Autogramm McLaren 540 C Stark reduziert

Der 540 C ist der preiswerteste Neuwagen von McLaren. Der Hersteller hat bei dem Modell auf die Spitze getrieben, was er am besten beherrscht: Die Kunst des Weglassens.

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Der erste Eindruck: Geil, Scherentüren.

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Das sagt der Hersteller: "Es ist das erste Mal, dass wir im Sportwagensegment antreten", sagt McLaren-Chef Mike Flewitt. Häh? Bisher hat man die Autos aus Woking weder in der Nutzfahrzeugsparte verortet noch zu den typischen Geländewagen gezählt. Was hat McLaren also bisher gebaut, wenn nicht Sportwagen? Flewitt: "Supercars."

Er hat ja recht. Autos von McLaren waren bisher ausschließlich superschnell und superteuer. Modelle unter 650 PS und 230.00 Euro gab es nicht, während am oberen Ende der Produktpalette der P1 GTR mit 1000 PS und einem Preis von drei Millionen Euro thront - unerreichbar selbst für die meisten Leute, die ihn sich leisten könnten, weil die 40 gebauten Exemplare längst ausverkauft sind.

Mit dem 540 C will sich die Marke jetzt nahbarer geben und laut Flewitt einen "erschwinglichen" Einstieg bieten. Erschwinglich bedeutet in diesem Fall 160.000 Euro Mindestpreis. Das Portfolio von McLaren fängt damit nun genau dort an, wo Hersteller wie Porsche oder Audi aufhören. Deren Top-Todelle 911 Turbo und R8 sind in Preis und PS mit dem Einstiegsmodell 540 C vergleichbar - und damit die erklärten Konkurrenten dieses Autos.

Das ist uns aufgefallen: Der 540 C ist nicht gerade das, was man gemeinhin unter einem Einstiegsmodell versteht.

In welchem anderen preiswertesten Modell einer Marke erlebt man denn schon, wie einem jeder zweite Lastwagenfahrer mit erhobenem Daumen entgegenkommt oder erwachsene Männer sich beim Losfahren direkt neben das Auto platzieren, um beim Starten des Motors mit Händen in den Hüften und leicht nach vorn geschobenem Becken ein anerkennendes "Hohoho!" von sich zu geben?

Der Witz ist ja: Der Motor klingt für einen V8-Doppelturbo mit 3,8 Liter Hubraum ziemlich sachlich. Kein Kreischen, kein Sägen, kein Brabbeln oder Fauchen. Stattdessen ein etwas rauer Sound. Es wird Leute geben, die deshalb nach der optionalen Sportauspuffanlage verlangen werden. Sie sollten es sich sparen: Der 540 C hat den künstlichen Krach nicht nötig.

Es ist nämlich so, dass der Wagen - wenn man es wünscht - sich angenehm zurückhaltend fahren lässt. Im Normal-Modus (insgesamt drei Stufen lassen sich über Drehschalter in der Mittelkonsole einstellen) ist das Fahrwerk so justiert, dass bei einer Fahrt über Kopfsteinpflaster kein Stoß im Rücken zu spüren ist, während die Schaltzeiten des Sieben-Gang-Doppelkupplungsgetriebes ein zu langes Hochdrehen des Motors vermeiden. Man vergisst, dass man in einem 540-PS-Sportauto sitzt und wundert sich ein bisschen über die Blicke der Leute.

Um sich aber in Erinnerung zu rufen, zu was dieser Wagen fähig ist, reicht eine freie Autobahn - und dann Alltag raus, Sport-Modus rein. Alles geht jetzt plötzlich schnell, Turboloch, was war das noch mal? Ein Zischen, das war der Lader, jetzt geht es noch schneller, bei einer Drehzahl jenseits von 7000 Umdrehungen pro Minute ist der 540 C dann ganz bei sich und man selbst fühlt sich als Alleinherrscher der Straße.

Der Begleitsound des Motors bleibt dabei vergleichsweise unspektakulär. Da gibt es beim Porsche 911 Turbo mehr Klang fürs Geld - aber dafür vermittelt der 540 C durch sein ganzes Auftreten einen extremeren Eindruck. Das Schöne an diesem Auto ist seine Reduzierung aufs Wesentliche.

Man blickt durch eine Panoramawindschutzscheibe, die tief in die Vorderhaube abtaucht. Das Lenkrad ist völlig nackt, kein einziger Knopf verpickelt es. Direkt neben dem Fahrersitz befinden sich auf einer übersichtlichen Leiste der Startknopf, das Fahrmodi-Menü und drei Schalter zum Auswählen der Gänge.

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Einen breiten Mitteltunnel wie im Porsche oder Audi gibt es im McLaren nicht, stattdessen eine schmale Ablagefläche und vor allem: viel Freiraum. Das Infotainmentsystem mit dem Touchscreen ragt aus dem Armaturenbrett raus, der Platz dahinter ist ausgespart.

Beim 540 C wird deutlich: McLaren beherrscht wie kaum ein anderer Hersteller die Kunst des Weglassens. Die Karosserie wirkt auch ohne effekthaschende Elemente wuchtig, das Interieur ist schlicht, ohne dass man etwas vermisst. Mit einem Gewicht von 1,3 Tonnen ist der Wagen rund 200 Kilo leichter als der 911 Turbo oder R8.

Der McLaren 540 C im Video:

Christoph Stockburger

Die Einsparungen äußern sich leider aber auch an einigen anderen Stellen: Der Deckel des Handschuhfachs fühlt sich klapprig an, die Abdeckung für die USB-Buchsen in der Armlehne auch; am Schalter für die Feststellbremse bitte nicht zu fest ziehen, er könne sonst abreißen, heißt es bei der Einweisung für das Auto.

Beim Skoda-Händler würde man nach so einer Ansage sofort die Nummer der Verbraucherschutz-Hotline wählen, aber beim McLaren, der ungefähr so viel kostet wie zehn Octavia, nimmt man das halt hin. Einmal aufs Gaspedal gedrückt, und man hat dem 540 C alles verziehen.

Das muss man wissen: In sämtlichen aktuellen McLaren-Modellen steckt der gleiche 3,8-Liter-V8-Doppelturbomotor. Auch im 570 S, der in der Produktpalette direkt eine Stufe über dem 540 C angesiedelt ist, 30 PS mehr hat und rund 22.00 Euro teurer ist.

Der 570 S sei im Vergleich zum 540 C etwas "extremer" abgestimmt, heißt es bei McLaren, die zusätzliche Leistung ergebe sich durch eine veränderte Motorsteuerung und Getriebeschaltzeiten. Wo der 540 C Stahlbremsen hat, sind sie beim 570 S aus Karbon und Keramik.

Äußerlich erkennt man das etwas teurere Modell eigentlich nur an dem breiteren Seitenschweller, auf dem ein "570 S"-Schriftzug angebracht ist. Beim 540 C dagegen kann man lange nach der Modellbezeichnung suchen - am Auto wird man nicht fündig werden. Nur innen, unter dem Infotainmentsystem, irgendwo hinter dem Becherhalter, versteckt sich ein kleines Schildchen:

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Dabei muss McLaren dieses Auto wirklich nicht peinlich sein.

Das werden wir nicht vergessen: Der Typ, der mit freiem Oberkörper auf dem Gehweg der Dreißigerzone unterwegs war und beim Anblick des McLaren leicht in die Hocke ging, um dann mit seinen Armen eine Kurbelbewegung zu machen - eine Aufforderung, den Motor mal kurz aufheulen zu lassen.

Wir haben ihn ignoriert. Das ist eben kein Sportauspuffauto, Freundchen.

Fahrzeugschein
Hersteller: McLaren
Typ: 540 C
Karosserie: Sportwagen
Motor: V8-Doppelturbo
Getriebe: 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe
Antrieb: Heck
Hubraum: 3.799 ccm
Leistung: 540 PS (397 kW)
Drehmoment: 540 Nm
Von 0 auf 100: 3,5 s
Höchstgeschw.: 320 km/h
Verbrauch (ECE): 10,7 Liter
CO2-Ausstoß: 249 g/km
Kofferraum: 150 Liter
Gewicht: 1.311 kg
Maße: 4530 / 2095 / 1202
Preis: 171.850 EUR
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