Mercedes SLS Roadster Kein Auto für verzärtelte Erben

Abheben kann man auch ohne Flügel - etwa im neuen Mercedes SLS Roadster. Anders als das Coupé verfügt der offene Zweisitzer über gewöhnliche Türen, doch dafür liefert er auf den Prachtboulevards die Bühne für diejenigen, die gern gesehen werden wollen.


Selbstdarsteller bekommen in diesem Herbst eine neue Bühne. Zwei Jahre nach dem Debüt des Sportcoupés Mercedes SLS AMG mit Flügeltüren folgt nämlich jetzt die offene Variante mit dem Namenszusatz Roadster. Ist das Verdeck geöffnet, sitzt man in diesem Auto wie auf dem Präsentierteller. Für Zartbesaitete kommt dieser Wagen daher nicht in Frage, umso mehr jedoch für Profilneurotiker aller Couleur. Ob in Cannes oder Cannstatt - wo man mit dem SLS Roadster auftaucht, zücken Passanten die Fotohandys und recken die Daumen.

Der wesentliche Unterschied zum geschlossenen Modell ist ein kaum drei Quadratmeter großes Stoffdach über einem Gerüst aus Aluminium- und Magnesiumbauteilen, das sich binnen elf Sekunden einfaltet und hinter den Kopfstützen verschwindet. Anders als bei den Mercedes-Roadster-Modellen SLK oder SL klappt das Öffnen des Verdecks bis zu einer Geschwindigkeit von 50 km/h. Obendrein engt das zusammengefaltete Dach das Kofferraumvolumen kaum ein.

Das ist auch gut so, denn der Platz unter dem Heckdeckel ist schon im Coupé mit 176 Litern ziemlich knapp bemessen. Beim Roadster sind es bei offenem Verdeck 173 Liter Stauraum, dafür trägt das in Z-Faltung abgelegte Dach ein wenig auf. Das lässt den SLS von hinten noch breiter und bulliger aussehen, schränkt aber den Blick spürbar ein. Viel mehr als den Himmel und das kleine, gläserne Windschott kann man im Spiegel kaum erkennen. Andererseits: Menschen, die im SLS zum Steuer greifen, sind es ohnehin gewohnt, immer nach vorn zu schauen.

Der SLS Roadster bietet ein intensives Fahrerlebnis

Der SLS Roadster ist kein Kompromissauto, das auf Teufel komm raus zurecht gezimmert wurde. Ein offenes Modell des Flügeltürers war nämlich von vorn herein geplant. Die Karosserie ist entsprechend steif ausgelegt, so dass bei der offenen Version kaum Zusatzverstrebungen erforderlich waren. Und so wiegt der Wagen lediglich 40 Kilo mehr als das Coupé und lässt sich auch von schlechten Straßen nicht aus der Ruhe bringen. Außerdem ist der Roadster mit 317 km/h Höchstgeschwindigkeit genau so schnell wie der geschlossene SLS - wenngleich man das Tempo ohne Verdeck noch viel intensiver erlebt.

Auch sonst ist das Fahren im offenen Luxussportwagen eindrucksvoller. Wenn kein Blech das Bollern des Motors dämpft, wird der 6,2 Liter große V8-Saugmotor zu einem großen Orchester für alle Tonlagen, das der Fahrer mit dem Gasfuß dirigiert: Schon der erste Takt ist ein lautes Fauchen, mit dem der Druck auf den Startknopf quittiert wird. Danach grollt die Maschine durch Stadtverkehr, röhrt lustvoll über Land und beginnt zu kreischen, wenn die Nadel des Drehzahlmessers jenseits der 7000er-Marke steht und es mit höchstem Tempo dem Horizont entgegen geht.

Man darf sich nicht täuschen lassen. Es gibt für das Auto zwar Extras wie eine Nackenheizung oder einen WLAN-Hotspot, doch der SLS Roadster ist kein Auto für verzärtelte Erben. Der Wagen kann nicht nur posen. Wer es darauf anlegt, merkt das schon nach wenigen Kilometern jenseits des Ortsschildes: Wo 571 PS und bis zu 650 Nm wirken und die Doppelkupplung die sieben Gänge schneller wechselt als man einatmen kann, wird auch der gestutzte Flügeltürer zum Überflieger: 3,8 Sekunden von 0 auf 100 sprechen eine deutliche Sprache, die nach spätestens drei Kurvenkombinationen jeder versteht.

Hoher Verbrauch, saftige Aufpreise

Und wer es partout nicht glauben mag, der kann es auch nachlesen. Weil die Ingenieure bei AMG in Affalterbach den Bordcomputer um das Paket "AMG Performance Media" erweitert haben, gibt es jetzt auf dem Monitor in der Mittelkonsole fast so viele Zusatzanzeigen wie in der Formel 1. Nicht nur Motoröl- und Kühlwassertemperatur, sondern auch Quer- und Längsbeschleunigung, Sprintwerte und Rundenzeiten werden dort auf Wunsch protokolliert. Und ja: Wenn man nur lange genug in den Untermenüs sucht, findet man sicher auch irgendwo den Verbrauch. Offiziell liegt der Durchschnittswert bei 13,2 Liter je 100 Kilometer, und im hurtigen Alltagseinsatz dürften daraus ruckzuck 20 Liter und mehr werden. Dies will man im Detail vermutlich gar nicht wissen, eine blasse Ahnung vom Durst des Renners genügt.

Das gilt übrigens auch für den Preis. Auf den ersten Blick war AMG bei der Kalkulation vergleichsweise zurückhaltend. Denn mit einem Grundpreis von 195.160 Euro kostet der Roadster nicht einmal 9000 Euro mehr als das Coupé. Bei der Mercedes E-Klasse zum Beispiel ist der Frischluftschlag kaum geringer. Doch wie so oft täuscht auch hier der erste Eindruck, denn bei den Extras langen die Schwaben zu. Wer das Auto nicht in schwarz oder silber fahren möchte, zahlt für die sieben Sonderfarben jeweils bis zu 12.500 Euro, der Karbonschmuck schlägt mit 8500 Euro zu Buche, und selbst den Nackenwärmer lässt sich Mercedes mit 600 Euro üppig bezahlen. Wer da nicht Maß zu halten versteht, landet gleich beim nächsten Superlativ: dem teuersten Mercedes in der Modellpalette.



insgesamt 60 Beiträge
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Seite 1
avollmer 21.09.2011
1. Wusste ich's doch ...
Zitat von sysopAbheben kann man auch ohne Flügel - etwa im neuen Mercedes SLS Roadster. Anders als das Coupé verfügt der offene Zweisitzer über gewöhnliche Türen, doch dafür liefert auf den Prachtboulevards die Bühne für diejenigen, die gern gesehen werden wollen. http://www.spiegel.de/auto/fahrberichte/0,1518,787356,00.html
Wusste ich's doch, wenn man eine andere Farbe bestellt wird er zerlegt, abgebeizt und neu lackiert.
Sternundwinkelcruiser 21.09.2011
2. Schade
dass es den Roadster nicht mit Wings gibt. Den hätte ich sofort gekauft. :):)
akhora 21.09.2011
3. Sehenden Auges in den Abgrund
Das Spitzenprodukt der deutschen Automobilindustrie ist ein schamloses Zitat aus den fünfziger Jahren, als von der drohenden Klimakatastrophe kaum jemand ahnte. Doch auch heute stecken Automobiljournalisten lieber den Kopf in den Sand und schwärmen vom Auspuffklang dieses überflüssigen und törichten Trotzproduktes einer gewissenlosen Industrie.
JayArrr 21.09.2011
4. Immer wieder nett....
Zitat von akhoraDas Spitzenprodukt der deutschen Automobilindustrie ist ein schamloses Zitat aus den fünfziger Jahren, als von der drohenden Klimakatastrophe kaum jemand ahnte. Doch auch heute stecken Automobiljournalisten lieber den Kopf in den Sand und schwärmen vom Auspuffklang dieses überflüssigen und törichten Trotzproduktes einer gewissenlosen Industrie.
Klar, wenn 10 solcher Roadster in Deutschland rumfahren, dann ist das ja mindestens genauso schädlich, wie die 10 Millionen Euro 0 Karren in China... Man muss das ganze schon ein bisschen in Relation zur Stückzahl sehen! Auch nett, wie Automobiljournalisten immer wieder den Kofferraum bei Sportcabrios ver-/beurteilen. In diesem Fahrzeugsegment, ist der Kofferraum so egal, wie der Auspuffsound bei einem Minivans.
malte71, 21.09.2011
5. titel
Zitat von akhoraDas Spitzenprodukt der deutschen Automobilindustrie ist ein schamloses Zitat aus den fünfziger Jahren, als von der drohenden Klimakatastrophe kaum jemand ahnte. Doch auch heute stecken Automobiljournalisten lieber den Kopf in den Sand und schwärmen vom Auspuffklang dieses überflüssigen und törichten Trotzproduktes einer gewissenlosen Industrie.
Tja, Schamlosigkeit war schon immer Teil der Kunst. Ebenso die Provokation und der heilige Zorn des Establishment. Insofern: Well done, Mercedes!
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