Autogramm McLaren 720 S Rasante Rundumsicht

Sportwagen von McLaren gelten als kühle Präzisionswerkzeuge. Das neue Flaggschiff bleibt dieser Linie treu: Der 720 S bietet beeindruckende Fahrleistungen bei nüchternem Auftritt - plus eine überraschende Aussicht.

McLaren

Der erste Eindruck: Ein Alien!

Das sagt der Hersteller: "Der Wagen ist der erste einer neuen Art", sagt McLaren-Chef Mike Flewitt über den 720 S. Das Coupé aus der sogenannten "Super Series" markiert insofern eine Zäsur, weil mit ihm der zweite Modellzyklus beginnt, der nach und nach auch die anderen Baureihen betrifft.

Dass sich die Briten als kleiner Hersteller keine komplett neue Plattform leisten können und wollen, außerdem der Motor verdächtig dem des Vorgängers ähnelt, finden die McLaren-Entwickler nicht schlimm: "Bei der Gesamtkonstruktion sind 91 Prozent der Teile neu und außen zum Beispiel nur die Rücklichter übernommen worden", sagt ein Ingenieur. "Den Motor haben wir nicht nur etwas aufgebohrt, sondern so gründlich weiterentwickelt, dass wir von den Kolben bis zu den Ventilen und den Turbos etwa jedes zweite Teil ausgewechselt haben." Weil die Kritik offenbar nicht ganz unerwartet kommt, weiß er es sogar ganz genau: "41 Prozent des Motors sind neu."

Das ist uns aufgefallen: In den 720 S muss man sich nicht, wie bei anderen Sportwagen, akrobatisch einfädeln. Stattdessen tritt man förmlich ein. Die Scherentüren reichen so weit ins Dach, dass man sich ohne Oberkörpergymnastik bequem in die Ledersitze fallen lassen kann. Hat man sich dort eingerichtet, folgt die nächste Überraschung. Der Blick nach draußen ist fast frei. Aus anderen Sportwagen dieses Kalibers blickt man oft wie durch das schmale Visier eines Rennhelms, hier hingegen sieht man die Außenwelt im Cinemascope-Format. Selbst nach hinten kann man was erkennen, es sei denn, ein Koffer auf der Gepäckbrücke im Nacken des Fahrers blockiert die Rücksicht.

Tom Grünweg

Der Wagen leistet sich allerhand Showeffekte: Die ins Dach reichenden Türausschnitte. Die spektakulär geformten Scheinwerfer. Einen Knopf, der das Display hinterm Lenkrad wegklappen und die wichtigsten Anzeigen nur noch vor dem Beifahrersitz erscheinen lässt. Doch alle diese Dinge sind nicht nur Showeffekt allein. Die Türausschnitte erleichtern den Einstieg erheblich. Die Scheinwerfer maximieren den Abtrieb und optimieren zudem die Kühlung. Das weggeklappte Display sorgt für einen noch freieren Blick auf die Piste.

Auf Krawall verzichtet das Auto. Selbst bei verschärfter Gangart röhrt der 720 S so verhalten, dass man vermutet, im Sportauspuff stecke noch Verpackungsmaterial. Von fingierten Fehlzündungen oder Gebrabbel im Schubbetrieb, wie es die Konkurrenz gerne einsetzt, hört man im McLaren ebenfalls rein gar nichts.

Damit ist der 720 S, anders als die auf Aha-Effekte getrimmten Typen von Ferrari oder Lamborghini, ein eher technokratischer, überlegter Sportwagen. Aber anders als etwa der Audi R8 ist er keineswegs unterkühlt. Im Gegenteil. Auf der Autobahn bei Geschwindigkeiten jenseits von 300 km/h, auf einer freien Landstraße im Ringen mit dem Tempolimit und anderen Verkehrsregeln und mehr noch auf der Rennstrecke wird der McLaren zum Biest.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des McLaren 720S - mit unserem 360-Grad-Foto:

Gierig dreht sich der Wagen in Kurven, er saugt sich geradezu auf die Fahrbahn. Man sieht im Rückspiegel, wie der riesige Spoiler beim Bremsen auf- und beim Beschleunigen abschwingt wie die Fluke eines Wals. Das Auto ist so gut ausbalanciert, dass beinahe alles zu gelingen scheint. Runde für Runde bremst man die Kurven später an, steht früher wieder auf dem Gas und wundert sich, wie lang die Physik mitspielt.

Bis man den Regler für die "Variable Drift Control" entdeckt und dem Heck mehr Eigenleben einräumt. Statt die Stabilitätskontrolle einfach abzuschalten, kann man sie sozusagen stufenlos dimmen und damit den Nervenkitzel so lange steigern, bis man entweder mit qualmenden Reifen quer über den Kurs karriolt - oder ins Kiesbett trudelt.

Das muss man wissen: Die neue Karbonstruktur der Karosserie ist steifer und leichter als beim Vorgänger, die Kabine ist geräumiger, der Kofferraum größer, das Getriebe schaltet schneller, die Bremsen wirken bissiger und die Elektronik der Stabilitätskontrolle sowie des adaptiven Fahrwerks rechnet noch schneller als bisher.

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Autogramm McLaren 720 S: Schnelle Aussicht

Auch der Motor wurde optimiert. Nach wie vor handelt es sich um ein V8-Aggregat mit doppelter Turboaufladung. Allerdings wurde der Hubraum von 3,8 auf 4,0 Liter vergrößert, und es kommen neue Lader zum Einsatz, die schneller ansprechen. Im Verbund mit etlichen anderen Verbesserungen steigt damit die Leistung des neuen Triebwerks auf 720 PS, das maximale Drehmoment auf 770 Nm und Fahrleistungen machen den McLaren zum Spitzentrumpf im Autoquartett: Von 0 auf 100 beschleunigt der Wagen in 2,9 Sekunden, Tempo 200 sind nach 7,8 Sekunden erreicht und wer das Gas stehen lässt, kann mit dem Coupé bis zu 341 km/h schnell fahren.

Die ersten Exemplare werden noch im Mai bei den Händlern stehen. Der Basispreis für den 720 S liegt bei selbstbewussten 247.350 Euro. Doch offenbar stört das die angepeilte Klientel kein bisschen. Obwohl der neue Sportwagen bislang nur einmal, beim Autosalon in Genf, öffentlich gezeigt wurde, sind bereits 1400 Autos bestellt. Die Produktion dieses Jahres ist damit bereits ausverkauft. Wer den Wagen fahren möchte, braucht also neben einem Haufen Geld auch noch ebensoviel Geduld.

Das werden wir nicht vergessen: Was von der ersten Begegnung mit dem 720 S vor allem haften blieb, ist die Fahrt während der morgendlichen Rushhour in der Stadt. Denn dass ein Auto wie der McLaren in freier Wildbahn Spaß macht, ist keine große Überraschung. Aber dass man den 720-PS-Flachmann so wohldosiert fahren kann, dabei komfortabel untergebracht ist und beste Aussichten hat, das ist dann doch großes Autokino. Guckst Du!

Fahrzeugschein
Hersteller: McLaren
Typ: 720 S
Karosserie: Sportwagen
Motor: V8-Turbobenziner
Getriebe: Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe
Antrieb: Heck
Hubraum: 3.994 ccm
Leistung: 720 PS (530 kW)
Drehmoment: 770 Nm
Von 0 auf 100: 2,9 s
Höchstgeschw.: 341 km/h
Verbrauch (ECE): 10,7 Liter
CO2-Ausstoß: 249 g/km
Kofferraum: 360 Liter
Gewicht: 1.419 kg
Maße: 4543 / 1930 / 1196
Preis: 247.350 EUR
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insgesamt 32 Beiträge
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mazzmazz 16.05.2017
1. Will ich!
Das Ding würde mir gefallen. Sieht toll aus, ist vermutlich ausreichend schnell für mich und man kann sogar was sehen. Blöd nur, dass meine Frau das Ding wohl als Scheidungsgrund ansehen würde...
Leonbeck 16.05.2017
2. Leider
hat sich McLaren vom genialen Konzept des Modells F1 verabschiedet, bei dem der Fahrer mittig sitzt, mit je einem Beifahrersitz rechts und links davon. So ist der 720S beliebig, und es könnte auch irgendein ein anderes Firmenlogo darauf kleben.
derLordselbst 16.05.2017
3. F1-Nachfolger angekündigt.
Das sich McLaren vom F1-Konzept mit zentralen Fahrersitz verabschiedet hat, stimmt nicht. Zumindest angekündigt ist ein Nachfolger für den P1, der dann drei Sitze haben sollen.
redneck 16.05.2017
4.
Wunderschöner Wagen. Tolles grau. Nur beim Motor häts ein Alu LS Sauger mit 7l besser gekonnt als der deutsche Kleinturbo. Service und Reparaturkosten sind ausserirdisch. Die Autos werden kaum bewegt.
observerlbg 16.05.2017
5. Sehe ich absolut nicht so
Zitat von Leonbeckhat sich McLaren vom genialen Konzept des Modells F1 verabschiedet, bei dem der Fahrer mittig sitzt, mit je einem Beifahrersitz rechts und links davon. So ist der 720S beliebig, und es könnte auch irgendein ein anderes Firmenlogo darauf kleben.
Das Alleinstellungsmerkmal mit den Beifahrersitzen versetzt nach hinten ist nicht gewünscht. 007 will seiner Beifahrerin lieber an den Oberschenkel fassen, nicht an die Füße ;-) Dieser McLaren ist schon unverwechselbarer Understatement und nicht italienischer Machoauftritt.
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