Autogramm Mercedes AMG E 53 Cabrio Luftnummer

Die Mercedes-Tochter AMG will mehr Fahrzeuge verkaufen, deshalb motzt sie Autos zu sogenannten Performance-Modellen auf. Jüngstes Beispiel ist der AMG E 53. Doch der Charakter bleibt auf der Strecke.

Daimler

Der erste Eindruck: Spoiler allein machen noch keinen Sportwagen, und verchromte Auspuff-Endrohre im Diffusor-Einsatz keinen kernigen Sound.

Das sagt der Hersteller: Für Mercedes-AMG-Chef Tobias Moers sind die neuen 53er-Modelle dank des 48-Volt-Bordnetzes und des neuen Starter-Generators der erste Schritt zur Hybridisierung der Marke. Sie seien eine "zukunftsweisende Kombination aus sportlichem Design, Performance und Effizienz".

Das ist uns aufgefallen: Der E 53 startet mit verhaltenem Auspuff-Sound und wird auch nach einem Druck auf die Taste für die Schallklappen im Abgastrakt nicht zum Brüller. Das mag sozial korrekt sein und passt zum eher dezenten Auftritt der AMG-"Performance"-Modelle. Die tragen außen neue Schürzen und Schweller, einen anderen Kühlergrill, verchromte Endrohre und einen kleinen Spoiler auf dem Heckdeckel. Innen sind sie mit sportlicheren Sitzen, roten Gurten und einer roten Markierung am Lenkrad bestückt.

Tom Grünweg

Die Zurückhaltung passt jedoch nicht zur Marke AMG und den Erwartungen ihrer Kunden. Denn wer so ein Auto kauft, möchte auffallen und vielleicht sogar provozieren; ganz sicher aber will er nicht unbemerkt bleiben. Sonst könnte er einen E 350 fahren und das gesparte Geld zum Beispiel für Extras ausgeben.

Ähnlich zwiespältig ist das Fahrgefühl. Ja, der AMG E 53 ist stark und schnell, und der Boost-Effekt des 48-Volt-Generators macht sich mit 22-Zusatz-PS und 250-Nm-Extra-Drehmoment beim Anfahren genauso bemerkbar wie der elektrische Verdichter, der schneller hochdreht als der nachgeschaltete Turbo. So baut er früher Druck auf und lässt die als Turboloch gefürchtete Anfahrschwäche vergessen.

Aber trotz einer Gesamtleistung von 457 PS und einem Drehmoment von 520 Nm des Reihensechszylindermotors fühlt sich das Auto nicht wirklich sportlich an. Weder ist das Fahrwerk bretthart abgestimmt, noch knallt die Automatik die Gänge ins Getriebe - und die Lenkung ist auch nicht übertrieben scharf. Selbst im engagiertesten Fahrprogramm bleibt das Cabrio ein entspannter Cruiser, nur dass der Fahrtwind im AMG merklich auffrischt, weil der Wagen eben doch deutlich mehr Power hat als das stärkste normale Mercedes-Modell.

Deshalb ist der AMG E53 kein schlechtes Auto und schon gar keine Enttäuschung, sondern sicher die sportlichste Variante in der Palette. Aber der Typ ist eben auch das schwächste Modell der AMG-Familie - und das gilt nicht nur faktisch für die Leistung, sondern auch für die Erfüllung der Erwartungen.

Im Cabrio ist die Ernüchterung fast noch ein bisschen größer. Denn ausgerechnet in jener Variante, in der man vom Motor am meisten mitbekommt, vermisst man die Emotionen auch am meisten. Andererseits passt dieser Ansatz natürlich am besten zu einem offenen Auto. Denn Cabrios gelten mehr als Autos für Selbstdarsteller, denn als Modelle für Sportfahrer. Wer es ernst meint mit der Performance, der schleppt kein schweres Faltdach mit und lässt sich nicht von Luft, Sonne und Duft ablenken, sondern sitzt fix überdacht in einem Coupé.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des Mercedes AMG - mit unserem 360-Grad-Foto:

Das muss man wissen: Den 53er Motor gibt es zunächst für die Mercedes-AMG-Modelle CLS (84.400 Euro), die zweitürigen Varianten der E-Klasse (das Coupé kostet 81.600, das Cabrio 87.100 Euro) und den neuen GT Viertürer (109.200 Euro). Der drei Liter große Reihensechszylinder kommt auf 435 PS Leistung und 520 Nm Drehmoment und arbeitet mit einem zweistufigen Turbo-Konzept: Erst übernimmt eine elektrische Turbine die Verdichtung der Luft, dann der konventionelle Lader. Zudem schiebt auch der Anlasser mit an. Möglich macht das ein 48-Volt-Bordnetz, das den Einsatz stärkerer Elektromotoren erlaubt. So entwickelt der EQ-Booster genannte Startergenerator 22 PS Leistung und 250 Nm Drehmoment und rechtfertigt für AMG-Chef Moers den Begriff "Hybridisierung". Rein elektrisch fährt keines der 53er-Modelle auch nur einen Meter.

Mit der elektrischen Starthilfe, einer neunstufigen Automatik und serienmäßigem Allradantrieb beschleunigt der Motor jedoch vehement und macht eine Höchstgeschwindigkeit von 270 km/h möglich. Zugleich verlängert der Generator die Start-Stopp-Phasen, lässt das Auto öfter segeln und kann beim Bremsen oder im Leerlauf als Generator mehr Energie zurückgewinnen (rekuperieren). Deshalb liegt der Verbrauch im von uns gefahrenen Cabrio bei für ein AMG-Modell vergleichsweise moderaten 8,8 Liter.

Das werden wir nicht vergessen: Den Blick unter die Haube, der das Dilemma des E53 auf den Punkt bringt. So hat der Sechszylinder zwar die am aufwendigsten gestaltete Motorabdeckung mit dem größten AMG-Logo, doch die Unterschrift des Mechanikers, der mit seinem Namen für das normalerweise gepflegte Prinzip "one man, one engine" einsteht, bleibt den Performance-Modellen verwehrt. Damit ist der E 53 eben doch nicht so besonders, sondern lediglich einer von vielen.

Fahrzeugschein
Hersteller: AMG
Typ: AMG E 53 Cabrio
Karosserie: Cabriolet
Motor: Reihensechszylinder-Turbo-Benzindirekteinspritzer
Getriebe: Neungang-Automatik
Antrieb: Allrad
Hubraum: 2.999 ccm
Leistung: 435 PS (320 kW)
Drehmoment: 520 Nm
Von 0 auf 100: 4,5 s
Höchstgeschw.: 270 km/h
Verbrauch (ECE): 8,8 Liter
CO2-Ausstoß: 200 g/km
Kofferraum: 385 Liter
umgebaut: 310 Liter
Gewicht: 1.980 kg
Maße: 4842 / 1860 / 1428
Preis: 87.066 EUR
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insgesamt 74 Beiträge
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charles.f 10.10.2018
1. Perfektes Cabrio
Es gibt Menschen, die wollen nicht um jeden Preis auffallen, die wollen einfach ein sauschnelles, echt viersitziges Cabrio. Nicht der dezente Auftritt oder der Sound enttäuscht, vielmehr wäre noch mehr Leistung wünschenswert. Braucht kein Mensch, macht aber Spass und ist dann im Auftritt auch nich sozialkompatibel. Und ein echter Vietsitzer.
fehleinschätzung 10.10.2018
2. Das mag sozial korrekt sein*
Sie sagen es: "Das mag sozial korrekt sein", jeder Klappenauspuff ist demnach per se demnach unsozial. Das haben Sie sehr schön auf den Punkt gebracht! Gut das es den ganzen Quatsch bei Tesla und Co nicht gibt und offensichtlich auch nicht gewünscht wird.
frankfurtbeat 10.10.2018
3. unglaublich ...
unglaublich aber das werden noch immer Potenzschleudern gebastelt. Nu wer das für sein Ego braucht ... schön finde ich die Version nicht unbedingt.
echoanswer 10.10.2018
4. Wie war das doch
mit dem Klimawandel? Ach so, den gibt es nur für Arme. Leute mit Geld und zu kurzem Genital brauchen sich nicht um die Umwelt zu kümmern. Das ist verständlich.
scuba303 10.10.2018
5. Für die Anderen ist es einfach lärm
Der Autor scheint sich um eine Stelle bei Porsche zu bewerben:"Denn ausgerechnet in jener Variante, in der man vom Motor am meisten mitbekommt, vermisst man die Emotionen auch am meisten." Faselte nicht erst jüngst Porsche "Mit einer "Emotionalisierungsfunktion", die auf dem Prüfstand nicht aktiv sei, sei der Motorensound auf der Straße verbessert worden."
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