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24. November 2011, 14:06 Uhr

Lexus GS 450h

Ein Langweiler dreht auf

Von Tom Grünweg

Vornehm, sparsam - und langweilig bis unter die Wahrnehmungsgrenze: Der Lexus GS hatte bislang gegen Autos wie den BMW 5er, Audi A6 oder Mercedes E-Klasse keine Chance. Der neue GS hat den Abstand etwas verkürzt. Aber auch er wird es schwer haben - trotz seines attraktiveren Äußeren.

Schwer und kühl wie das Zahlenschloss eines Tresors liegt das Aluminium-Rädchen in der Hand, ganz leicht lässt es sich drehen, und das leise Klacken bei jeder Raste spürt man mehr, als dass man hört. Solchen Aufwand treibt Lexus beim Sender-Suchknopf des Radios, der in Zeiten von iPod, Musikfestplatte und MP3-Streaming ohnehin kaum noch genutzt wird. Wenn alles am neuen Lexus GS so lustvoll und leidenschaftlich konstruiert wäre wie dieser kleine Drehknopf - dann hätte die Toyota-Tochtermarke vielleicht ein wenig mehr Chancen im Gerangel mit Audi, BMW und Mercedes.

Ausgerechnet in den USA, wo selbst Oberklasse-Kunden wenig Wert auf solche Finessen legen, ausgerechnet da verkauft Lexus allerdings mehr Autos als die gesamte deutsche Konkurrenz zusammengenommen. Außerdem bietet der GS eine Klimaanlage, die mit Nano-Partikeln die Luft reinigt, einen Monitor in der Mittelkonsole, der größer ist und brillanter strahlt als ein iPad - und ein sehr feines Soundsystem von Mark Levinson. Um das zu bemerken, muss man allerdings Interesse für das Auto aufbringen, und genau daran fehlt es in Europa.

Denn in der Dienstwagen-Klasse wird häufig aus dem Katalog bestellt, und zwar das, was man schon zu kennen glaubt. So hat das Lexus-Modell gegen Audi A6, den BMW 5er oder Mercedes E-Klasse und auch den Jaguar XF praktisch keine Chance. Es liegt vor allem an der Wahrnehmung - also am mausgrauen Design und dem farblosen Image -, dass der Lexus übergangen wird. An der Technik liegt es jedenfalls nicht. Sie arbeitet unauffällig und tadellos. Und auch nicht an den Preisen, denn die sind eher niedriger als bei den genannten Platzhirschen.

Das neue Modell darf jetzt etwas verwegener aussehen

Lexus versucht es jedoch unverdrossen immer wieder. Im Frühling geht die dritte Generation des GS an den Start. Und einmal mehr knüpfen Entwickler wie Yoshihiko Kanamori große Hoffnungen an das Auto. Der Projektleiter für die große Limousine will die Marke verjüngen, sie frecher und forscher machen und hat den Designern deshalb mehr Freiraum als bislang gelassen. Noch immer 4,85 Meter lang, aber drei Zentimeter höher, zwei Zentimeter breiter und mit gekürzten Überhängen, ist die Limousine athletischer geworden. Die Oberflächen sind stärker konturiert, der zackige Kühlergrill fällt schneller ins Auge, und die markanten Rückleuchten brennen sich förmlich ins Gedächtnis.

Auch die Technik-Fraktion legte noch einmal nach. Es gibt für einige Versionen des GS nun ein adaptives Dämpfungssystem, mit dem man Fahrwerk, Lenkung und Motorsteuerung über ein großes Drehrad auf der Mittelkonsole mal komfortabler und mal sportlicher abstimmen kann, außerdem auf Wunsch eine mitlenkende Hinterachse. Sie macht den Wagen im Stadtverkehr viel handlicher und steigert auf der Landstraße die Agilität. Wer mit der Limousine die Autobahn verlässt, kann nun rasant durch die Kurven hetzten. Dass man dieses Prinzip schon von Modellen beispielsweise aus München kennt, passt zum neuen Selbstverständnis von Lexus: "Früher haben wir uns vor allem an Mercedes orientiert", sagt Entwickler Kanamori. "Aber in Sachen Fahrdynamik heißt unser Maßstab jetzt BMW."

Nach wie vor setzt Lexus auf Hybridantrieb. Auch den GS gibt es mit einem zusätzlichen Elektromotor. Der arbeitet im Verbund mit einen 3,5 Liter großen V6-Motor und kann das Auto bei langsamer Fahrt ein paar Kilometer weit auch allein bewegen. Arbeiten beide Motoren im Team, geht es mit 343 PS und 345 Nm ordentlich zur Sache: Während das Cockpit in roter Beleuchtung erglüht und die Akkus den E-Motor mit einer auf 650 Volt erhöhten Spannung versorgen, sprintet der Wagen in 5,9 Sekunden auf Tempo 100 und stürmt mühelos auf 250 km/h.

Ein unterkühltes, steril wirkendes Luxusauto

Allerdings will dabei keine Leidenschaft aufkommen. Das Auto ist präzise, schnell und leicht zu händeln. Aber flüsterleise und von einer peniblen Elektronik im Zaum gehalten, wirkt der GS selbst im Sportmodus zu steril und zu kühl, um den Puls zu beschleunigen. Staunen kommt erst an der Tankstelle ins Spiel: Im Vergleich zum Vorgängermodell wurde der Verbrauch um fast 25 Prozent auf 5,9 Liter gedrückt. Für einen Luxuswagen dieser Größe ist das kein schlechtes Ergebnis. Und noch einen Vorteil bietet der optimierte Antrieb: Die Akkus sind so klein geworden, dass der Kofferraum seinem Namen mit jetzt 482 Litern endlich gerecht wird.

So überzeugend die Hybridtechnik ist - so teuer ist sie auch im Vergleich zu ähnlich sparsamen Autos mit reinem Verbrennungsmotor. Das Problem gehen die Japaner jetzt an. Denn es gibt den neuen GS nun auch wieder mit einem klassischen Benzinmotor. Der Wagen heißt GS 250, hat 2,5 Liter Hubraum, leistet 209 PS und kostet wohl deutlich weniger das Modell mit Hybridantrieb.

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