Mitgefahren im Mercedes SL Erlkönig im Albrausch

Noch ist er schwarz und hässlich wie die Nacht. Doch während die Designer um den neuen Mercedes ein großes Geheimnis machen, lassen sich die Ingenieure über die Schulter schauen. Drei Monate vor der Weltpremiere ist Tom Grünweg in den Erlkönig gestiegen.


Jemand fuchtelt mit seiner Kamera herum. Normalerweise ist das der Zeitpunkt, an dem die Herren vom Werksschutz nervös werden. Denn bei ihren Prototypen verstehen die Automobilhersteller keinen Spaß. Sobald irgendwo ein Objektiv auftaucht, sind die sogenannten Erlkönige meistens schon wieder weg. Doch diesmal sieht die Sache anders aus: Drei Monate, bevor Mercedes auf der Motorshow in Detroit den neuen SL enthüllt, gibt sich Baureihenleiter Jürgen Weissinger ungewohnt offen. Zum Design des Zweisitzers verrät er zwar nichts. Doch über die Technik des Luxusroadsters gibt er bereitwillig Auskunft.

Und Weissinger hat viel zu erzählen, schließlich haben die Schwaben tief ins Blech gegriffen und den Klappdach-Roadster völlig umgekrempelt. Er bekommt zum Beispiel einen neuen V8-Motor, ein überarbeitetes Fahrwerk, ein transparentes Glasdach, das sich auf Knopfdruck verdunkelt, sowie das ganze Heer der Assistenzsysteme aus S- und E-Klasse. Auch die Karosseriestruktur ist völlig neu. "Genau wie den ersten SL haben wir das Auto diesmal komplett aus Aluminium gebaut", sagt Weissinger. Dadurch seine eine Gewichtseinsparung von mehr als 100 Kilogramm möglich.

Zusammen mit dem doppelt aufgeladenen Direkteinspritzer und der serienmäßigen Start-Stopp-Automatik soll das nicht nur den Verbrauch um mehr als 20 Prozent senken, sondern auch den Fahrspaß steigern. "Wir wollten den neuen SL deutlich dynamischer, agiler und aggressiver ", erläutert Weissinger. "Das alles, ohne beim Komfort Kompromisse machen zu müssen".

Mitfahrt über die Schwäbische Alb

Kräftig und komfortabel, bissig und bequem, tauglich für Boulevard und Bergpiste - die Erwartungen an den neuen SL sind hoch. Beim Versuch, ihnen gerecht zu werden, setzt Weissinger vor allem auf moderne Elektronik: "Active Body Control" heißt das in Sekundenbruchteilen ansteuerbare Fahrwerk, dass Auto für jede dieser Anforderungen machen soll. "In die Weiterentwicklung des Fahrwerks haben wir besonders viel Arbeit gesteckt", betont Weissinger.

Erzählen kann der Entwickler natürlich viel, nachprüfen können wird man es ja erst im nächsten Frühjahr. Eigentlich. Doch damit man ihm auch jetzt schon Glauben schenkt, bittet Jürgen Weissinger, in den mit gewaltigen Plastikplanken bis zur Unkenntlichkeit verbauten Prototypen einzusteigen - für eine erste Mitfahrt. Auf den Mercedes-Hausstrecken will er beweisen, dass sein Roadster für das Spannungsfeld, in dem sich die Erwartungen bewegen, gerüstet ist.

In etwa fünf Sekunden auf Tempo 100

Die erste Runde fährt Weissinger betont verhalten, man fühlt sich dabei wie auf einem fliegenden Teppich. Kein Wanken und Nicken stört die Ruhe im Roadster. Und auch vom Motor ist kaum etwas zu hören. Das Gefühl für die Geschwindigkeit geht dabei rasch verloren. "Man spürt kaum, wie schnell man tatsächlich unterwegs ist", schwärmt Weissinger, während das Auto durch die Schwäbische Alb gleitet.

Bei der zweiten Runde ist es mit der Stille vorbei. Ein Druck auf die Sporttaste neben dem ungewöhnlich kurzen Schaltstummel reicht, damit sich der SL ganz anders präsentiert. Der Motor dreht plötzlich höher und klingt kerniger, beim Zurückschalten gibt die Elektronik Zwischengas. Manchmal erlaubt sie sich sogar eine künstliche Fehlzündung. Und selbst Weissingers Lenkbewegungen werden zackiger.

Während der Chefingenieur vom Gefühl des Carvens erzählt und man sich über den guten Seitenhalt der Sitze freut, schneidet der Erlkönig die Kurven deutlich schärfer - so, als wäre er im Albrausch. In engen Kehren lässt ihn die Elektronik sogar ein wenig mit dem Heck schwänzeln, bevor sie ihn sicher wieder einfängt.

Genug ist nie genug

In Fahrt bringt den SL der neue V8-Motor, den Mercedes seit einigen Monaten auch in S- und E-Klasse einbaut. Statt 5,5 hat er jetzt nur noch 4,7 Liter. Doch mit Direkteinspritzung und Doppelturbo steigt die Leistung von 387 auf 435 PS. So soll es der SL in etwa fünf Sekunden auf Tempo 100 schaffen. Die 250 km/h Höchstgeschwindigkeit hakt er dann als leichte Übung ab.

Aber genug ist offenbar nie genug. Deshalb spricht Weissinger auch wieder vom Zwölfzylinder im SL 600, und natürlich werde AMG wieder einen SL 63 und einen SL 65 auflegen. Allerdings soll es genauso auch einen Sechszylinder geben. Selbst einen Diesel findet Weissinger nicht vollends abwegig: "Seit wir den SLK mit Selbstzünder anbieten, ist ein Tabu gebrochen", kommentiert der Baureihenleiter vielsagend. Allerdings müsste es schon ein V6-Motor sein. Denn Vierzylinder schließt Weissinger für den SL kategorisch aus.

Während der Ingenieur über die Technik wohl noch stundenlang reden könnte, wird er bei Fragen nach dem Design schmallippig. Dass im Innenraum zwischendurch mal die vielen Metallkonsolen oder die Lüfter aus dem SLS unter der Camouflage hervorblitzen, dass man das neue Lenkrad sieht und den warmen Wind aus den Kopfstützen fühlt, das lässt sich nicht vermeiden. Doch unter seine Rüstung schauen lässt sich der Roadster noch nicht. Mit irgendetwas wollen die Schwaben schließlich noch bei der Weltpremiere überraschen.



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
Baerliner73 17.10.2011
1. ...
Hässlich wie die Nacht? Verglichen mit der momentanen Modellpalette geht der doch (noch) glatt als "schön" durch, aber das wird bestimmt auch noch ein "eckiges Ei".
cor 17.10.2011
2. Glasdach mit Verdunklung
Zitat von sysopNoch ist er schwarz und hässlich wie die Nacht. Doch während die Designer um*den neuen Mercedes ein großes Geheimnis machen, lassen sich die Ingenieure über die Schulter schauen. Drei Monate vor der Weltpremiere ist Tom Grünweg in den*Erlkönig gestiegen. http://www.spiegel.de/auto/fahrberichte/0,1518,791598,00.html
Weiss jemand, wie das genau funktioniert? Mit LC-Glas?
mopsfidel 17.10.2011
3. Werbung
Etwas anderes ist dieser Artikel nicht und sollte daher auch so deklariert werden. Keinen anderen Zweck erfüllt dieser mühsam umgebaute Erlkönig und der dazu aufwendig konstruierte Artikel. Deutschland - Autoland.
sebastian_stgt 17.10.2011
4. typisch
spiegel ... oder besser irgendwelche nichtsahnenden norddeutschen journaillen Bildunterschrift: ... fuhr mit dem Wagen durch die Schwäbische Alb ... tststs man fährt über die Alb - aber gewiss nicht hindurch ... ansonsten - bin gespannt auf die Demontage der Verkleidungen. Das Auto könnte ziemlich elegant kommen.
John.Wuk 17.10.2011
5. Titel
Hallo? Hybrid? Elektro? 5 Liter Verbrauch? Gibt es vielleicht auch etwas an Innovationen zu vermelden, die Zukunft haben? Stattdessen Totwinkelassistenten, um auch bei Spurwechsel nicht den Blick vom 27 Zoll Entertainment-Touchscreen-System zu nehmen, das gerade die genaue Position der in 97-Wegen verstellbaren Multi-Kultur-Sitzgrafik (sic!) twittert.
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