Autonomes Fahren Das Geisterrad von Magdeburg

Forscher entwickeln in Magdeburg ein autonomes Fahrrad. Es soll ab 2020 vor allem Menschen am Stadtrand helfen, die auf ein eigenes Auto verzichten wollen.

Harald Krieg/ Uni Magdeburg

Von Stefan Weißenborn


Ein E-Bike kommt den Radweg entlang geflitzt. Im Sattel sitzt: niemand. Es beschleunigt, bremst und lenkt selbst. Sein Ziel ist die nächste U-Bahn-Haltestelle.

Dorthin hat es eine Mutter per App bestellt, aus der Bahn, in der sie mit ihren beiden Kindern und drei dicken Einkaufstaschen sitzt. Als sie an der Haltestelle ankommen, wartet das dreirädrige Fahrrad schon. Die Frau authentifiziert sich per QR-Code-Scan, das Schloss am Rad springt auf, und auf geht's nach Hause. Die Mutter tritt in die Pedale und freut sich angesichts der Last über elektrische Unterstützung.

Lastenrad mit variablen Aufsätzen

Dieses fiktive Anwendungsszenario fänden mache vielleicht "spinnert", sagt Stephan Schmidt. Und doch arbeitet der Juniorprofessor für autonome Fahrzeuge an der Universität Magdeburg in einem Team aus Maschinenbauern, Informatikern, Logistikern und Umweltpsychologen mit allem Forscherernst am selbstfahrenden Bike. Als Lastenrad mit variablen Aufsätzen zum Transport von Waren oder auch Kindern könne es die innerstädtische Mobilität revolutionieren.

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Innovation aus Magdeburg: Das autonome Fahrrad aus der Nähe

Das mit Technik vollgepackte Versuchsfahrrad existiert bereits. "Es sieht ganz schön merkwürdig aus", so Schmidt. Dafür aber ist das Vehikel das wohl technisch komplexeste Rad, das es derzeit gibt. Damit es selbst die Richtung bestimmen kann, haben die Forscher einen Lenkwinkelsteller gebaut und montiert, fürs Fortkommen sorgt ein Radnabenantrieb.

Versuchsfahrten im Stadtpark

Sensoren messen Raddrehzahl und Beschleunigung und ermitteln per GPS die Position. Das Umfeld des Dreirads überwachen vorn eine Stereokamera, ein Laserscanner und ein Radar, seitlich kommen zwei Monokameras und weitere Laser zum Einsatz. In der nächsten Ausbaustufe ist eine automatisierte Bremse geplant.

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E-Bike Neuheiten: Die Massenmotorisierung

Das Forschungsfahrrad ist zu Versuchsfahrten im Magdeburger Stadtpark unterwegs. "Dort wollen wir Erfahrung sammeln, wie das Fahrrad seine Umwelt sieht", sagt Schmidt. Etliche Fragen stehen im Raum: Muss das E-Bike auf sich aufmerksam machen, etwa per Stimme über einen Lautsprecher? Wie muss es mit Autofahrern kommunizieren, wenn der Radweg die Straße quert? Braucht es übergroße Richtungsanzeigen?

Selbstfahrende Autos stehen auch im Stau

Die Vision des Projekts ist klar: Mobilität in der Stadt soll nicht nur praktischer, umweltfreundlicher, sondern auch effizienter werden. Dabei geht es vor allem um Stadtrandlagen. Während man innerstädtisch mit Bussen und Bahnen meist gut unterwegs sein könne, sei der Weg ab der Endhaltestelle bis nach Hause oft das Problem. Ist er zu lang oder umständlich, setzt man sich doch wieder ins Auto. Mit dem autonomen E-Bike als Bindeglied ist der eigene Wagen womöglich gar nicht mehr nötig.

"Wir wollen vieles besser machen, als es mit dem automatisierten Auto möglich wäre", sagt Ingenieur Schmidt. Während ein Zweirad schneller durch verstopfte Straßen komme, stehe ein Pkw im Stau - auch wenn er automatisiert sei.

Noch schwerer wiegt laut Schmidt aber ein anderer Vorteil: das Zusammenspiel mit dem öffentlichen Verkehr. "Wenn Sie sich einen autonomen Pkw rufen, ersetzt er Fahrten mit dem ÖPNV." Im Auto sei es eben so bequem, dass der gesamte Weg darin zurückgelegt werde. Das automatisierte Fahrrad in Rufbereitschaft dagegen ergänze Busse und Bahnen.

Rad lädt wie ein Mähroboter auf

"Wir wollen uns verzahnen", sagt Schmidt. Die Folge: Während ein flächendeckender Einsatz von autonomen Elektroautos als Ersatz für Fahrten im ÖPNV die Ökobilanz verschlechtern könne, sei das Gegenteil mit dem selbstfahrenden E-Bike möglich.

Auch Flottenbetreibern erscheint der Ansatz attraktiv. "Superspannend", sagt Marco Walter, Ideengeber und Gründer von Tink. Das Unternehmen ist nach eigenen Angaben seit 2016 erster Anbieter eines Lastenrad-Bikesharings in Europa mit Stationen in Norderstedt und Konstanz.

Vor allem die Rückführung des Fahrzeugs nach der Kundenfahrt sei ein großes Thema. "Man kann das Rad zur Station zurückfahren lassen, ich muss nicht mal mehr eine Station haben, das ist die Zukunft." Vorteile sieht Walter zudem darin, dass auch der personalintensive Akkutausch durch einen vollautomatischen Prozess ersetzt werden kann. Das automatisierte Lasten-E-Rad fährt einfach zur Ladestation, wo es per Induktionsverfahren nachlädt: "So wie das Mäh- oder Saugroboter heute schon machen."

In der Automatisierung sehen die Experten ein großes Sparpotenzial. Allerdings müssten die höheren Anschaffungskosten der Räder gegengerechnet werden. Dafür waren weitere Anwendungsmöglichkeiten denkbar: "Zum Beispiel, dass das Rad für einen autonomen Pizzaservice genutzt wird", sagt Schmidt.

Kopfstein, Schotter und Sand als Herausforderungen

Noch aber ist all das nicht soweit. Eine der größten Herausforderungen: Ein Fahrrad sieht seine Umwelt anders als ein Auto. So besteht der Untergrund oft aus Kopfstein, Schotter oder Sand. Fußgänger treten weit häufiger auf einen Radweg als auf die Straße.

"Zum einen haben wir es schwerer als beim Auto, weil wir für die Technik weniger Bauraum haben und der ganze Strombedarf aus dem E-Bike-Akku gespeist werden muss", sagt Schmidt. "Zum anderen haben wir mehr Zeit zum Reagieren, weil der Bremsweg kürzer ist."

Ähnlich wie beim selbstfahrenden Auto braucht das automatisierte E-Bike eine detaillierte Kartenbasis zur Radinfrastruktur, die ihm genau sagt, wo es wann entlang fahren kann. Und ein Dach müsste man dem Gefährt für Schlechtwetterfahrten wohl ebenso spendieren wie einen durchdachten Diebstahlschutz.

Flotte zwischen Unicampus und Hauptbahnhof in Magdeburg geplant

Läuft alles nach Plan, könnte es ab Januar 2019 an den Aufbau einer ersten Flotte gehen, die sich zunächst zwischen Unicampus und Hauptbahnhof in Magdeburg bewegt. "Ich denke Ende 2020 wird man sicher einem autonomen Serienfahrrad begegnen können", zeigt sich Ingenieur Schmidt zuversichtlich, zumal das Projekt weiterhin vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird.

Das Eingangsszenario mit Mutter und Kindern ließe sich jedenfalls leicht weiterspinnen. Nachdem die Frau mit Sack und Pack zu Hause angekommen und alles entladen ist, kurvt das E-Bike wieder davon. Ziel ist der Baumarkt im Nachbarstadtteil. Dort wartet schon jemand mit neuer Ladung.



insgesamt 45 Beiträge
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dolfi 15.10.2018
1. Jaja, mit einer App...
Schon lustig, das man das noch alles mit einer App vom Handy aus freischalten und machen muss. In 30 Jahren, wenn dieses Fahrrad vielleicht einmal Standard sein sollte, werden die Kinder ihre Mama fragen: „Was war denn das einmal, eine ‚App‘?“
m_e_m 15.10.2018
2. hier existiert doch noch dasselbe Kernproblem ....
....was passiert bei einem Unfall - wer ist verantwortlich. Nur weil das Risiko für einen tödlichen Unfall geringer ist bleibt dennoch diesselbe Grundfrage stehen die jedes autonome Fahren betrifft.
super-m 15.10.2018
3.
Wo genau lasse ich auf dem Rad nun drei Einkaufstaschen und zwei Kinder?
könig dickbauch 15.10.2018
4. Gibt's dann auch Kinderräder?
Die beiden Kinder aus der schönen Beispielgeschichte (Frau mit drei schweren Einkaufstaschen und zwei Kindern in der Tram) zumindest stehen wohl heute noch an der Strassenbahnhaltestelle, ds Mama ja mit dem Rad und den Einkäufen schon mal nach Haus geradelt ist....
intercooler61 15.10.2018
5. kein Fahhrad, sondern mehrspuriges Kfz
... mit reduzierter Sicherheit. Dem möchte ich jedenfalls nicht auf einem Rad- oder gar Fußweg begegnen. Gewicht? Versicherungspflicht?? Kennzeichen?
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