Lancia-Neustart Italienischer Etikettenschwindel

Ein Chrysler 300, der als Lancia Thema vorfährt? Die Auto-Mixtur ist bislang der Gipfel der Ehe von Fiat und Chrysler. Für die einen geht die Traditionsmarke damit vor die Hunde. Für die anderen beginnt ihre große Zukunft. Wie es auch kommen mag, am Auto liegt es nicht.


Einen besseren Platz als das Teatro Carignano in Turin hätte sich Saad Chehab für die Präsentation des neuen Lancia Thema kaum aussuchen können. Denn wenn der gemeinsame Chef der feinen Fiat-Tochtermarke Lancia und der US-Massenmarke Chrysler die italienischen Wurzeln der Marke betonen möchte, dann ist das Gebäudeensemble, in dem vor 150 Jahren das erste Parlament der Republik Italien tagte, keine schlechte Wahl. Und auch für eine große Show ist das Theater der geeignete Ort.

Dort, wo seit fast 300 Jahren im barocken Prunk vor goldfarbenen Logen und rotem Plüsch gespielt und getanzt wird, steht jetzt ein junger Libanese aus Detroit auf der Bühne und versucht den Anwesenden zu erklären, dass die Welt eine Marke wie Lancia brauche und die Zeit reif sei für einen Neuanfang. Denn in den Augen Chehabs gibt es eine Lücke zwischen Masse und Klasse, die Lancia füllen kann: Mit Eleganz, Technologie, Handwerkskunst, Leidenschaft und vor allem mit italienischen Werten. "Eine Marke aus diesem wunderschönen Land, eine Marke aus Italien", sagt Chehab geradezu beschwörend.

Die Fans von Lancia, der inzwischen trotz aller Unkenrufe 105 Jahre alten Automarke, werden ihm nicht widersprechen. Große Sprüche sind sie aus Turin ebenso gewohnt wie den Schlingerkurs, den Lancia zwischen Sport und Luxus, zwischen Glanz und Gloria sowie Not und Elend seit Jahrzehnten fährt. Doch was dann auf der Bühne steht als sich der Vorhang öffnet, das dürfte für Lancia-Verehrer ein ziemlich starkes Stück sein.

So italienisch wie Ketchup auf der Pizza

Denn die Sache mit den italienischen Wurzeln hat einen Haken. Das neue Flaggschiff Thema, an das Chehab diese Hoffnungen knüpft, ist genau wie die daneben geparkte Großraumlimousine namens Voyager und alle Lancia-Premieren der kommenden Jahre ein umgemodelter Chrysler.

Natürlich findet man, wenn man nur lang genug danach sucht, ein paar Styling-Parallelen zum ersten Thema, der von 1984 bis 1994 gebaut wurde. Das Heck erinnere, so sagt Lancia-Chef Chehab, an den legendären Flaminia. Außerdem gibt es auf Wunsch und gegen Aufpreis eine Lederausstattung des italienischen Nobel-Courtiers Poltrona Frau. Doch davon wird der neue Thema kein italienisches Auto.

Tief drinnen stecken immer noch die Gene der alten Mercedes E-Klasse

Das bedeutet allerdings nicht, dass die stattliche Limousine ein schlechtes Auto wäre. Was die Amerikaner unter Einsatz von einer Milliarde Dollar Entwicklungskosten in der Rekordzeit von 18 Monaten auf die Räder gestellt haben, kann sich durchaus sehen lassen. Auch deshalb, weil der Neu-Lancia und Ex-Chrysler noch immer die Gene der alten Mercedes E-Klasse in sich hat.

Der 5,07 Meter lange Schlitten bietet Platz im Überfluss, ist überaus leise und weckt die Lust auf große Reisen, die vor allem über breite und gerade Straßen führen sollten. Denn der Highway oder die Autostrada ist das Terrain des zwei Tonnen schweren Gleiters, der sich mit seinen Außenmaßen in engen Kurven dann doch etwas schwerer tut.

Im Innenraum ist der Wagen sehr wohl italienisch geraten - und das gilt in zweierlei Hinsicht. Zum einen bemüht sich das Interieur mit feinem Leder und offenporigem Holz um Eleganz, zum anderen zeugen Verkleidungsteile die sich lösen, Chromrahmen die nicht richtig passen oder fröhlich flackernde Kontrolllampen von einem gewissen Schlendrian, den man wohlwollend als quasi technische Variante des dolce far niente sehen könnte.

Für Europa dürften die beiden V6-Diesel-Varianten entscheidend sein

Der ganze Stolz der Ingenieure ist der neue V6-Benzinmotor mit 3,6 Liter Hubraum und 286 PS, der im Kombination mit der brandneuen Achtgangautomatik angeboten wird. Doch das wichtigste Aggregat für den europäischen Markt ist der V6-Diesel, den VM Motori in Italien für das Auto baut. Er verfügt über drei Liter Hubraum, kommt wahlweise auf 190 oder 239 PS und muss vorerst noch mit einer antiquierten Fünfstufen-Automatik vorlieb nehmen. In beiden Leistungsstufen erreicht die Maschine 232 km/h und verbraucht im Mittel 7,1 Liter.

Lässt man das Marken-Monopoly außen vor, bleibt vor allem ein Argument für den Thema, das Chehab immer wieder betont: "Man bekommt ein Auto von der Größe des Audi A8 für weniger Geld als einen A6." Der Einstandspreis in Deutschland liegt bei 41.400 Euro.

Bleibt die Frage, wer das Auto kaufen soll? Überzeugte Lancia-Kunden werden sich mit einem Italiener aus Amerika kaum anfreunden können. Und treue Chrysler-Fans werden diesem Wagen wohl den "American Way of Drive" absprechen. Bleiben also all jene, die einfach ein großes Auto zu einen vergleichsweise kleinen Preis suchen. Allerdings buhlen um diese Kunden auch Hersteller wie Cadillac, Lexus oder Infiniti - und das mit geringem Erfolg.

"Geben wir Lancia noch ein paar Jahre, ehe wir urteilen."

Kann das Lancia-Experiment gutgehen? Design-Professor und Markenexperte Paolo Tumminelli, zeigt Verständnis für die Marke aus seiner Heimat. "Genau wie VW aus Angst vor Protesten in Spanien nicht einfach Seat schließen kann und ganz Deutschland auf die Barrikaden ging, als es schlecht um Opel stand, kann Fiat Lancia nicht einfach dicht machen. Sonst gäbe es wahrscheinlich einen Volksaufstand in Italien."

Allerdings sei die Traditionsmarke allein mit dem Kleinwagen Ypsilon, dem erfolglosen Kompaktmodell Delta und dem nahezu unbekannten Musa nicht überlebensfähig. Die US-Importe seien daher die einzige Option, möglichst schnell die Verkaufsräume zu füllen und so Zeit für die Entwicklung "echter" Lancia-Modelle zu gewinnen. "Wenn das gelingt, dann hat die Marke vielleicht tatsächlich noch eine Chance", sagt Tuminelli. Gehe das Experiment schief oder bliebe es dabei, lediglich das Lancia-Logo auf Chrysler Modelle zu kleben, sehe es jedoch düster aus. Tumminelli: "Geben wir der Marke noch ein paar Jahre und fällen unser Urteil dann."

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insgesamt 45 Beiträge
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Seite 1
Leser161 24.10.2011
1. Spaghettiburger?
Ich mag Lancia (Delta Integrale, Thema 8.32, Thesis) und auch Crysler (Imperial, Voyager I, 300C), aber aus ganz unterschiedlichen Gründen. Das zusammenzumischen scheint mir sehr gewagt. Ich würde ja auch keine Spaghetti auf einen Burger tun, obwohl ich beides mag. Vielleicht hätten Sie lieber einen Chrysler-V8 in einen Thesis schrauben sollen, das wäre cool und traditionell gewesen, aber wahrscheinlich würde das auch keiner kaufen. Na egal, ich wünsche Lancia trotzdem das beste, vielleicht schaffen Sie es ja doch!
blue_plasma, 24.10.2011
2. Fürchterlich
Innen ganz schön. Aber Außen: Gänzlich unelegant und DEFINITV kein Lancia. So wird die Marke eines Tages untergehen. Vielleicht sollten sie auch gleich die Designer des aktuellen Delta und Co. entlassen. Da sind Stümper am Werk. Nur wegen denen fahr' ich AlfaRomeo!
sicro, 24.10.2011
3. Ein guter Kompromiss ...
Als die ersten Nachrichten kamen, dass Lancia nun auf den Chrysler Modellen aufbauen sollte, hat es mich geschüttelt. Italienische Eleganz und Amerikanische Wucht sind doch zwei verschiedene paar Schuh - das geht gar nicht. Von dem neuen 300c/Thema bin ich dann doch ganz angenehm überrascht. Den Chrysler 300c fand ich von der Form schon vorher ganz gelungen. Ohne das abwertend zu meinen, war der 300c so etwas wie ein Bentley für Arme. Lancia hat nun der Karosse nochmal einen Feinschliff gegeben. Kombiniert mit einer eleganten Lancia Innenausstattung macht das Auto plötzlich richtig was her. Es wird sich zeigen, ob ein guter Kompromiss ausreicht um im Markt gegen 5er, E-Klasse, Jaguar XF, etc zu bestehen.
Altesocke 24.10.2011
4. Ruhrpott ist nicht Deutschland
Zitat von sysopEin Chrysler 300, der als Lancia Thema vorfährt? Die Auto-Mixtur ist bislang der Gipfel der Ehe von Fiat und Chrysler. Für die einen geht die Traditionsmarke damit vor die Hunde. Für die anderen beginnt ihre große Zukunft.*Wie es auch kommen mag, am Auto liegt es nicht. http://www.spiegel.de/auto/fahrberichte/0,1518,793052,00.html
Wo hat der 'Experte' das den herausgezaubert? Der Ruhrpott und Politiker im Wahlkampf ist nicht ganz Deutschland! Weil wenn es 'so einfach waere' ganz deutschland auf die Barrikaden zu bri8ngen: Was muesste JETZT los sein, mit der 'alternativlosen Bankster.., eh, Griechenlandrettung'?
razorfish, 24.10.2011
5. wo ist er hin?
Der italienische Schick, das Spiel mit den Formen, mit rafinierten Details? Das "Ding" ist potthässlich, alles andere als italienisch, das ist ein gepimpter Chrysler und wird niemals als eigentändiger Lancia wahrgenommen. Für meine Begriffe eine Todgeburt...
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