescheiden. "Doch die Marge ist mit der von den Autos nicht zu vergleichen", frohlockt der Chef, der grundsätzlich auch selbst in den durchgestylten Lambo-Klamotten auftritt und dem Thema große Priorität einräumt. Demnächst soll der ersten reine Merchandising-Store der Marke eröffnet werden. Wo? In Las Vegas natürlich.

Die Karriere des Gallardo steht für den Aufschwung Lamborghinis von der ebenso exotischen wie windigen Klitsche zu einem ernsthaften Sportwagenhersteller. Das Unternehmen dürfte auch der Markenmutter Audi allmählich Spaß machen: Nachdem Lamborghini in den ersten 40 Jahren im Durchschnitt weniger als 300 Autos pro Jahr verkaufte, hat die Firma im vergangenen Jahr mit 2407 Auslieferungen einen Rekord aufgestellt. Knapp 50 Millionen Euro überwiesen die Italiener nach Ingolstadt.

"Kompromisslos, extrem, italienisch"

Möglich macht das die jüngste und breiteste Modellplatte, die Lamborghini je hatte. Winkelmann beschreibt sie so: "kompromisslos, extrem und italienisch." Fragt man den Chef, wann Lamborghini denn den Erzrivalen Ferrari schlagen wolle, erklärt er nur halb im Spaß, das sei "längst erledigt". "Bei der Höchstgeschwindigkeit sind wir doch schon vorn." Bei den Stückzahlen allerdings sieht es noch anders aus.

Natürlich weckt der Erfolg die Hoffnung auf eine dritten Baureihe, über die schon seit Jahren spekuliert wird. Doch Winkelmann muss die Fans enttäuschen. "Noch eine Modellreihe können wir uns nicht leisten, dafür sind wir zu klein." Dass es deshalb aber außer dem zum Jahresende erwarteten Gallardo LP 560-4 Spyder nichts Neues geben wird, sei ein Irrtum, sagt Winkelmann. Dann spricht er von den Sondermodellen Superleggera und Reventón. "Solche Autos zeigen: Wir sind immer für eine Überraschung gut." Vom Veranstaltungshotel in Las Vegas sieht man eine Eiffelturm-Kopie. Vielleicht gibt es ja unter dem echten Eiffelturm in Paris, wo im Herbst die nächste große Automesse stattfindet, wieder eine Überraschung von Lamborghini.

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Fahrzeugschein
Hersteller: Lamborghini
Typ: Gallardo LP 560-4
Karosserie: Sportwagen/Coupé
Motor: V10-Benzin-Direkteinspritzer
Hubraum: 5.204 ccm
Leistung: 560 PS (412 kW)
Drehmoment: 540 Nm
Von 0 auf 100: 3,7 s
Höchstgeschw.: 325 km/h
Verbrauch (ECE): 13,7 Liter
CO2-Ausstoß: 327 g/km
Kraftstoff: Superbenzin
Kofferraum: 110 Liter
Preis: 173.740 EUR

Fotostrecke
Lamborghini Gallardo LP 560-4: Erfolgsmodell, Teil 2

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