Mercedes R-Klasse Der Rock'n'Roll-Van

Die Rolling Stones sind auf Tournee, und ihr offizielles Auto dabei ist die Mercedes R-Klasse, deren Verkauf in den USA gerade begonnen hat. Mercedes-Chef Dieter Zetsche scherzt, endlich hätten "die beiden dienstältesten Premiummarken der Welt zusammengefunden".

Von Jürgen Pander


"A bigger bang" heißt das aktuelle Album der Ur-Rock'n'Roller, die Welttournee trägt ebenfalls diesen Titel und in der PR-Aufmerksamkeitswertung darf der Mercedes-Deal mit Mick Jagger und Kollegen durchaus als Big Bang gewertet werden. Zumal die Verantwortlichen beim Automobilhersteller hoffen, dass etwas vom immer noch fetzig-urwüchsigen Drive der Stones-Musik auf ihr jüngstes Produkt abfärbt.

Mercedes R-Klasse: Zurückhaltende Optik, enorm viel Auto dahinter

Mercedes R-Klasse: Zurückhaltende Optik, enorm viel Auto dahinter

Denn eigentlich haben wir es hier mit einem eher langweiligen Autotyp zu tun: Ein großes Auto, wahlweise 4,92 Meter oder 5,16 Meter lang, mit sechs Sitzen, einer komfortablen Einrichtung und einer großen Heckklappe. Ein familienfreundlicher Luxusschlitten, ein schnittiger Minibus, eine Synthese aus A- und S-Klasse - das ungefähr sind die Assoziationen, wenn man der R-Klasse zum ersten Mal begegnet.

Ab 4. Februar nächsten Jahres wird das Auto auch bei den deutschen Mercedes-Händlern angeboten. Die günstigste Version, der R 350 mit Sechszylinder-Dieselmotor und 272 PS Leistung kostet 51.504 Euro. Damit ist klar, dass Mercedes natürlich nicht die Durchschnittsfamilie im Visier hat, sondern jene Klientel, die in vornehmen Vororten mit altem Baumbestand, neuen Alarmanlagen und großen Carports zu Hause ist. Dort ist die natürliche Umgebung der R-Klasse - und auf der Autobahn oder anderen Fernstraßen, denn der rund 2,2 Tonnen schwere Koloss ist ein formidabler Reisewagen: Ruhig, bequem, geräumig und auf Grund seines permanentem Allradantriebs und der ebenfalls serienmäßigen Siebengangautomatik sehr entspannt zu bewegen.

R-Klasse: Fahrgenuss nur außerhalb geschlossener Ortschaften

R-Klasse: Fahrgenuss nur außerhalb geschlossener Ortschaften

Diese Lockerheit weicht einer gewissen Anspannung, sobald die Fernstraße verlassen und ein Ballungszentrum angesteuert wird. Im mehrspurigen Getümmel wirkt das Auto wie ein Wal im Aquarium, eben sehr groß und auch ziemlich unübersichtlich. Vom Fahrersitz aus lässt sich selbst nach vorne nur erahnen, wo die lang gestreckte Haube endet. Die Schätzungen das Heck betreffend sind ähnlich diffizil, so dass R-Klasse-Käufern dringend anzuraten wäre, die Einparkhilfe zum Aufpreis von 777 Euro einbauen zu lassen. Zum Glück war das Extra im Testfahrzeug installiert, denn mehrmals schlug der Warnton an, obwohl es von drinnen so aussah, als habe man noch einen halben Meter Platz...

R-Klasse-Silhouette: Bei voller Bestuhlung ist für Gepäck nur noch wenig Platz

R-Klasse-Silhouette: Bei voller Bestuhlung ist für Gepäck nur noch wenig Platz

Die Größe allerdings ist das wichtigste Argument der R-Klasse, auch bei der kürzeren Europa-Version des Modells. Sechs Leute sollen im Innenraum entspannt Platz finden. Auf den vier vorderen Plätzen gelingt das auch, die beiden Plätze in Reihe drei jedoch sind auf längeren Strecken nur für Kinder bequem. Weil der Blick nach draußen aus dem Fond nur sehr eingeschränkt möglich ist, entsteht eine eher düstere, scheinbar enge Sitzhöhle, wobei im Gegensatz zu dieser Anmutung die Abmessungen durchaus ok sind. Im Klaren sollte man sich auch darüber sein, dass die R-Klasse als Sechssitzer lediglich 244 Liter Kofferraumvolumen bietet. Sobald jedoch die vier Sitze in den Reihen zwei und drei komplett flachgelegt sind, entsteht ein ebener Stauraum mit einem Fassungsvermögen von 1950 Liter.

Fahrzeugschein
Hersteller: Mercedes
Typ: R 350
Karosserie: Van/Kleinbus/Großraumlimousine
Motor: V6-Benziner
Hubraum: 3.498 ccm
Leistung: 272 PS (200 kW)
Drehmoment: 350 Nm
Von 0 auf 100: 8,3 s
Höchstgeschw.: 230 km/h
Verbrauch (ECE): 11,5 Liter
CO2-Ausstoß: 273 g/km
Kraftstoff: Superbenzin
Kofferraum: 244 Liter
umgebaut: 1.950 Liter
Preis: 51.504 EUR
Mercedes bietet die R-Klasse vorläufig mit drei Motorisierungen an. Das Dieselmodell R 320 CDI tritt mit einem 224 PS (165 kW) starken Sechszylinder-Selbstzünder an, die beiden Benziner-Varianten R 350 und R 500 tragen einen Sechs- und Achtzylinder mit 272 und 306 PS (200 und 225 kW) unter der Haube. Ein Problem bei diesem Auto ist der Verbrauch. Zwar kommt die Dieselversion laut Mercedes mit durchschnittlich 9,4 Liter klar, doch der Bordcomputer des Testwagens meldete nach mehr als 200 moderat gefahrenen Kilometern 11,2 Liter. Im R 350, offizieller Durchschnittswert 11,5 Liter, weist der bordeigene Rechner einen Wert von 13,8 Liter aus. Noch ärger ist es nur im Topmodell R 500, wo schon die Werksangabe bei 13,5 Liter liegt. Verwunderlich sind diese Werte nicht: Die R-Klasse ist schwer und allradgetrieben - die Motoren müssen also erstens voluminös sein und zweitens ganz schön rackern.

Dennoch hoffen die Stuttgarter, dass dieses eigentlich für den US-Markt und die dortigen Fahrgewohnheiten konzipierte Auto auch in anderen Teilen der Welt ein Erfolg wird. In Deutschland beispielsweise soll die R-Klasse jene Autofahrer überzeugen, die zwar einerseits ein Großraumauto fahren möchten, andererseits aber auch ein Fahrzeug von einer sogenannten Premiummarke mit dem entsprechenden Image. Das neue Modell, so die Kalkulation der Schwaben, könnte genau das richtige Auto für diese Art von Kunden sein.

Mercedes R-Klasse: Konzipiert für den US-Markt, in Europa auch leicht verkürzt erhältlich

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Ob sich der Wagen tatsächlich auch auf europäischen Straßen durchsetzen kann, scheint ob seiner Dimensionen und der optischen Vorreiterrolle, die er zwangsläufig spielt, keineswegs sicher. Serienmäßig bietet Mercedes die R-Klasse neben den bereits genannten Details mit sechs Airbags, ESP, ABS, luftgefederter Hinterachse, Multifunktions-Lederlenkrad, Regen-, Helligkeits- und Luftdrucksensor, Klimaanlage, Tempomat, vier elektrischen Fensterhebern und wärmedämmendem Grünglas rundum an. Extra berechnet werden zum Beispiel eine Anhängerkupplung (789 Euro), Metalliclack (922 Euro), hintere Seitenairbags (389 Euro) oder das Panorama-Schiebedach (2494 Euro).

Die R-Klasse, mit der die Rolling Stones auf ihrer Welttournee chauffiert werden, dürfte mit so ziemlich allen Schikanen ausgestattet sein, die die Aufpreisliste hergibt. Unter anderem verfüge der Wagen über ein "Rear Seat Entertainment System" (3016 Euro), heißt es bei Mercedes. Die Sitzanordnung jedoch ist die gleiche wie bei jeder anderen R-Klasse auch, und das bedeutet: Einer muss in die letzte Reihe. Es wird wohl Mick Jagger treffen, denn der ist noch beweglich genug, um sich in den Fond zu falten. Und so werden die anderen, wenn der Motor leise flüstert, hören können, wie der Oberstone vor sich hinsingt. "I can get no..."



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