Lohner-Porsche Am großen Rad gedreht

Vor hundert Jahren stellte die k.u.k.-Hofwagen-Fabrik Jakob Lohner auf der Weltausstellung in Paris ein Aufsehen erregendes Fahrzeug vor: den elektrischen Lohner-Porsche. Der Konstrukteur des von Radnabenmotoren angetrieben Autos war der damals 25 Jahre alte Ferdinand Porsche.


Die technische Innovation aus den Fabrikhallen in Wien-Floridsdorf wurde von der Fachwelt bestaunt. "Die epochemachende Neuheit", so ein zeitgenössisches Automagazin, "besteht in der gänzlichen Beseitigung aller Zwischengetriebe als Zahnräder, Riemen, Ketten, Differentiale etc., kurz in der Herstellung des allerersten bisher existierenden transmissionslosen Wagens."

Lohner-Porsche: "Kein Schleudern auf glattem, kotigem Pflaster"

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Der von Porsche entwickelte Radnabenmotor kam in der Tat ohne Getriebe und Antriebswellen aus, denn das Rad drehte sich als Rotor des Gleichstrommotors um den mit der Aufhängung fest verbundenen Ständer. Ein Antrieb ohne mechanische Reibungsverluste und mit dem exorbitanten Wirkungsgrad von 83 Prozent.

Insgesamt wurden rund 300 Lohner-Porsche mit dieser Technik gebaut. Die Elektromotoren in den beiden Vorderrädern, von denen jedes inklusive Antrieb 115 Kilogramm wog, leisteten im Normalbetrieb 2,5 PS. Damit fuhr der zweisitzige Wagen 37 km/h schnell. Für Eilige konnte der Wagen auf eine Geschwindigkeit von bis zu 50 km/h beschleunigt werden ­ dieses Tempo war allerdings nur 20 Minuten lang möglich. Die 410 Kilogramm schwere Batterie ermöglichte eine Reichweite von bis zu 50 Kilometern.

Wiener Luxus-Gefährt: Nur betuchte Kunden konnten sich mit einem Lohner-Porsche zeigen

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Je nach Ausstattung kostete ein Lohner-Porsche 10.000 bis 35.000 österreichische Kronen. Das Auto war damit erheblich teurer als ein Wagen mit Verbrennungsmotor und wurde deshalb ausschließlich von betuchten Kunden gekauft. Einen Lohner-Porsche fuhren zum Beispiel der Wiener Kaffee-Großunternehmer Julius Meinl, der Markgraf Sandor Pallavicini, Fürst Egon von Fürstenberg, der Schokoladenfabrikant und Kinopionier Ludwig Stollwerck und der Bankier Baron Nathan Rothschild.

Diese Herrschaften durften sich über ein überaus gutmütig zu handhabendes Automobil freuen. Die Fachpresse urteilte, der Wagen zeige "kein Schleudern in scharfen Kurven oder auf glattem, kotigem Pflaster, oder zum mindesten nur für Augenblicke, ganz wie beim Pferdetrieb, bei welchem das Schleudern äußerst kurz und nur selten peinlich fühlbar wird."

Porsches Erfindung schaffte es später übrigens bis auf den Mond: Die Nasa nutzte die Idee des elektrischen Radnabenmotors für ihr legendäres Mondauto.



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