Autogramm Mercedes G65 AMG Dynamit für den Dino

Was passiert, wenn man einem Auto von gestern einen V12-Motor unter die Haube stopft? Man bekommt den G65 von AMG - und ein schlechtes Gewissen. Mit mehr als 600 PS spottet der anachronistische Mercedes-Geländewagen den Gesetzen der Physik. Zumindest, solange man nicht auf die Tanknadel schaut.

Daimler

Der erste Eindruck: Nein, wir sind nicht im Museum gelandet. Nach über 30 Jahren hätte die Mercedes G-Klasse zwar alles Recht auf einen warmen und trockenen Platz in einer schmucken Sammlung. Aber das hier ist ein Neuwagen, der in Graz gerade frisch vom Band gelaufen ist. Dort wird der kantige Klassiker noch immer gebaut.

An den Blechen, die eher gefaltet als gebogen werden und nach dem Diktat des rechten Winkels zusammengefügt sind, hat sich in drei Jahrzehnten Bauzeit fast nichts geändert. Aber man sitzt jetzt auf bequemem Gestühl, blickt in ein modernes Cockpit, nutzt neueste Infotainment- und Assistenzsysteme und fährt in einer Lounge aus Lack und Leder. Kaum zu glauben, dass der Luxusliner mal als rustikaler Kampfwagen fürs Militär entwickelt wurde.

Außen dagegen ist vom AMG-Trimm, abgesehen von den etwas peinlich aufgeblähten Öffnungen für Kühlluft in der Frontstoßstange, wenig zu sehen. Klar, Kenner entdecken sofort die drei typischen Buchstaben auf den Kotflügeln, die Doppelklinge im Grill und die wuchtigen 20-Zoll-Felgen. Aber weil die G-Klasse im Straßenbild zwischen den glattgelutschten Geländewagen ohnehin auffällt wie eine Frachtschute zwischen Luxusyachten, haben die schnellen Schwaben auf die übliche Maskerade weitgehend verzichtet.

Wer um mangelnde Aufmerksamkeit fürchtet und Eindruck schinden will, muss nur den Motor anlassen. Spätestens dann drehen sich nach dieser G-Klasse alle um. Denn zum ersten Mal baut AMG den Dinosaurier als G65 AMG jetzt auch mit einem V12-Motor.

Das sagt der Hersteller: Kein anderes Modell in der Mercedes-Palette kommt auf so einen großen AMG-Anteil wie die G-Klasse. In Russland, Amerika, China oder im arabischen Raum wird beinahe jede zweite G-Klasse als AMG-Modell verkauft, berichtet Firmenchef Ola Källenius. Das sind auch die Länder, die immer wieder nach einem V12-Modell verlangt haben: "Irgendwann konnten und wollten wir einfach nicht mehr nein sagen", räumt Källenius ein.

Das ist uns aufgefallen: Wie faszinierend es ist, mit einem Fußtritt neun Jahre Physikunterricht in die Tonne zu kicken. Denn was die zwölf Zylinder, 612 PS und 1000 Nm mit dem G-Modell anstellen, ist mit den dort gelernten Naturgesetzen nur schwer nachzuvollziehen: 2,5 Tonnen schwer und so windschnittig wie eine Fertiggarage, stürmt der Geländewagen mit einer Vehemenz voran, die man sonst nur von Supersportwagen kennt.

Natürlich entlarvt ihn die Stoppuhr im Duell mit Porsche und Co. als lahmen Schleicher, in 5,3 Sekunden hat selbst der kleinste Boxster schon mehr als 100 Sachen auf dem Tacho. Doch so urgewaltig wie im G65 fühlt sich ein Ampelspurt sonst in keinem Auto an. Und wer einmal in einem G mit mehr als 200 Sachen über die Autobahn gepflügt ist, der empfindet bei Vollgas im Porsche nur noch gepflegte Langeweile.

Wer der Faszination für den G65 AMG erliegen will, muss die Vernunft allerdings völlig ausblenden. Schon eine normale G-Klasse ist ein grotesker Anachronismus, und die AMG-Version so zeitgemäß wie eine Erdölraffinerie im Trinkwasserschutzgebiet. Wenn ein Auto schon auf dem Prüfstand 17 Liter verbraucht, misst man den CO2-Ausstoß besser in Kilo als Gramm und beantragt bei seiner Kreditkartengesellschaft fürs Tanken sicherheitshalber einen höheren Verfügungsrahmen.

Fürs Gewissen ist es nur ein kleiner Trost, dass man den Wagen in unseren Breiten kaum zu sehen bekommt und die Stückzahlen insgesamt so gering sein dürften, dass sich der Einfluss aufs Weltklima in engen Grenzen halten wird.

Das muss man wissen: Mit einem Grundpreis von 264.180 Euro ist der G65 AMG nicht nur fast doppelt so teuer wie der auch nicht gerade schmächtige und keineswegs billige G63 AMG, sondern der teuerste Mercedes überhaupt. Kein anderer Geländewagen auf dem deutschen Markt hat so viel Zylinder, Leistung und Drehmoment wie der G65 AMG, und kein anderer Pkw eines deutschen Herstellers hat so einen hohen Verbrauch. Nur in einer Kategorie macht die Trumpfkarte keinen Stich: Mit Rücksicht auf die Reifen und Bremsen ist der Rausch des Rasens bei 230 km/h schon wieder vorbei.

Zeitgleich mit dem G65 bringt AMG auch einen neuen V8-Motor für die G-Klasse. Kam im G55 bis dato ein Kompressor mit 507 PS zum Einsatz, steckt jetzt der 5,5 Liter große Biturbo mit 544 PS unter der Haube. Er verbraucht 13 Prozent weniger und sticht mit seinem Normverbrauch von 13,8 Litern sogar den einzigen Benziner im 388 PS starken G500 aus der Großserie aus. Sparsamstes und zugleich günstigstes G-Modell ist G350 mit einem V6-Diesel, der 211 PS leistet und den Preis auf noch immer happige 85.311 Euro drückt.

Das werden wir nicht vergessen: Die Faszination für den urgewaltigen und trotzdem so kultivierten Kraftakt und das schlechte Gewissen bei jedem Tritt aufs Gaspedal. Aber vor allem das unglaublich satte und beruhigende Schmatzen, mit dem die schweren Türen ins Schloss fallen. Dieses Geräusch hört man bei einem neuen Mercedes leider nicht mehr. Es stammt, wie die ganze G-Klasse, aus einer anderen Zeit.

Mehr zum Thema


insgesamt 40 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Fist80 12.07.2012
1.
Bin gespannt wann die Ökofraktion ihr veganes Müsli fertig gefrühstückt hat und uns allen erklärt, warum dieses Auto das personifizierte Böse ist...
SmallSmurf 12.07.2012
2. <eom/>
Zitat von Fist80Bin gespannt wann die Ökofraktion ihr veganes Müsli fertig gefrühstückt hat und uns allen erklärt, warum dieses Auto das personifizierte Böse ist...
Schöner Beitrag... Der Mittag ist gerettet :-)
LeToubib 12.07.2012
3.
Zitat von Fist80Bin gespannt wann die Ökofraktion ihr veganes Müsli fertig gefrühstückt hat und uns allen erklärt, warum dieses Auto das personifizierte Böse ist...
Nein, ich frage mich nur, wann die Bundeswehr dieses Auto will. Der Abzug aus Afghanistan macht doch mit 600 PS sicherlich viel mehr Spass als mit 93 ..
fastclick 12.07.2012
4.
Zitat von Fist80Bin gespannt wann die Ökofraktion ihr veganes Müsli fertig gefrühstückt hat und uns allen erklärt, warum dieses Auto das personifizierte Böse ist...
Dieses Auto ist das personifizierte Böse... SCNR
fisschfreund 12.07.2012
5. lächerlich...
..immer dieses doofe Gelaber von wegen hoher Spritverbrauch. Wer 264 000 Euro für das Teil ausgibt, dem ist es völlig wurscht ob die Karre 20 oder 50 Liter verbraucht (wärs mir dann übrigens auch..).
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.