Mazda 121, Baujahr 1991: Das Überraschungsei
Er gilt als Flopp der Automobilgeschichte, doch der Mazda 121 wird völlig unterschätzt. Das glaubt zumindest SPIEGEL-ONLINE-Leser Lothar Joachim Debus. Zum Beweis berichtet er von bemerkenswerten Erlebnissen mit seinem eiförmigen Liebling.
Das Durchschnittsalter der rund 46 Millionen Pkw in Deutschland liegt bei knapp acht Jahren, einige Autos sind noch viel älter. SPIEGEL ONLINE testet mithilfe der Leser, wo die Stärken und Schwächen des Altmetalls liegen. Diesmal berichtet Lothar Joachim Debus aus Oberursel über seinen Mazda 121 aus dem Baujahr 1991.
Lothar Joachim Debus:
Seit letztem November bin ich nun stolzer Besitzer eines Mazda 121, 1,4 LX Canvas Top, den meisten wohl besser bekannt als "Ei", "Käseglocke", "Donald-Duck-" oder "Mickey-Mouse-Auto". Böse Menschen bezeichnen ihn als Missgeburt. Menschen wie jene, die diese schnuckelige Karre jüngst bei einer Online-Umfrage zum zwölftgrößten Flop der Automobilgeschichte wählten. Ich dagegen liebe ihn!
Eigentlich wollte ich ja nur einen fahrbaren Untersatz haben, um während der motorradfreien Zeit meinen täglichen Weg zur Arbeit - immerhin 50 Kilometer - zu bewältigen und ab und zu die Einkaufsgelüste meiner Frau zu befriedigen. Diese hatte sich nach einem Erlebnis beim Öffnen des Topcase des Motorrads geweigert, jemals wieder Lebensmittel mit einem Zweirad zu transportieren. Die Futtermäuse für das Terrarium hatten sich außerhalb des ihnen zugestandenen Behältnisses eine Henkersmahlzeit im Salat gegönnt…
Es war also an der Zeit, etwas zu tun, und da der Mensch ja von Natur aus faul ist, setzte ich mich an den Laptop, um auf die Pirsch nach einem möglichst billigen, dabei aber zuverlässigen vierrädrigen fahrbaren Untersatz zu gehen. Innerhalb kurzer Zeit hatte ich mich auf einige Modelle festgelegt, nach fünf Tagen fand ich bei eBay "mein Ei" und bekam bei 650 Euro den Zuschlag. Noch am selben Abend wurde das Auto abgeholt und nach Hause gebracht.
Dabei erhielt ich die erste und letzte Lehre für 121-Fahrer: Mach nie das Dach auf, wenn du dir nicht sicher sein kannst, dass du es auch wieder zu bekommst. Immer einen passenden Inbusschlüssel mitführen. Nachts ist es im November nämlich kalt!
Keine Korrosionsschäden irgendwelcher Art
Am nächsten Tag wurde das Auto auf meinen Namen und mit meinen Initialen zugelassen. Da stand er also, hatte ein paar kleine Beulen auf der Motorhaube und an den Seiten, die mich aber nicht störten, dafür aber einen 1324-ccm-Motor mit 53 kW und 12 Ventilen, die nur 815 Kilogramm zu beschleunigen hatten. Der Kilometerzähler stand auf 151.000, ein kurzer Besuch in einer Kfz-Werkstatt überzeugte mich davon, dass der Wagen trotz seiner 16 Jahre auf deutschen Straßen und trotz vier Vorbesitzern bis auf die paar Beulen in mustergültigem Zustand war: keine Korrosionsschäden irgendwelcher Art.
"So etwas ist dem vollkommen fremd, das Ding ist echt unzerstörbar", war der Kommentar des Mechanikers. Als der Wagen herausgekommen sei, habe er beim Hersteller an einer Schulung teilgenommen, die Technik sei bewundernswert robust, den nächsten TÜV nach anderthalb Jahren werde der Wagen ohne Probleme überstehen, nur ab und zu etwas Öl nachfüllen (so ungefähr ein Liter alle 8000 Kilometer) – das sei es auch schon. Er selbst sei bekennender Ei-Fan. Er kam, er sah und er ging wieder, um mit den Reparaturen an Wagen von Leuten, die über mein Ei nur lächeln, Geld zu verdienen.
Es wurde Winter und es wurde Frühling und es wurde Sommer, mittlerweile hat mich der Mechaniker zwar noch einmal gesehen, um Kupplungsbeläge zu wechseln, aber ansonsten läuft und läuft und läuft das Ei - obwohl es kein Käfer ist.
Außer der Sache mit dem Laufen hat er auch nichts vom Käfer: Der Kofferraum ist groß genug für den Familieneinkauf im Großmarkt, die Rückbank ist einzeln umklappbar (ich habe einen 2,5 Meter langen Teppich ohne Schwierigkeiten transportiert). Die Sitze sind bequem, der Motor schnurrt, die Fünfgang-Schaltung ist präzise. Der Ölverbrauch ist mäßig, der Benzinverbrauch (Super) mit 5,9 Litern sparsam, Einparken bei dem kleinen Radius eine Kleinigkeit, die Spaß macht. Innen sieht der Wagen noch so gut wie fabrikneu aus. Da das Ei vier Türen hat, können wir auch mit den gehbehinderten Eltern auf Tour gehen. Und wenn's mal eilig ist, bringt der Wagen so um 170 km/h Spitze.
Lässig hinterm Lenkrad lümmeln
Mittlerweile ist er fast 20.000 Kilometer gefahren, ohne einen Aussetzer. Die einzigen Kosten außer jenen für Treibstoff waren bisher die für neue Reifen (bei der Gelegenheit bekam er auch noch schmucke Alufelgen), einen neuen Anlasser und natürlich den CD-Player und ein zweites Boxenpaar, denn mit Musik macht das Fahren nun einmal mehr Spaß. Jetzt im Sommer ist es eine wahre Freude, wenn ich mich lässig hinter dem Lenkrad lümmele und das elektrische Dach mal von vorne, mal von hinten, mal von beiden Seiten zur Mitte hin öffne, während all die anderen Fahrer in ihren total überteuerten Luxuslimousinen schwitzen.
Wenn ich Fahrer treffe, die einen Artgenossen fahren, grinsen sie verschwörerisch zu mir herüber. Denn wir sind die Wissenden, die Leute, die Spaß haben und verstehen, wir haben das Ei des Kolumbus der Japaner entdeckt. Wir sind anders als die anderen, wir kurbeln die Fenster in umgekehrter Richtung herunter, brauchen keine Airbags, kein ESP, kein ABS, kein ASR oder XYZ, und wir haben die Klimaanlage im Wagendach. Wir haben ein absolut zuverlässiges Allround-Auto und ein Spaßmobil und ein halbes Cabrio, und da der Wagen seit der Auslieferung mit Schmutzkampagnen von Journalisten, die vermutlich nie in einem Ei gesessen haben, überzogen wird, sind die Gebrauchtpreise im Keller.
Natürlich, dort ist auch der Preis, den ich bekommen würde, wenn ich meinen roten Flitzer verkaufen wollte. Aber da ich noch bei Verstand bin, fahre ich ihn, bis er mindestens 300.000 Kilometer auf dem Tacho hat. Und in zwei Wochen, zu seinem Geburtstag, schenke ich ihm vielleicht eine Handwäsche.
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