Land Rover Defender Für Boulevard und Bauernhof

Totgesagte leben länger. Obwohl dem Defender schon mehrmals das Ende prophezeit wurde, geht seine Geschichte weiter. Ein neuer Motor macht die Land-Rover-Haudegen fit für die Zukunft. Denn in fast 60 Jahren ist aus dem Nutzfahrzeug ein Lifestyle-Laster geworden.


Charles Darwins Evolutionstheorie ist zumindest in Mitteleuropa unumstritten. Doch Ausnahmen bestätigen die Regel - zumindest in der Autowelt. Denn nicht die Anpassung war es, die den Land Rover Defender über die Jahre gerettet hat. Sondern das Gegenteil: Nur weil er noch heute fast genauso aussieht wie bei seiner Premiere 1948, ist er zum wahrscheinlich bekanntesten Geländewagen aller Zeiten geworden. Und zu einem der erfolgreichsten obendrein. Schließlich hat Land Rover seine Ikone in 130 Ländern mittlerweile knapp zwei Millionen Mal verkauft.

Am Auto selbst hat sich wenig geändert, an seinem Image dagegen viel. Ursprünglich konzipiert als Nutzfahrzeug für britische Landwirte, hat der Defender inzwischen viele Karrieren gemacht: Er war mit der Armee im Krieg, mit Daktari in der Savanne, er sucht mit Entwicklungshelfern in der Wüste nach Trinkwasser oder mit Umweltschützern im Dschungel nach seltenen Wildtieren - und er fährt die Schickeria über den Boulevard zum Einkaufen.

Noch immer ist er auch Arbeitsgerät für britische Landwirte, die seine Transportkapazität gerne mit "drei gut gemästeten Rindern, 30 Schafen oder 32 Kisten mit Fasanen angeben", erzählt Pressesprecher Paul Entwistle und spricht von einem Marktanteil von 75 Prozent beim Landvolk. Aber immer öfter landen im Defender eben auch Gucci-Täschchen, Champagner-Kisten oder Designermöbel. Denn mittlerweile ist der Haudegen das richtige Auto für alle Kunden "vom Förster bis zum Feuerwehrmann, vom Abenteuer bis zum Art Director", umreißt Entwistle den Kreis der jährlich rund 23.000 Menschen, die den Dinosaurier mit ihrer Unterschrift auf einem Kaufvertrag vor dem Aussterben retten.

Ein Auto, fast wie vor 59 Jahren

Natürlich hat sich am Defender weniger getan als an jedem anderen Fahrzeug, das nur auf eine halb so lange Geschichte zurückblicken kann. Aber dass die Zeit eben doch nicht ganz still gestanden hat, zeigt eine Sitzprobe im Defender aus der Serie 1: Die Beinfreiheit ist knapp, die Polster sind dünn, das Cockpit ist karg, die Karosserie arg luftig, und der Motor beinahe asthmatisch, wenn man ihn zum Leben erweckt. Verglichen mit den Modellen Discovery oder Freelander wirkt zwar auch der "neue" Defender wie von gestern, doch die Gegenüberstellung mit seinem Urvater zeugt von beachtlichem Fortschritt.

Zwar gibt es auch heute nicht viel Platz für den Fahrer, und ab Schuhgröße 40 wird es im Fußraum eng. Aber immerhin kann man auf den Sitzen nun auch ohne Rückenschmerzen die Welt umrunden, aus dem neuen Cockpit mit den Instrumenten des Discovery spricht ein Hauch von Zeitgeist und auf Wunsch sogar die Musik vom iPod. Und zum ersten Mal in der Modellgeschichte gibt es künftig eine Klimaanlage, die ihrem Namen gerecht wird. Außerdem haben die Briten den EU-Richtlinien Rechnung getragen und die Bestuhlung geändert: Die längs angeordneten Klappsitze im Fond mancher Modellvarianten wurden durch Bänke oder Einzelsitze ersetzt, von denen man stets geradeaus in Fahrtrichtung blickt.

Viel wichtiger als der frische Wind im Innenraum ist allerdings die halbwegs saubere Luft, die künftig aus dem Auspuff kommt. Denn um dem Methusalem noch ein paar Jahre zu schenken, mussten die Briten den Klassiker über die Hürden der Euro-4-Norm heben. Dafür haben sie den alten Fünfzylinder-Diesel ausgemustert und sich aus dem Regal der Konzernmutter Ford einen neuen Selbstzünder geholt. Er hat nur noch vier Zylinder und 2,4 Liter Hubraum und ist mit 122 PS auf dem Papier genauso schwach wie der Vorgänger. Doch senkt die zeitgemäße Common-Rail-Technik den Durchschnittsverbrauch im besten Fall auf zehn Liter und steigert dafür das maximale Drehmoment um 20 Prozent auf 360 Nm.

Auf befestigten Straßen hört der Spaß auf

Wer geschickt mit dem neuen Sechsgang-Getriebe, der Untersetzung und den Sperren umzugehen versteht, der kommt wirklich überall durch. Wo geländegängige Frischlinge ihre liebe Mühe haben, kraxelt der Defender mit Standgas über die Buckelpiste. Und selbst beim Anfahren am Steilhang lässt er die Reifen quietschen wie ein pubertärer Porsche-Fahrer beim Ampel-Duell.

Auf der Straße allerdings sollte man sich auf solche Spielchen nur mit großer Vorsicht einlassen. Zwar hat Land Rover auch an Chassis und Fahrwerk gearbeitet. Doch ein Vergnügen ist die Fahrt mit dem Defender auf festem Untergrund noch immer nicht. Dafür hat man etwas länger davon. Denn viel schneller als 140 km/h läuft der Diesel nicht. Und die Beschleunigung ist so gemütlich, dass Pressesprecher Entwistle freimütig zugibt: "Die haben wir noch nie gemessen."

Mit dem neuen Motor hat Land Rover dem Klassiker wieder ein paar Jahre Lebenszeit verschafft. Doch selbst wenn dereinst doch einmal das Ende drohen sollte und die Evolution den Wagen einholt, müssen Fans und Freunde nicht verzagen. Mit einem Blick in die Statistik spendet Entwistle Trost. "Rund 75 Prozent aller jemals gebauten Defender sind heute noch im Einsatz. Und selbst für die Autos der Serie 1 gibt es weltweit noch immer Ersatzteile."



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