Mercedes S-Klasse Hier fährt der Chef noch selbst

Als der Mercedes W220 auf Kiel gelegt wurde, war Dieter Zetsche Entwicklungsvorstand bei den Stuttgartern. Inzwischen steht das Nachfolgemodell W221 und damit die neue S-Klasse am Start, und Zetsche ist Mercedes-Chef. SPIEGEL ONLINE ging mit ihm in den Alpen auf Testfahrt.

Von Jürgen Pander


Mercedes S-Klasse: Das Flaggschiff ist in alle Richtungen um ein paar Zentimeter gewachsen

Mercedes S-Klasse: Das Flaggschiff ist in alle Richtungen um ein paar Zentimeter gewachsen

"Die Straße haben übrigens nicht wir für diese Veranstaltung neu asphaltieren lassen", sagt Mercedes-Chef Dieter Zetsche, als die Route am Nordufer des Comer Sees über ein fast noch warmes, pechschwarzes und marmorglattes Asphaltband führt. Früher gab es solche Initiativen aus Anlass einer Autovorstellung durchaus, heute überlassen die Schwaben den Straßenbau anderen. Sie bauen stattdessen Autos wie die neue S-Klasse. Der Wagen flutscht so geschmeidig über die Fahrbahn, dass man sich stets auf frisch geteerten Wegen wähnt. Selbst auf rauen, vom Frost angenagten Belägen wie am Schweizer Maloja-Pass, bleibt das luftgefederte Auto die Ruhe selbst.

"Was Komfort und Fahrdynamik betrifft, haben unserer Ingenieure wirklich große Arbeit geleistet", lobt Zetsche. Ein paar Kleinigkeiten, die ihm weniger gefallen, mag er nicht verraten. Sie stören auch nicht auf dem 470 Kilometer langer Kurs zwischen Mailand, St. Moritz und wieder zurück, dem es weder an Kurven, Steigungen oder engen Ortsdurchfahrten mangelt. Auf der anspruchsvollen Teststrecke soll die S-Klasse demonstrieren, wie entspannt sie sich bewegen lässt. Es funktioniert: Die 16-fach verstellbaren Sitze stützen den Körper, die Klimaanlage kümmert sich um eine angenehme Temperatur, das Navigationsgerät weist den Weg, und beim Stop-and-go vor dem Bernardino-Tunnel übernimmt die automatische Abstandsregelung mit Hilfe von Radarsensoren (Aufpreis 2668 Euro) das sonst nervige Anfahren und Abbremsen, bis es wieder zügig weitergeht.

Fahrzeugschein
Hersteller: Mercedes
Typ: S 500
Karosserie: Limousine
Motor: V8-Benziner
Hubraum: 5.461 ccm
Leistung: 388 PS (285 kW)
Drehmoment: 530 Nm
Von 0 auf 100: 5,4 s
Höchstgeschw.: 250 km/h
Verbrauch (ECE): 11,7 Liter
CO2-Ausstoß: 277 g/km
Kraftstoff: Superbenzin
Kofferraum: 560 Liter
Versicherung: 20 (HP) / 31 (TK) / 30 (VK)
Preis: 89.668 EUR
In zwei Motorvarianten wird die S-Klasse ab Samstag bei den Händlern stehen. Der 3,5-Liter-V6-Benziner leistet 272 PS (200 kW), der 5,5-Liter-V8 unseres Testautos tritt mit 388 PS (285 kW) an. Wie satt der Achtzylinder klingt, ist auf dem beigefügten Soundfile zu hören. Für die Aufnahmen betätigte übrigens Dieter Zetsche das Gaspedal. Er setzt hohe Erwartungen in das Auto. "Die neue S-Klasse hat die Chance, ein Symbol für die neue Zeit bei Mercedes-Benz zu werden", sagt er. Der Wagen soll dort ansetzen, wo die Marke zuletzt an Reputation verlor: bei der Qualität. Dazu wurde ein Testprogramm wie noch nie zuvor absolviert. Allein in diesem Frühjahr legten in einer letzten Reifeprüfung insgesamt 2000 Fahrer in 500 S-Klasse-Modellen rund acht Millionen Kilometer zurück, um nur ja jede Situation zu simulieren und so mögliche Fehlerquellen zu orten und abzustellen.

"Wir wissen unverändert, wie man gute Autos baut", verspricht Zetsche. Der erste Eindruck jedenfalls bestätigt das. Wie sich der Wagen anfühlt und wie er fährt, das verdient Respekt. Vor allem kümmerten sich die Mercedes-Ingenieure um die Details. Allein 170 Isolierbauteile stecken in der Karosserie, um die Fahrgeräusche zu minimieren. Elf Tasten am Armaturenbrett, ein zentraler Dreh-Drückregler (Command-Controller) auf der Mittelkonsole sowie fünf weitere Tasten dort reichen aus, um alle relevanten Einstellungen vorzunehmen. Anders als bei manchem Konkurrenzmodell kapiert man meist auf Anhieb, wie sich was regeln lässt.

S-Klasse-Rücklicht: Das serienmäßig installierte adaptive LED-Bremslicht zeigt Notbremsungen durch schnelles Blinken an

S-Klasse-Rücklicht: Das serienmäßig installierte adaptive LED-Bremslicht zeigt Notbremsungen durch schnelles Blinken an

Es geht flockig dahin, Zetsche zappt durch die Menüs des Bediensystems, und berichtet, dass er sich wundere über die Skepsis, ob es möglich sei, den Konzern DaimlerChrysler und zugleich die Marke Mercedes-Benz zu leiten - was in dieser Kombination ab 1. Januar seine Aufgabe sein wird. "Ich glaube sogar, dass durch diese Doppelfunktion manches leichter und einfacher wird. Denn es ist doch so: Was für die Marke Mercedes-Benz gut ist, ist auch für das Unternehmen DaimlerChrysler gut." Er sei sich klar über die "erheblichen Herausforderungen", die auf ihn zukämen. "Vor allem bei der Effizienz haben wir noch einen deutlichen Abstand zu den Besten unserer Branche", räumt Zetsche ein. Und dass er vermutlich "Entscheidungen, die mit Schmerzen verbunden sind", treffen müsse, ebenso. Einzelheiten aber könne er nach drei Wochen an der Spitze von Mercedes noch nicht nennen - "und schon gar nicht in der Öffentlichkeit".

Man merkt Zetsche seine Entschlossenheit an, die Marke Mercedes auf Trab zu bringen. Seit einem Praktikum "beim Daimler" während seines Elektrotechnik-Studiums ist er dem Unternehmen verbunden, zugleich aber hat er ausreichend Erfahrung in unterschiedlichsten Positionen - bis Ende August etwa als Vorstandschef bei Chrysler - um seine neue Aufgabe ohne jede Mercedes-Tümelei anzugehen. Zetsche trägt keine Marken-Brille, sondern bemüht sich um einen viel weiteren Blick. Etwa so wie der Nachtsichtassistent der S-Klasse, der mit Infrarotscheinwerfern und einem Display direkt vor dem Lenkrad die Sichtweite des Fahrers bei Dunkelheit erheblich vergrößert (Aufpreis 1740 Euro).

S-Klasse-Interieur: Ein Gefühl von Weite und Luxus - auch durch die spezielle Ambientbeleuchtung (Aufpreis 330 Euro)

S-Klasse-Interieur: Ein Gefühl von Weite und Luxus - auch durch die spezielle Ambientbeleuchtung (Aufpreis 330 Euro)

Es gibt noch weitere Neuheiten in der S-Klasse, die das Fahren sicherer machen sollen. Vor allem zählt dazu der neue Bremsassistent, der als Extra im Paket mit der oben erwähnten Abstandsregelung erhältlich ist. Mit Hilfe seiner Radaraugen erkennt das System, wenn eine Notbremsung erforderlich ist und greift entsprechend ein. Im Laborversuch mit Probanden konnten durch die Unterstützung des Sytems drei von vier Auffahrsituationen entschärft werden, die ohne den Bremsassistenten zu Kollisionen geführt hätten. "Ich glaube tatsächlich an die Vision vom unfallfreien Fahren", sagt Zetsche. "Wir werden irgendwann dahin kommen, auch wenn es noch etwas dauern wird."

Keine Vision, sondern vermutlich demnächst Realität, wird wohl eine S-Klasse mit Hybridantrieb sein. Auf der IAA stellte Mercedes zwei Prototypen des neuen Modells mit kombiniertem Verbrennungs- und Elektromotor vor. Den einen mit Diesel-, den anderen mit Benzinmaschine. "Wir haben noch keine Entscheidung getroffen, ob wir ein Hybridmodell in Serie fertigen werden", sagt Zetsche. "Und ob Sie es glauben oder nicht: Wir hatten bislang noch keine Zeit dazu, denn zunächst standen andere Dinge auf der Prioritätenliste." Für die sogenannte Mild-Hybrid-Version mit Bluetech-Diesel, also einem Selbstzünder, aus dessen Abgas 80 Prozent der Stickoxide herausgefiltert werden können, und bei dem der Elektromotor direkt in den Antriebsstrang integriert ist, hegt Zetsche erkennbar Sympathie. "Damit könnten wir in den USA auch dem Diesel zu neuem Auftrieb verhelfen, denn als Bluetech-Hybrid würde die S-Klasse zur saubersten Diesellimousine der Welt." Hoffentlich findet das Thema demnächst den Weg auf die Tagesordnung einer Vorstandssitzung.



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