Es sind die kleinen Dinge, an denen sich das Verwöhnaroma des Mercedes ML 350 Blue Efficiency festmachen lässt. Zum Beispiel am Getränkehalter in der Mittelkonsole. Getränkehalter sind inzwischen wirklich Standard in Autos, doch der ML schafft es, auch in einer so profanen Disziplin irgendwie exklusiv zu sein. Seine Halter sind nämlich beheiz- oder kühlbar. Selbst Stunden, nachdem man den Kaffee dort abgestellt hat, ist er immer noch warm.
Das passt zum Rest des Autos. Auf dem Bildschirm im Armaturenbrett kann man Fernsehen gucken. Mit dem in die Kopfstützen der Vordersitze integrierten Screens und dem Multimedia-System außerdem die Passagiere auf der Rückbank bespaßen. Der Tempomat mit Abstandsregler erledigt das Fahren fast von selbst und eine ganze Armada an weiteren Komfort-Extras verleitet einen beim Fahren dazu, in Gedanken die ganze Zeit das alte englische Sprichwort abzuwandeln: My Car ist my Castle.
Genau genommen ist der ML ein Palast auf Rädern, in dem auch eine Fahrt quer durch die Republik ihren Schrecken verliert. Allerdings lösen die ebenfalls palastartigen Abmessungen eine gewisse Nervosität aus beim ersten Heranrollen an eine Tankstelle. Wie würde sich all der Komfort, die Größe, die Herrlichkeit auf der Tankrechnung ausdrücken?
Umwelt-Siegel vom TÜV Süd
Als der Rüssel in den Tankstutzen gleitet, fällt der Blick auf das Blue-Efficiency-Label auf der Flanke des Wagens. Es darf aufgeatmet werden. Blue Efficiency ist das Öko-Label von Mercedes. Damit sind Autos gekennzeichnet, die mit besonders sparsamen Motoren, etwa Benziner mit Direkteinspritzung oder anderen Technologien, ausgerüstet sind, die den Spritverbrauch senken sollen.
Der ML 350 mit diesem Emblem hat sogar das Umweltzertifikat des TÜV Süd erhalten. Damit "honorieren die unabhängigen Prüfer das Engagement des Unternehmens beim umfassenden Umweltschutz", heißt es in einer Mercedes-Pressemitteilung.
Und tatsächlich hat der Hersteller den Verbrauch im Vergleich zum Vorgänger gesenkt. Zum Beispiel durch den Einsatz einer Start-Stopp-Automatik, einer elektrischen Lenkung und Änderungen am Motor wie etwa die Direkteinspritzung. Dabei steigt die Leistung des 3,5-Liter-V6 von 275 auf jetzt 306 PS. Gleichzeitig soll, das verrät das Datenblatt des Autos, der Verbrauch von 11,4 auf 8,8 Liter pro 100 Kilometer gesenkt worden sein.
Durstig auch bei moderater Fahrt
All diese beruhigenden Dinge hat man im Kopf und das Blue-Efficiency-Label vor Augen, während Liter um Liter durch die Zapfpistole rauscht. Als es "klick" macht und der Tank voll ist, wird ein Betrag von 145 Euro angezeigt. 145 Euro!
Nun, eine horrende Tankquittung allein sagt noch nichts über den Verbrauch aus, der Bordcomputer schon: 12,5 Liter Liter Superbenzin hat der ML im Schnitt verschlungen.
Das wäre jetzt nicht weiter überraschend, wenn die zurückgelegten Kilometer in der Stadt angefallen wären - und dabei öfter mal das durchaus vorhandene Sprintvermögen des ML bemüht worden wäre. Doch nichts da: 1000 Kilometer standen auf der Uhr - die meisten davon wurden bei moderater Geschwindigkeit von rund 140 Stundenkilometern auf der Autobahn zurückgelegt.
Da stimmt doch was nicht
Man mag sich gar nicht vorstellen, wo sich der Verbrauch einpendelt, wenn man den Wagen zügig in der Stadt bewegt. Denn trotz eines Preises von 85.966 Euro (los geht es bei 56.763 Euro) kommt das Modell offenbar gut an. Schließlich hat Mercedes seit Einführung der Baureihe 1997 insgesamt mehr als 1,2 Millionen Autos verkauft.
Allein in Deutschland sind über 100.000 Fahrzeuge des Typs zugelassen. Der größte Markt jedoch sind die USA. Dort konnten die Stuttgarter rund 40 Prozent der Einheiten absetzen. Außerdem erfreut sich der ML auch in China großer Beliebtheit.
Das ist sicher erfreulich für Mercedes und gut für den Standort Deutschland und alles. Nur: Gut für die Umwelt ist es das sicher nicht. Und genau das ist das Problem bei dem Auto: Nicht, dass es nicht gut zur Umwelt ist, da gibt es sicher viele andere Fahrzeuge, die genau solche oder sogar noch schlimmere Benzinschleudern sind.
Das Problem ist, dass der ML 350 mit seinem Blue-Efficiency-Symbol und seiner TÜV-Zertifizierung vorgibt, umweltfreundlich zu sein, es aber nicht ist. Über diese unbequeme Wahrheit kann man sich sicherlich durch den üppigen Komfort hinweg täuschen lassen. Uns ist das leider nicht gelungen.
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