Land Rover Defender: Methusalem im Matsch

Von Tom Grünweg

Kaum ein Auto beweist so viel Stehvermögen wie der Land Rover Defender. Seit mehr als 60 Jahren wird der Allradler gebaut und rackert sich durch Sandwüsten, Sumpfgelände und - den Paragraphendschungel. Damit er dort nicht stecken bleibt, bekommt er einen neuen Dieselmotor.

Land Rover Defender: Fit für die Zielgerade Fotos

Paul Walker kann es kaum glauben. "Schon oft wollten wir den Defender einstampfen", sagt der altgediente Land-Rover-Ingenieur. "Doch stets wehrten sich die Kunden mit Händen und Füßen - und das Auto auf bestimmte Weise auch." Ob sich bei Land Rover nun gerade die Eigentümerverhältnisse geändert oder in Brüssel die Zulassungsrichtlinien verschärft hatten: So, wie man sich den Buckingham Palace kaum ohne die Queen vorstellen mag, so ist die Marke mittlerweile nicht mehr ohne das in mehr als 60 Jahren Bauzeit kaum veränderte Modell Defender denkbar. "Dieses Auto ist der Beweis, dass selbst in der streng strategisch agierenden Autoindustrie nicht alles nach Plan läuft", sagt Walker.

Zuletzt verkaufte Land Rover den kantigen Allradler als Lkw, um das Auto überhaupt noch innerhalb der geltenden Gesetzen auf den Markt bringen zu können. Weil aber inzwischen auch für Nutzfahrzeuge die Euro-5-Abgasnorm gilt, mussten Walker und seine Kollegen noch einmal ran. Der Defender brauchte einen neuen Motor. Den liefert nun, genau wie früher, die ehemalige Konzernmutter Ford. Allerdings hat die Vierzylindermaschine jetzt nicht mehr 2,4, sondern 2,2 Liter Hubraum, eine neu programmierte Motorsteuerung und einen Rußpartikelfilter. Ergebnis: Die strengeren Grenzwerte werden nun eingehalten.

Sonst ändert sich allerdings nichts am Antrieb. Die Leistung von vergleichsweise bescheidenen 122 PS bleibt ebenso erhalten wie das üppige Drehmoment von 360 Nm. Und auch der Verbrauch wird weiterhin mit durchschnittlich zehn Liter je 100 Kilometer angegeben. Allerdings erlauben neue Reifen jetzt eine höhere Geschwindigkeit von bis zu 145 km/h, die sich am Steuer eines rollenden Blechwürfels mit einem Fahrwerk aus den fünfziger Jahren ziemlich atemberaubend anfühlen.

Auch mit dem neuen Motor ist der Defender von einem modernen Auto so weit entfernt wie englische Hausmannskost von der Gourmetküche. Die Ergonomie hinter dem Lenkrad ist derart verquer, dass dem Fahrer nach kürzester Zeit die Knochen zwicken. Groß gewachsene Defender-Piloten dürften auch stets blaue Flecken an den Knien haben, so eng geht es auf dem Fahrersitz zu. Das Geräuschniveau ist trotz der verbesserten Dämmung noch immer so hoch, dass mitteilsame Gemüter am Ende der Fahrt über Heiserkeit klagen. Und den Wagen mit dem störrischen Fahrwerk, den bockigen Federn und dem riesigen Wendekreis geradeaus über die Landstraße zu dirigieren, erfordert die strategische Weitsicht und den Gleichmut eines Dampferkapitäns.

Durchkommen ist Pflicht - und eine hohe Marge selbstverständlich

Trotzdem möchte man keine Meile im Defender missen. Der fabrikneue Klassiker ist wie das Konzentrat aus 60 Jahren Forschergeist und Fernweh und macht aus jeder Alltagsfahrt einen kleinen Abenteuerurlaub. Und wer sich einmal mit dem Wagen ins Abseits begibt, dürfte beeindruckt sein von seinen Fähigkeiten. Kaum ein Hügel ist dem Defender zu steil, keine Pfütze zu schlammig und kein Pfad zu ausgefahren - wenn noch eine Profilstolle den Boden berührt, wühlt er sich durch. Und wer im feinen Spiel mit Gas und Kupplung, den sechs Gängen, der Geländeuntersetzung oder der Differentialsperre patzt, dem hilft zur Not eine ferngesteuerte Seilwinde aus der Bredouille.

Zwar ist der Defender ein durch und durch britisches Auto, doch sein Erfolg ist kein auf den dortigen Markt beschränktes Phänomen. Dass in guten Jahren bis zu 40.000 und heute im Schnitt immer noch 25.000 Autos dieses Typs pro Jahr verkauft werden, verdankt der Wagen nicht zuletzt den Deutschen. "Nach Großbritannien ist Deutschland der zweitgrößte Markt", sagt Land-Rover-Sprecher Mayk Wienkötter. "Außer dem Range Rover Sport verkauft sich hierzulande kein anderer Land Rover besser."

Nachdem die Marke lange mit dem Defender haderte, wissen die Briten inzwischen, was sie an dem Evergreen haben. Er poliert nicht nur das Markenimage, sondern auch die Bilanzen. "Die Werkzeuge waren schon vor Jahrzehnten bezahlt", sagt Marketingmann Joe Murray. Obwohl der Wagen in Deutschland ab 26.690 Euro angeboten werde, werfe jede verkaufte Exemplar einen erklecklichen Gewinn ab.

Das Ende des Allrad-Dauerbrenners naht

Trotzdem ist das Ende der scheinbar unendlichen Defender-Geschichte absehbar: Die Bestimmungen zum Fußgängerschutz und die Euro-6-Norm machen dem Offroad-Saurier 2015 endgültig den Garaus. Deshalb laufen längst die Arbeiten am Nachfolger. Offiziell wurde dies vor wenigen Wochen bei der IAA in Frankfurt, als Land Rover zwei Studien enthüllte, die auf einen künftigen Defender-Nachfolger hindeuten. Die Entwürfe seien bei potenziellen Kunden gut angekommen, berichtet Murray.

Hartgesottene Defender-Fahrer jedoch haderten wohl noch etwas mit der schönen neuen Allradler-Welt und ließen den Wagen durchfallen, heißt es. Nun, noch sind ja vier Jahre Zeit, um sich auf den Abschied vom klassischen Defender einzustellen. Und dann ist da ja noch die fast schon sprichwörtliche Zählebigkeit des Modells. Weil etwa 75 Prozent der rund zwei Millionen bislang gebauten Defender-Exemplare noch immer im Einsatz sind, dürften besorgte Zeitgenossen noch für viele Jahre ein Auto nach Original-Bauart finden.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 49 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Euro 5 für Defender. Toll, da läuft was bei Land Rover
mitbestimmender wähler 05.11.2011
Der neue 2,2-Liter-Diesel mit 90 kW/122 PS steigert nicht nur die Höchstgeschwindigkeit von 132 auf 145 km/h. Der Motor mit Partikelfilter erfüllt auch die Euro-5-Norm und trotz des unveränderten Verbrauchs von 10 Litern (CO2-Ausstoß: 266 g/km) wieder alle Zulassungskriterien. Der 3,0 Liter große Sechszylinder, der im Land Rover Discovery und im Range Rover Sport zum Einsatz kommt, wird mit einer neuen Achtstufenautomatik kombiniert und leistet jetzt in der stärkeren Version SDV6 188 kW/256 PS. Das sind 8 kW/11 PS mehr als bisher. Die abgespeckte Variante TDV6 kommt unverändert auf 155 kW/211 PS. Der Verbrauch geht um zehn Prozent auf 8,8 Liter beim SDV6 und 8,5 Liter beim schwächeren TDV6 zurück (CO2-Ausstoß: 230 g/km und 224 g/km).
2. Na ja...
sorgenbrecher70 05.11.2011
Zitat von mitbestimmender wählerEuro 5 für Defender. Toll, da läuft was bei Land Rover
So toll ist das in meinen Augen wahrlich nicht: Sein CO2-Austoss liegt irgendwo zwischen X5 und Q7, trotz eines "modernen" Motors mit nur 2,2l Hubraum und bescheidenen 122PS. Sicherlich u.a. dem hohen Gewicht geschuldet von 1,8 Tonnen (bei entsprechend spartanischer Ausstattung). Im Jahre 2011 einen solchen Motor zu verbauen, zeugt von keiner meisterlichen Ingenieurskunst bei Rover.
3. Gutes Auto
wakaba 05.11.2011
extrem hoher Nutzwert und komfortabel. Ob der Kundenstamm einen selbstragenden Defender annehmen wird wag ich mal zu bezweifeln. Schon heute mag niemand den Ford-Kleindiesel. 3.5l Saugdiesel oder 2.5l Einfachbenziner aus einem Toyota Landcruiser in das bestehende Modell wäre die Option die sich wohl die meisten Käufer wünschen. So werden sich wohl viele halt Ihren alten Defender aufarbeiten lassen und Ihn weiterfahren. Ist eh viel günstiger als einen Neuwagen mit Kinderkrankheiten zu kaufen dessen Teile von indischen Kindern, unterwasser, aus Spucke und Brotkrummen, gebastelt wird.
4. Café-Cruser
smallbit 05.11.2011
Was hier nicht gesagt wird, dass anscheinend ein CDI-Motor eingesetzt wird. Damit ist der Einsatz mit nicht DIN-gemäßen Diesel unmöglich; sprich in Zentral-Afrika, Mongolei oder wo auch immer, verreckt der Motor, weil die Hochdruckpumpe nicht ausreichend geschmiert ist. Abgesehen davon, wird der RPF dies auch nicht mitmachen. Für Europa gibts bessere geländegängige Zugwagen.
5. Charackter
mauimeyer 05.11.2011
Zitat von sysopKaum ein Auto beweist so viel Stehvermögen wie der Land Rover Defender. Seit mehr als 60 Jahren wird der Allradler gebaut*und rackert sich durch Sandwüsten, Sumpfgelände und - den*Paragraphendschungel. Damit er dort nicht stecken bleibt, bekommt er einen neuen Dieselmotor. http://www.spiegel.de/auto/fahrberichte/0,1518,795750,00.html
..hat das Auto eben - und das wollen die Leute! BMW-Motorrad wollte vor 15 Jahren den Boxer-Motor aufgeben. Die Kunden wollten es anders! Der Boxer lebt! Und Porsche wollte in den 80ern die im Heck sitzenden Boxer durch wassergekühlte Frontmoteren ersetzen (929/944). Hat auch nicht geklappt! Der Defender ist der Gauweiler unter den Geländewagen: grundehrlich und ein wenig von gestern! Ähnlich steht - als teuerste Baggerkabine der Welt - die G-Klasse von Mercedes da. Kauri Ich wundere mich, daß in diesem thread noch nicht die Fraktion der In-Fragesteller aufgewacht ist. Motto: Müßte verboten werden u.s.w. Vielleicht antworten die nur an Werktagen von ihrem Arbeitsplatz aus!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Auto
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Tests
RSS
alles zum Thema Fahrberichte
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 49 Kommentare
  • Zur Startseite
Aktuelles zu

Fahrzeugschein
Hersteller: Land Rover
Typ: Defender (2012)
Karosserie: Geländewagen/Pickup/SUV
Motor: Vierzylinder-Turbodiesel
Getriebe: Sechsgang-Schaltgetriebe
Antrieb: Allrad
Hubraum: 2.198 ccm
Leistung: 122 PS (90 kW)
Drehmoment: 360 Nm
Von 0 auf 100: 15,8 s
Höchstgeschw.: 145 km/h
Verbrauch (ECE): 10,0 Liter
CO2-Ausstoß: 266 g/km
Preis: 26.690 EUR


Aktuelles zu