Maserati Ghibli Diesel Das gehört so

Dreizack im Kühlergrill und kapriziöses Design: der Ghibli ist ein echter Maserati. Doch sobald sein Dieselmotor anspringt, verpufft die Grandezza. Hinter der Verwandlung zum Vernunftauto steckt Kalkül.

Maserati

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Kennen Sie das? Vor ihnen steht ein geschniegelter Typ, sein Hemd sitzt, seine Krawatte auch, die Frisur sowieso, eine fast einschüchternd tadellose Erscheinung. Aber dann macht dieser Typ den Mund auf. Und seine Stimme klingt wie ein Duett von Pumuckl und Kermit dem Frosch. Man glaubt, sich verhört zu haben, und gleichzeitig traut man seinen Augen nicht. So ähnlich ist es mit dem Maserati Ghibli in der Diesel-Variante.

Man steht vor diesem Auto, das unverkennbar ein italienischer Sportwagen ist, und erwartet sofort einen ganz bestimmten Klang. Ein kehliges Röhren, das sich mit steigender Drehzahl in ein heiseres Kreischen verwandelt. Den Maserati-Sound eben. Doch in diesen Traum von einer Zylinder-Sinfonie schiebt sich langsam, aber sicher ein schnödes Tuckern. Und plötzlich merkt man: Dieser Maserati kling wie ein Vernunftauto aus Deutschland, wie eine E-Klasse oder ein Audi A6.

Absurd? Nein, Absicht. Mit dem Diesel-Ghibli will Maserati diese Autos angreifen. Anders als der Hersteller Ferrari, der sich selbst eine Strategie der künstlichen Verknappung auferlegt hat, soll Maserati im Fiat-Konzern die Edelmarke für Wachstum werden. Und der Ghibli sich genau dort ausbreiten, wo vor allem die deutschen Mittelklasselimousinen dominieren: auf den Firmenparkplätzen. Er soll sich in die Wunschlisten für Dienstwagen drängen, wo anspruchslose Dauerläufer gefragt sind, nicht kapriziöse Diven.

Eine kleine Schrulligkeit im seriösen Interieur

Entsprechend unaufgeregt gibt sich der Diesel-Sechszylinder. Er ist gut gedämmt und brummelt leise vor sich hin, nur bei Aktivierung des Sport-Modus und gesenktem Gaspedal tritt er mit einem deutlich vernehmbaren Knurren in Erscheinung. Weil das aber so undefiniert ist und wenig mit den Klangorgien zu tun hat, den der Druck auf die Sport-Taste gemeinhin auslöst, ist man wenig motiviert, diese öfter zu betätigen. Im Grunde ist der Sport-Modus überflüssig: Cruisen ist die Paradedisziplin des Diesel-Ghibli.

Im Innenraum gibt es weder martialisch gestaltete Elemente, wie man sie von Ferrari oder Lamborghini kennt, noch herrscht die legere Verarbeitungsqualität, die italienische Autos früher kennzeichnete. Solide wie der Antrieb ist auch das Interieur. Als einzige echte Schrulle leistet der Ghibli sich die Maserati-typische Analoguhr in der Mitte des Armaturenbretts. Nicht die Uhr selbst ist schrullig, wohl aber die wulstig vernähte Lederabdeckung, die oben auf der Uhr thront wie ein Fabelwesen aus einem Cartoon.

Das Cockpit wird dominiert von einem großen Touchscreen-Bildschirm in der Mitte. Der sieht wuchtiger aus, als er ist, weil mit ihm auch die Lüfterdüsen von einem silbernen Zierrahmen eingefasst sind. Über diesen Screen wird im Prinzip der Großteil der Funktionen des Wagens gesteuert, vom Fahrzeug-Set-up bis zur Navigation. Zwar wirkt die Grafik vergleichsweise grobschlächtig im Vergleich zu anderen Systemen. Dafür ist die Bedienung intuitiv und gibt keine Rätsel auf. Die Kopplung mit dem Handy klappt reibungslos, das Abspielen der Musikdateien ebenfalls.

Alles im Griff? Leider nein

Bei der Ergonomie gibt es noch ein bisschen Optimierungspotenzial. So ist zum Beispiel der Knopf zum Öffnen des Fachs in der Mittelkonsole exakt an der Stelle angebracht, wo man bei der Bedienung des Touchscreens seinen Ellenbogen ablegt. Das führt dazu, dass man das (übrigens mit einer Kühlfunktion ausgestattete) Fach öfter aufmacht als gewollt.

Gefühl verlangt zudem der Gangwahlhebel: Weil die Widerstände, die die einzelnen Fahrstufen markieren, auf dem Weg des Hebels zu lasch sind, landet man regelmäßig in der Fahrstufe P (für Parken) statt in R (für Rückwärtsfahren). Beim Einparken auf vielbefahrenen Straßen ist das stressig.

Der Motor ist im Übrigen nicht das Einzige, was nicht ganz zu der Resterscheinung des Autos passt. Das Lenkrad wirkt seltsam klobig und unelegant, vor allem aber hat es einen im wahrsten Sinne des Wortes handfesten Makel: legt man die Hände in die für ambitioniertes Fahren sinnvolle Viertel-nach-Neun-Position, können die Finger nicht um den Lenkradkranz herumgreifen, weil da die Rückseite des wuchtigen Pralltopfs im Weg ist. Will man das Lenkrad also wirklich umfassen, liegen die Hände gefühlt fast schon mittig zusammen oben auf dem Kranz. Dann doch lieber gleich nur mit einer Hand obenauf lässig fahren. Wie gesagt, Cruisen ist eh die Paradedisziplin des Diesel-Ghibli.

Gekonnt lasziv

Auch die fast schon quadratischen, sehr groß geratenen Außenspiegel erscheinen seltsam ungelenk. Man fragt sich unwillkürlich, ob da vielleicht Fiats Kastenwagen Doblo als konzerninterner Teilespender Pate stand. Gleichzeitig verschaffen die Dinger ob ihrer schieren Größe natürlich eine gute Übersicht - und einen Panoramaausblick auf den ausgeprägten Hüftschwung des Ghibli.

Womit wir bei dem Punkt wären, bei dem sich der Ghibli ganz entschieden von seinen Konkurrenten unterscheidet: dem Design. In allen anderen Disziplinen ist Maseratis Mittelklasse die Anpassung geglückt. Doch während Mercedes, BMW und Audi die anspruchslose Unaufgeregtheit, den größten gemeinsamen Nenner auch bis zur Karosserie durchdeklinieren, leistet sich Maserati hier schöne Kapriolen.

Die zwischen den Scheinwerfern tief heruntergezogene Motorhaube, die in einem ausgeprägten Kühlerschlund mündet, in dessen Mitte der Maserati-typische Dreizack prangt, gepaart mit einer fast schon Coupé-haften Dachlinie und dem Hüftschwung - das hat Klasse. Gleichzeitig verkneift sich der Wagen jegliche prollige Effekthascherei: Auffallen ja, aber nicht um jeden Preis.

Die Augen sehen einen Maserati: wild, schön, extravagant. Die Ohren hören den Diesel: die Stimme der Vernunft. Selbst nach zwei Wochen Testfahrt passt das immer noch nicht zusammen. Aber vermutlich ist das nicht weiter schlimm. Denn da, wo sich der Ghibli durchsetzen soll, also in der Businessklasse, entscheidet der Kopf. Und nicht das Herz.

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insgesamt 144 Beiträge
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Seite 1
Zauderer 10.08.2015
1. Innenraum
Hat Maserati Fotos vom Innenraum verboten?
pauschaltourist 10.08.2015
2.
Ich lese Stand 07:15 die mobile Version dieses Artikels und kann weder eine Angabe zur Hubraum-Große noch zur Leistung des Motors entdecken. Es handelt sich wohl um einen Sechszylinder - mehr erfährt man nicht.
herd1958 10.08.2015
3. Ich dachte ich werde nicht mehr...
... als ich letztens solch ein Auto in meiner Stadt sah. Das Einzige, was mir in Erinnerung geblieben ist, ist der ekelhafte Diesel Geruch und dieses Geknattere. Nun, die Liste der wirklich begehrenswerten Autos mit gepflegtem Benzinmotor wird wieder einmal kleiner. Was soll's? Hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Maserati ist ab jetzt wie schon lange Mercedes, Jaguar oder BMW auf die Liste der Gesichtslosen verschoben.
brotherandrew 10.08.2015
4. Na ja, ...
... 3 Liter Diesel mit 275 PS für 70.000 €. Gegen oder für was soll der konkurrieren? Ein Mercedes Benz E 350 BlueTEC 4MATIC mit 258 PS kostet unter 60.000 € und hat mehr Platz, Ausstattung und Prestige. Aber eigentlich dürfte vom Innenraum her ohnehin der Maserati nur mit einer C-Klasse zu vergleichen sein.
Fragende_Leere 10.08.2015
5. Habe ich das Bild vom Innenraum übersehen?
Wozu braucht ein V6 4 Auspuffrohre, warum dann nicht gleich 6? Ein "Mitspielenwollen" in der Dienstwagenklasse ist eine gute Idee, die vermutlich eher mit einem Kombi zu machen sein wird. Gibt es dazu ebenfalls eine Aussage oder habe ich auch diese überlesen?
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