McLaren Senna Ultima Rasio

Neuzugang in der McLaren-Sportwagenfamilie Ultimate Series: Auf den P1 folgt jetzt der Senna. Den Namen des Formel-1-Helden trägt der 922.000 Euro teure Überflieger aus gutem Grund.

McLaren

Der erste Eindruck: Ein Überflieger - denn der McLaren Senna sieht mehr nach Kampfjet aus als nach Kraftfahrzeug.

Das sagt der Hersteller: Für McLaren-Chef Mike Flewitt ist der Senna ein Auto der Extreme. Noch nie habe es einen derart kompromisslosen McLaren für die Straße gegeben, die legendären Modelle F1 und P1 eingeschlossen. Mark Gayton, der bei McLaren die Ultimate Series verantwortet, kehrte für dieses Auto den Entwicklungsprozess um. "Normalerweise planen wir ein Straßenauto und leiten davon einen Rennwagen ab, beim Senna war es anders herum", sagt der Entwickler. "Unser Auftrag war ein waschechter Rundstreckenrenner, den wir anschließend mühsam über alle Zulassungshürden heben mussten."

McLaren

Das ist uns aufgefallen: Einsteigen, anschnallen, losfahren - ganz so einfach geht's im Senna nicht. Denn in diesem Auto ist man weniger Fahrer als Pilot. So muss man sich durch enge Flügeltüren in noch engere Karbonschalen zwängen, Helm und den Nackenschutz HANS tragen, sodann von Helfern im Sechspunktgurt fixieren lassen. Anschließend wartet eine außergewöhnliche Bedienung auf den Fahrer. Weil es kaum ein Armaturenbrett gibt, in dem irgendwelche Schalter hätten untergebracht werden können, und auch keine Mittelkonsole, sind alle wichtigen Bedienelemente ins Dach gewandert wie bei einem Düsenjet.

Aber sobald der Motor erst einmal läuft, gibt es ohnehin nicht mehr viel einzustellen. Dann geht es nur noch ums Fahren, dafür muss man keine Knöpfe drücken. Noch ehe der Senna aus der Boxengasse rollt, fühlt man sich eins mit dem Auto. Und zwar nicht nur wegen der perfekten Ergonomie, sondern weil man das Auto besser spürt als jedes andere dieses Kalibers. Lärm und Vibrationen werden nicht ausgeblendet, sondern aufgrund einer extrem steifen Anbindung noch verstärkt, sodass einem jeder Gasstoß buchstäblich in die Knochen fährt. Weder Tacho noch Drehzahlmesser sind nötig, denn man fühlt geradezu, wie schnell das Triebwerk läuft.

Der Wagen ist weniger eine Maschine, die man bedient, sondern eher ein Muskel, den man bewegt. Allerdings sollte man das sehr vorsichtig tun. Denn die Reaktion ist unmittelbar und explosiv, es gibt keinen Grenzbereich. Eine kleine Bewegung am Lenkrad, schon reißt es den Senna herum. Die Karosserie ist so bocksteif, das Fahrwerk so hart und das Gaspedal so feinfühlig, dass ein halbes Grad mehr im rechten Fuß einen katapultartigen Zwischenspurt auslöst. Ebenso kompromisslos arbeiten die Bremsen.

Dass man den McLaren dennoch geradezu intuitiv fahren kann und der Ideallinie mit ein bisschen Übung nahe kommt, liegt nicht nur an der unglaublich engen Verbindung zwischen Fahrer und Fahrzeug. Es liegt auch an den 800 Kilo Abtrieb, die bei 250 km/h auf dem Wagen lasten und die speziell geschnittenen Pirelli-Pneus derart auf den Asphalt pressen, dass die Fliehkraft kaum eine Chance hat; es liegt außerdem auch an der für einen Supersportwagen ungewöhnlich guten Übersicht. Während man sonst eher durch Schießscharten blickt, breitet sich hier die Strecke vor dem Fahrer wie ein Breitbild aus. Dazu sieht man durch die verglasten Türen direkt auf die Curbs, was das Herantasten an den Scheitelpunkt einer Kurve sehr erleichtert.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des McLaren Senna - mit unserem 360-Grad-Foto:

Was man im Rausch des Rasens gar nicht mitbekommt, ist die aktive Aerodynamik des Senna. Erst wenn man sich an den Rand der Piste stellt, oder - noch besser - eine Fahraufnahme in Zeitlupe sieht, erkennt man, wie viel Spiel der riesige Heckflügel hat. Zum Bremsen stellt er sich fast senkrecht in den Wind, weil er um bis zu 35 Grad gekippt wird. Und man erkennt den balancierenden Effekt, wenn sich jenseits von 200 km/h oder bei einer Vollbremsung die Klappen im Bug öffnen und die Strömung so verändern, dass der Wagen nicht eintaucht und dadurch schwerer zu beherrschen wird.

Das muss man wissen: Der Senna gehört, wie der P1, zur so genannten Ultimate Series von McLaren. Er wird in mehr als 300 Stunden pro Auto weitgehend von Hand produziert und ab diesem Sommer zu Preisen ab 922.250 Euro ausgeliefert. Dafür bietet er Fahrleistungen, die nicht minder extrem sind: Von 0 auf 100 beschleunigt er in 2,8 Sekunden, Tempo 200 hat er nach 6,8 Sekunden erreicht, die 300 flimmert nach 18,8 Sekunden über das digitale Display. Das Spitzentempo gibt McLaren mit 340 km/h an. Kein Wunder, dass man auf der 2,8 Kilometer langen Start-Ziel-Geraden des Formel-1-Kurses von Estoril, wo Ayrton Senna seinen ersten Grand Prix gewann, lässig Tempo 290 erreicht.

Der Senna basiert theoretisch auf dem Modell 720S, hat aber mit dem bisherigen Topmodell kaum mehr als die Karbonwanne der Grundstruktur, das einklappbare Digitaldisplay hinterm Lenkrad und den Block des 4,0 Liter großen V8-Motors gemein. Modellreihen-Chef Gayton: "Alles andere ist speziell für den Senna entwickelt." Das beginnt bei dem auf 800 PS Leistung und 800 Nm Drehmoment hoch gezüchteten Motor, auch das siebenstufige Doppelkupplungsgetriebe im Heck ist neu, die spektakuläre Karosserie und das adaptive Verstellfahrwerk, ebenso wie die spartanische Kabine. Es gibt keinerlei Ablagen und wo man auch hinschaut rohes, unbehandeltes Karbon.

Die Aufgabe, einen Rennwagen zu entwickeln und ihn dann ins Korsett der Zulassungsverordnung zu pressen, sei schwieriger gewesen als gedacht. Vor allem die dritte Bremsleuchte, die dem dreiflutigen Auspuff weichen und deshalb ungewöhnlich weit nach oben wandern musste, habe "ganz schön viele Diskussionen mit den Behörden gekostet", sagt Gayton.

Gebaut wird der Senna exakt 500 Mal, die Auflage ist längst ausverkauft. Und auf die Rennversion GT-R zu hoffen, wird auch nicht helfen. Von der wird es lediglich 75 Exemplare geben, um die sich bereits mehr als 200 Kunden beworben haben.

Das werden wir nicht vergessen: Die vergebliche Suche nach dem richtigen Bremspunkt. Denn im Zusammenspiel mit den neuen Keramikbremsscheiben und der Aerodynamik hat der McLaren Senna eine derart brachiale Verzögerung, dass man auch im fünften oder zehnten Anlauf noch zu früh in die Eisen steigt.

Fahrzeugschein
Hersteller: McLaren
Typ: Senna
Karosserie: Sportwagen
Motor: V8-Turbobenziner-Direkteinspritzer
Getriebe: Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe
Antrieb: Heck
Hubraum: 3.994 ccm
Leistung: 800 PS (588 kW)
Drehmoment: 800 Nm
Von 0 auf 100: 2,8 s
Höchstgeschw.: 340 km/h
Kofferraum: 0 Liter
Gewicht: 1.198 kg
Maße: 4744 / 2153 / 1229
Preis: 922.250 EUR
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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
frank.huebner 14.08.2018
1. Danke für den wichtigen Artikel
Danke, hat meinen Tag gerettet. Endliche in alltagstaugliches Auto, günstig im Vebrauch, als Gesamtpaket absolut zukunftsweisend. Ich werde auf einen Jahreswagen hoffen.
BeatDaddy 14.08.2018
2. Sobald
die Firma McLaren etwas Neues in ihre Autos baut, ist Vorsicht geboten, fragt Fernando Alonso...Und eigentlich ist es eine Frachheit, überhaupt zu wagen, das McLaren-Idol Senna für die Namensgebeung heranzuziehen! Nachdem nur Ron Dennis es geschafft hat, Ayrton zu Mclaren zu holen, obwohl Kapitän Krummnase bereits dort fuhr und Nr. 1 Status hatte und man dazu noch Ron Dennis vor Jahren von McLaren wegekelte, hätten sie sich doch an die heutigen "Idole", wie ein Alonso halten können.
werner-xyz 14.08.2018
3. ich glaube ich werde alt
Früher fand ich solche Berichte total interessant, inzwischen interessieren Sie mich wie der berühmte Sack Reis. Ein Auto für Leute mit zuviel Geld, dass man eh nie irgendwo sehen wird, da die Dinger wahrscheinlich nur irgendwo in Privatmuseen stehen oder in Dubai rum kurven. Technisch auch nix neues. Mal die Bilder angeklickt, weiter gehts.
peterpullin 14.08.2018
4. Weia.....
...das ding sieht aus als hätte ein lambo den falschen drops gelutscht: zerklüftet, unansehnlich, prolig. Ggf. geht das ding in komlett schwarz ja noch durch - den hype des autors kann ich nichtmal im ansatz nachvollziehen. bin ja gusseiserner autonarr aber das geht gar nich )-:
njotha 14.08.2018
5. unmittelbares Fahrgefühl...
... hat man auf einem Lanz Bulldog oder in einem der 20er-Jahre Fahrzeuge, bei denen man auch den Zündzeitpunkt manuell der Fahrsituation entsprechend einstellt In so einem nicht High Tech, sondern Extreme Tech-Fahrzeug erfährt man höchstens, wo die Grenzen der aktuell (und bei unbegrenztem Budget) verfügbaren Technik (und der Physik) liegen - und wozu Eitelkeit und so blankes wie nutzloses männliches Imponieren-Wollen manche Menschen bringen. Warum definieren sich Männer so unglaublich gerne über a) Lärm (aus grölender Kehle, Lautsprechern oder Auspuffanlagen) und b) Beschleunigung und Höchstgeschwindigkeit aus gekaufter Motorkraft? Na ja, und noch c) möglichst teurer und weithin auffälliger Lackierung von Blech. Es gibt Männer mit angenehmerem Balzverhalten...
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