Lamborghini Gallardo "Valentino Balboni" Lebenslänglich Vollgas

Er hatte den Job, von dem viele Autofans träumen. Mehr als 40 Jahre lang war Valentino Balboni Testfahrer bei Lamborghini und prägte die Supersportwagen mit. Jetzt widmete ihm die Firma ein Sondermodell. SPIEGEL ONLINE traf den PS-Veteranen und fuhr das nach ihm benannte Auto.


Ohne den Dorfpfarrer wäre Valentino Balboni wahrscheinlich Kfz-Mechaniker geworden. "Eigentlich wollte unser Pfarrer nur, dass ich nach der Schule nicht die ganze Zeit in der Kneipe herum hänge und Flipper spiele. Deshalb nahm er mich in seinem Fiat Cinquecento mit nach Sant'Agata, als er dort seine Eltern besuchte", erinnert sich Balboni an den Tag, an dem seine Beziehung zu Lamborghini begann.

Denn als die beiden, gleich am Ortseingang von Sant'Agata, die Fabrik des italienischen Autoherstellers passierten, war es um den jungen Balboni geschehen. "Da fuhr gerade ein Lkw mit Rohkarosserien für den Miura auf den Hof. Ich war so fasziniert, dass ich ausgestiegen bin." Der Pfarrer zockelte weiter zum Kaffeetrinken, Balboni jedoch drückte sich am Lamborghini-Zaun herum und durfte bald darauf rein - er wollte partout beim Abladen helfen. Ehe er nach ein paar Stunden wieder ins Auto zum Priester stieg, hinterließ er beim Pförtner Namen und Adresse.

Eine Woche später hatte er einen Job. "Mein erster Tag im Unternehmen war der 21. April 1968, das weiß ich noch wie heute", sagt er über die Begegnung mit dem Firmenchef Feruccio Lamborghini.

Natürlich fing Balboni nicht gleich als Testfahrer an. "Ich war ein Lehrling wie jeder andere, musste die Werkstatt fegen, Ersatzteile sortieren, die Anfänger-Arbeiten eben." Doch schon damals durfte er Kundenautos zur Inspektion vom Hof in die Werkstatt und wieder zurück fahren. Bei den paar Metern blieb es allerdings selten. "Zwei drei Runden um die Halle waren immer drin, auch wenn es jedes Mal Ärger mit dem Chef gab", erinnert sich Balboni an frühe Versuchungen.

Um öfter hinters Steuer der Sportwagen zu kommen, hielt sich Balboni häufig in der Nähe des damaligen Testfahrer Bob Wallace auf, begleitete ihn immer öfter und - beerbte ihn schließlich. "Als Lamborghini den Miura SV aufgelegte, wurde ich offizieller Testfahrer. Der Tag im Herbst 1973, an dem vor mir und meinem Prototypen zum ersten Mal die Schranke am Werkstor aufging, war der schönste in meiner Karriere", erinnert sich Balboni.

Mike Tyson war beinahe zu muskulös, um in den Countach zu kommen

In den Jahren danach hat der besonnen und ruhig wirkende Vollgas-Profi fast jedes Auto bewegt, das in Sant'Agata gebaut wurde. Denn neben Prototypen fuhr er auch die Serienmodelle ein - oft mit dem künftigen Besitzer auf dem Beifahrersitze. Dabei hat er zahlreiche Prominente kennengelernt. Balboni schwärmt noch heute von den rasanten Runden mit Sänger Rod Stewart oder US-Fernsehmoderator Jay Leno. Am besten in Erinnerung geblieben aber ist ihm der Termin mit Box-Champion Mike Tyson. "Bis wir diesen Riesen im Countach hatten, das war ein echter Kraftakt."

Ein abgeschirmtes Testgelände gab es damals noch nicht, und so war Balboni immer auf öffentlichen Straßen unterwegs - meist tief in der Nacht. Einige Prototypen mussten aus dem Graben geborgen werden. "Das waren immer nur Blechschäden. Weder Passanten, anderen Autofahrern noch mir selbst ist dabei jemals etwas passiert", sagt Balboni stolz.

Die erste große Autoliebe: Der Lamborghini Miura

Balbonis liebster Lamborghini? "Der Miura. Der ist so etwas wie meine erste Lamborghini-Liebe." Doch zur Zeit spricht Balboni selten von den schnellen Oldtimern. Sein Augenmerk gilt einem Sondermodell, mit dem sich sein Arbeitgeber in einem in der Branche bislang einzigartigen Akt der Ehrerbietung für 40 Jahre treue Dienste bedankt: dem Gallardo LP 550-2 "Valentino Balboni".

Das Auto wird in einer Auflage von 250 Exemplaren seit einigen Wochen verkauft. "Nach mehr als 20 Jahren ist das wieder ein Lamborghini ohne Allradantrieb", freut sich Balboni über den Donnerkeil mit dem weiß-schwarzen Zierstreifen, auf dem er natürlich auch schon abertausende Kilometer abgespult hat.

Kuriosum des Marketings: Dem Auto fehlen im Vergleich zum normalen Gallardo 10 PS, dafür ist der Preis mit 192.780 Euro um satte 20.000 Euro teurer. Logisch, dass Balboni mit dem nach ihm benannten Wagen hochzufrieden ist - was auch sonst? "Ein Sportwagen mit Heckantrieb macht einfach mehr Spaß", sagt der Vollgas-Veteran.

Das Auto mit Heckantrieb verlangt einen konzentrierten Fahrer

Für Otto-Normalfahrer sind die Unterschiede kaum zu ermitteln. Man muss schon sehr schnell in die Kurve fahren, um tatsächlich das leichtere Einlenken und die größere Präzision zu spüren, wenn die Vorderräder nur den Kurs und nicht die Kraft übertragen müssen. Für Balboni jedoch sind das Unterschiede wie Tag und Nacht: "Den normalen Gallardo kann man auch nach einem anstrengenden Tag im Büro fahren", sagt er über das Serienmodell. "Bei dem hier jedoch muss man hoch konzentriert sein - kann dafür aber auch mehr erleben."

Auch wenn Balboni jetzt offiziell Rentner ist, derzeit ist er schon wieder für Lamborghini unterwegs. Er signiert rund um den Globus "sein" Auto, wenn die Kunden das wünschen. Zudem gibt es noch einen Beratervertrag mit dem Autobauer. Sein Verhältnis zu Lamborghini beschreibt er so: "Das ist wie bei einem alten Ehepaar: Wir sind zwar noch verheiratet, aber schlafen nicht mehr jede Nacht im gleichen Bett."



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