Mercedes S-Klasse 4Matic Eistanz in Nadelstreifen

Allradantrieb? Das ist doch eine Spezialität von Audi. Falsch, heißt es in Stuttgart. "Mit 48 Modellen von der C- bis zur G-Klasse hat Mercedes mehr 4Matic-Autos als jeder andere", behaupten die Schwaben und stellen nun auch die S-Klasse wieder mit Allradantrieb vor.


"Wer hat's erfunden?" Diese Frage gilt nicht nur dem Schweizer Kräuterzucker. Auch Mercedes hätte allen Grund, sie hin und wieder zu stellen. Zwar zweifelt niemand daran, dass die Schwaben die Väter des Automobils sind, doch der Lorbeer für die Erfindung des Allradantriebs wird in der Regel der Konkurrenz angeheftet. Dabei waren es weder Subaru noch Audi, die das erste Auto mit Vierradantrieb vorstellten. Sondern es waren die Entwickler von Mercedes, die 1907 für den deutschen Staatssekretär Bernhard Dernburg einen Dienstwagen für Namibia bauten. Der offenen Viersitzer wurde nicht nur über alle vier Räder angetrieben, sondern sogar mit allen vier Rädern gelenkt.

Danach wurde es ruhig um diese Technik "beim Daimler". Und in der Neuzeit waren die Kollegen aus Ingolstadt tatsächlich ein wenig schneller, als sie vor 26 Jahren den ersten Quattro-Wagen enthüllten. Denn sieht man vom 1979 präsentierten G-Modell als Urvater der schwäbischen SUV-Palette ab, hat sich Mercedes bis 1985 Zeit gelassen, um die Allrad-Idee im Pkw erneut aufzugreifen - und zwar mit dem Messedebüt des W124 4Matic.

Auf den Markt kam das Auto erst 1987. Mittlerweile allerdings haben die Schwaben nicht nur mit den Wettbewerbern gleichgezogen, sondern in den Augen von Hans-Dieter Multhaupt, der die Entwicklung der großen Baureihen leitet, die meisten Konkurrenten überholt. "In drei Pkw-Baureihen, vier Geländewagen und in der R-Klasse bieten wir heute 48 4Matic-Modelle an und haben damit mehr Allradfahrzeuge als die allermeisten anderen Marken", zählt er auf. "Und damit ist das Potential der Technik noch nicht ausgereizt. Weil weltweit die Nachfrage nach Allradmodellen wächst, soll auch das Angebot noch größer werden", sagt der Entwickler und verspricht nicht nur Allradantrieb für die neue C-Klasse, sondern bestätigt einmal mehr die Einführung eines kleinen Bruders der M-Klasse, der wohl 2008 seinen Einstand geben wird.

Allradautos gefragt - Mercedes erweitert Angebot

Schon jetzt haben die Schwaben seit dem ersten G-Modell mehr als 1,3 Millionen Allradfahrzeuge verkauft. So ist der Allradanteil analog zum erweiterten Angebot zwischen 2002 und 2006 um 50 Prozent gewachsen – und zwar nicht nur, weil es jetzt vier Geländewagen gibt. Selbst in der S-Klasse hat zuletzt jeder fünfte Kunde die bei Mercedes 4Matic genannte Technik bestellt, und künftig sollen es noch mehr werden. Denn zum Jubiläumsjahr der Traktionshilfe bei Mercedes stellten die Schwaben die neue S-Klasse wieder mit Allradantrieb vor.

Zugleich gibt die mittlerweile vierte Generation der 4Matic ihren Einstand, die "in jeder Hinsicht um Längen besser ist" als alles, was es bei Mercedes vorher gegeben hat, sagt der Entwickler pflichtgemäß. Durch ein paar konstruktive "Geniestreiche" (Multhaupt) hätten die Ingenieure das Mehrgewicht der Allradtechnik beinahe halbiert und auf 66 bis 70 Kilogramm gesenkt. Der Platzbedarf im Fußraum sei deutlich geringer, und statt eines Mehrverbrauchs von mehr als einem Liter gönnt sich die S-Klasse mit Allradantrieb künftig nur noch 0,4 Liter mehr als der Hecktriebler.

Neues Allradsystem für präziseren Vortrieb

Das neue System arbeitet mit einer permanenten und konstanten Kraftverteilung von 45 Prozent auf die Vorder- und 55 Prozent auf die Hinterachse und kooperiert mit ESP, ASR und der elektronischen Traktionskontrolle. Damit kommt die S-Klasse sauber und sicher durch den Winter. Die richtigen Reifen vorausgesetzt, startet man in der großen Limousine auf tief verschneiten Straßen wie mit Schneeketten. Man muss schon das ESP ausschalten oder sehr gefühllos aufs Pedal trampeln, wenn man den Wagen beim Eistanz in Nadelstreifen aus der Ruhe bringen möchte. Und auch wenn es schwer fällt, der Aufforderung Multhaupts zu folgen, kann man mit dem Luxusliner sogar ein wenig querfeldein rumpeln. Schlechte Feldwege, hohe Schneewehen und tiefe Spurrinnen werden bei diesen Testfahrten nur dann zum Hindernis, wenn die Bodenfreiheit knapp wird.

Angeboten wird die 4Matic für einen Aufpreis von rund 3800 Euro zunächst für die beiden Achtzylinder im S 420 und im S 500 sowie - im S 320 CDI - erstmals in dieser Baureihe auch in einem Dieselmodell. Im Sommer macht dann der Sechszylinder im S 350 das Allrad-Quartett komplett. Solange draußen die Sonne scheint und die Straße trocken ist, muss man allerdings schon auf den Schriftzug am Heckdeckel und den auf der Holzleiste im Cockpit schauen, damit man die Allradler erkennt. "Denn im Fahrverhalten merkt man den Unterschied nicht", sagt Multhaupt.

Dass Audi im vergangenen Jahr "25 Jahre Quattro" so groß feierte, ficht Multhaupt nicht an. Im Gegenteil: "Da stoßen wir einfach mit an – aber viermal."

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