Mercedes C 63 AMG Baby-Benz auf Steroiden

Das vom PS-Wert stärkste C-Klasse-Modell aller Zeiten ist ziemlich unvernünftig und passt zur Klimakrise wie ein Kohlemeiler in die Umweltzone. Sein Öko-Gewissen sollte man als Fahrer des Mercedes C 63 AMG lieber ausschalten. Gelingt das, macht der Wagen allerdings richtig Spaß.


Rational an die Sache heranzugehen, hilft nicht. Seit Jahren schon reden Verantwortliche der Autoindustrie nur noch über Sparkonzepte und alternative Antriebe; auf jeder Pkw-Messe werden allerlei grüne Konzeptfahrzeuge präsentiert. Doch Auswirkungen auf das Kaufverhalten der Autofahrer scheint all das nicht zu haben.

"Sportwagen bleiben in Deutschland trotz der Klimadiskussion populär", sagt Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer. Selbst jene Konsumenten, die sich keinen Porsche, Ferrari oder Lamborghini kaufen, erliegen dem Leistungsfetischismus, hat die Deutsche Automobil Treuhand (DAT) ermittelt. Laut aktuellem DAT-Report hatte der durchschnittliche Neuwagen 2007 exakt sieben PS mehr als im Jahr davor - nämlich 128.

Vor diesem Hintergrund wird nachvollziehbar, warum Mercedes die C-Klasse-Baureihe auf der einen Seite durch ein besonders sparsames, sogenanntes Blue-Efficiency-Modell ergänzt, auf der anderen Seite aber auch einen Extremisten wie den C63 AMG auf die Straße schickt.

Die stärkste C-Klasse aller Zeiten, die natürlich weit jenseits des Mittelwertes von 128 PS liegt, fährt mit dem mittlerweile in zahlreichen Modellen verfügbaren V8-Motor. Die Maschine leistet wackere 457 PS. Das sind immerhin dreimal so viel wie beim Basismodell C 180. Die Fahrleistungen sind entsprechend imposant. Während der tiefe Bariton aus den vier armdicken Endrohren dröhnt, schießt die Limousine davon, als gäbe es kein Morgen.

Mit maximal 600 Nm und bereits unmittelbar nach dem Leerlauf verfügbaren 500 Nm Drehmoment schnellt der Viertürer binnen 4,5 Sekunden auf Tempo 100 und lässt damit sogar einen Porsche 911 stehen. Wie schnell die Sternschnuppe der C-Klasse dahinrasen könnte, wenn es keine elektronische Begrenzung gäbe, deutet die neue Tachoskala an. Sie reicht bis 320. Ab Werk ist aber bei 250 Sachen Schluss, und wer partout meint, noch rasanter unterwegs sein zu müssen, dem öffnet Mercedes gegen Aufpreis die Drosselung bis maximal 280 km/h.

Der Motor schluckt, als gäbe es Benzin umsonst

Natürlich ist so ein Auto ganz und gar unvernünftig. Andererseits: Wer am Steuer nicht nur die Distanz zwischen A und B überwinden will, wird das Kraftwerk genießen. Und das schlechte Gewissen kommt früh genug. Zum Beispiel beim Blick auf die Nadel der Tankuhr, die sich beinahe so schnell bewegt wie die des Tachos, obwohl sie korrekt funktioniert. Der Motor gönnt sich tatsächlich schon im Normzyklus 13,4 Liter und ist bei forscher Fahrt kaum unter 20 Litern zufrieden.

Zwar hält Baureihen-Entwickler Claus-Peter Claar den V8 - gemessen an seiner Leistung - für einen "hoch effizienten Motor" und mag sogar recht haben. Doch im Datenblatt stehen trotzdem 319 Gramm CO2, die im Schnitt pro Kilometer herausgeblasen werden. Damit ist der C 63 AMG für das Klima etwa so förderlich wie "fettfreie" Gummibärchen für die Diät.

Mit dem stärkeren Motor ist es bei AMG nicht getan. Deshalb hat die C-Klasse auch ein modifiziertes Fahrwerk mit härteren Dämpfern und einer breiteren Spur an der Vorderachse erhalten. Außerdem bekommen die Bremsen mehr Biss, die Automatik wechselt die sieben Gänge noch schneller, und das ESP bietet auf Knopfdruck einen erweiterten Toleranzbereich. Aber selbst wenn der aktiviert ist, flackert die orangefarbene Kontrollleuchte im Cockpit wie ein Stroboskoplicht in der Disco. Denn ein kräftiger Tritt aufs Gaspedal genügt, und der Wagen schwänzelt mit rauchenden Reifen davon. Natürlich muss man nicht so kindisch anfahren und kann mit der C-Klasse auch ganz souverän über die linke Spur fliegen. Doch die Versuchung ist da.

Die neuen Sportsitze sind überaus unbequem

Damit auch jeder erkennt, mit welchem Spielzeug die großen Jungs hantieren, haben auch die Designer kräftig zugelangt. So bekam die Limousine nicht nur die üblichen Spoiler, Schweller und Schürzen, sondern auch einen aufdringlichen Diffusor-Einsatz am Heck und eine neue Motorhaube, die von zwei Powerdomes durchzogen wird.

Kunden mit gesteigertem Geltungsbedürfnis sollte das gefallen. Wer den Pelz lieber nach innen trägt, fühlt sich wie ein gut trainierter Turner unter aufgespritzten Bodybuildern. Den Eindruck verstärkt auch der Innenraum: Die AMG-Instrumente sind chic und das unten abgeflachte Sportlenkrad liegt perfekt in der Hand. Aber die neuen Sportsitze sind so unbequem, dass man den überraschenden Komfort des Fahrwerks fast vergisst. Vor allem die integrierten Kopfstützen werden schnell zur Plage.

Aber vielleicht ist ja genau das die Strafe für den Genuss der verbotenen Vollgas-Frucht. Der Widerspruch zwischen kraftvollem Fahrspaß auf der einen Seite und verantwortungsvollem Verhalten auf der anderen lässt sich mit dem Mercedes C 63 AMG nicht auflösen. Für einen Kompromiss taugt das Auto nunmal nicht. Es macht Spaß. Und es ist zugleich vollkommen überflüssig.



insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
hauptmannlurtz 29.04.2008
1. Preis
Entweder habe ich es selbst beim dritten mal lesen uebersehen, oder der Autor hat es einfach galant weggelassen: Wie viel soll denn das gute Stueck nun kosten?
anlipati 29.04.2008
2. Preis AMG C 63
Für den C 63 AMG verlangt Mercedes 67 235 Euro. Das ist im Vergleich zum Wettbewerb fast ein Kampfpreis: Der AMG ist trotz Mehrleistung nur unwesentlich teurer als der günstigste, BMWs M3 für 66 650 Euro. Und geradezu als Wucherer erscheint Audi mit dem Grundpreis von 71 700 Euro für die RS4-Limousine. gefunden im focus http://www.focus.de/auto/fahrberichte/tid-7471/mercedes-c-63-amg_aid_133500.html
Colorful, 29.04.2008
3. Viel zu fett
1730 kg! Wer kauft sich so etwas? Und wozu? Auf der Landstraße kaum legal zu fahren, für die Kurvenhatz zu behäbig, auf der Autobahn gehts nur langweilig grade aus. Auf der Rennstrecke? Bei dem Gewicht lachhaft. Da bleibt wirklich nur die Eisdiele und da gibts selten einen Parkplatz ...
readme74 29.04.2008
4. Alles halb so wild.
Warum hacken denn immer alle auf solchen Autos rum... Gut, sie sind vielleicht nicht besonders umweltfreundlich, wirtschaftlich schon garnicht, aber man muss das ganze doch mal im Verhältnis sehen und die Kirche im Dorf lassen, bei einem Verkaufspreis von 67.000€ werden die Stückzahlen mehr als überschaubar bleiben, selbst wenn es so ein Auto in fünf Jahren gebraucht für 40.000€ gibt. Solange solche Schleudern nicht ab Werk 20.000 kosten und sie jeder Hinz und Kunz in der (klimatisierten) Garage stehen hat, sehe ich da keine Gefahr auf breiter Front für die Umwelt. Solche PS-Monster sind und bleiben Randerscheinungen weil sie sich einfach kaum noch wer leisten kann, ganz zu schweigen von Spritkosten und Vollgasfahrten auf der Autobahn damit. Wer mit dem Finger auf solche Autos zeigt, müsste eigentlich auch dafür sein daß Sprit rationiert wird, damit die Besserverdiener, die es sich noch leisten können auf Spritpreise zu pfeifen, nicht dem Berufspendler in seinem Golf IV alles wegtanken. Willkommen mitten in einer neuen Sozialneid-Debatte...
OnkelBenz, 29.04.2008
5. C 63 & co.
Hab`ihn gefahren. Der Wagen ist toll und macht wirklich Gänsehaut. Die wenigen Leute, die sich das Fahrzeug leisten werden, fahren damit auch bestimmt nicht mit Vollgas täglich zur Arbeit. Ein 63er verursacht bei 2000 U/min übrigens nicht mehr Dreck, als jeder Passat oder Mondeo, der angestrengter im Verkehr mitschwimmt. Es gibt keine umweltfreundlichen Autos mit Verbrennungsmotor, auch wenn das Ding nur 6 Liter verbraucht. Und wer die ganze Woche mit Bus und Bahn fährt, muß erst recht kein schlechtes Gewissen haben, wenn er am Sonntag für 20min mal ausflippt. Bevor derartige Fahrzeuge zwangsweise aus dem Verkehr gezogen werden, sollten eher die Gelände- und Pseudogeländewagen (insbesondere Diesel ohne Rußfilter!) für Nichtförster und Nichtlandwirte verboten werden.
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