MV Agusta Stradale 800 Zicke auf Reisen

Für viele Motorradfans sind die Bikes von MV Agusta eine Offenbarung. Jetzt hat die italienische Edelschmiede aus dem Straßenfeger Rivale eine Touring-Maschine geformt - und dabei leider kein glückliches Händchen bewiesen.

MV Agusta

Der erste Eindruck: Design haben die Mannen von MV Agusta drauf. Auch bei der Stradale stimmen die Proportionen, der Dreizylinder in dem virtuosen Technik-Oeuvre aus Varese befeuert drei Endrohre, die auch im klassischen Orgelbau Bella Figura machen würden.

Das sagt der Hersteller: "Wir sind Premiumhersteller. Aber MV Agusta will bald der Primus unter den Premiumherstellern sein," sagt Giovanni Castigloni selbstbewusst bei der Vorstellung der neuen Stradale 800. Der jugendliche Chef des italienischen Edelherstellers hat einen Lauf: Im Jahr 2010 hat MV Agusta noch magere 3650 Motorräder verkauft; im vergangenen Jahr wurde an der 10.000er Marke gekratzt.

Für 2015 sind nun 12.000 Maschinen prognostiziert - doch das schafft der Nischenhersteller nur, wenn er neben seinem festen Standbein bei den Sportmodellen andere Segmente erobert. Darum wird das Dreizylinder-Plattformaggregat, das schon im Sportler MV F3 800 und dem aggressiven Straßenfeger Rivale Dienst tut, nun auch in der neuen Tourenmaschine Stradale 800 zum Einsatz kommen.

"Der Touringmarkt ist lukrativ, das können wir uns nicht entgehen lassen. Für dieses Jahr und 2016 haben wir weitere Reisemodelle wie die Stradale oder zum Beispiel die Touring Veloce in Vorbereitung," verrät Castiglioni. Die Kasse dafür ist gefüllt: Seit Oktober 2014 hat Castiglioni mit Mercedes-AMG einen potenten Partner an Bord. Die Affalterbacher Tochter des Daimler-Konzerns, die in der Vergangenheit heftig mit Ducati flirtete, hat ein Viertel der MV-Agusta-Firmenanteile gekauft.

Das ist uns aufgefallen: Nun, die direkte Transformation vom agilen Flitzer zum bequemen Reisekönner gelingt auch MV Agusta nur sehr bedingt. Spätestens auf leeren Landstraßen kann die Stradale die Gene, die sie mit ihrer Rowdy-Schwester Rivale teilt, nicht mehr verleugnen. Obwohl der Radstand gegenüber der Rivale um 46mm verlängert wurde, mag das Stradale-Fahrwerk langsames Touring-Gezuckel und tieftouriges Cruisen gar nicht.

Es ist eher so: Je geziemter man fährt, desto nervöser und kippeliger wird die Stradale, besonders bei kurzen Bodenwellen. Unter Druck und bei hoher Drehzahl hingegen strahlt MV Agustas "Funtourer" plötzlich Entgegenkommen aus; je weiter man die Maschine ans Limit fährt, desto ruhiger und gehorsamer scheint sie am Asphalt zu kleben.

Für Newcomer ist die Stradale deshalb das falsche Motorrad. Doch wer sich auf die Italo-Zicke eingestellt hat und sie straff an die Zügel nimmt, hat trotz der Drosselung des 800er Motors auf 115 PS ein fulminantes Sportgerät im Einsatz. Wunderbar, wie der Motor turbinenartig auf 10.000 Umdrehungen faucht.

Für die Rasanz sorgt auch der MV-Schaltassistent EAS 2.0, der nach dem Hochschalten jetzt auch das Runterschalten ratzfatz ohne Kupplungseinsatz zulässt. Ansonsten hat MV Agusta basierend auf seinem Ride-by-Wire-System natürlich umfassende Elektronik an Bord: ABS sowieso, eine achtstufige Traktionskontrolle, drei Standard-Fahrmodi sowie einen voll konfigurierbaren Custom-Mode, der unter anderem Leistung, Härte der Gasannahme, den Drehzahlbegrenzer und die Traktion steuert.

Das muss man wissen: Touring? Geht so. Dass die MV in dieser Disziplin nicht begeistert, liegt vor allem an der sehr eigenen Ergonomie der kompakten, aber mit mehr als 850mm Sitzhöhe ziemlich hochbeinigen Stradale: Der Fahrer hängt wie auf einer Supermoto in einer kurzen, stark ausgeformten Mulde extrem weit vorne; die Beine umschließen den stark konturierten Tank. Den breiten Lenker haben die Mannen aus Varese hoch und weit nach hinten gesetzt - es wird also sehr eng bei langen Beinen und Armen, auch für eine zweite Person an Bord.

Mit dem Badehandtuch, den Flipflops und der Wechselgarderobe an den Strand, das geht gut. Für die Option, bei einem kurzen Wochenendurlaub auch längere Strecken zu kloppen, ist die Stradale dagegen nicht gebaut. Die kleinen und empfindlichen Softshell-Koffer, in die MV die Rückleuchten integriert hat, fassen keinen Helm und kaum Gepäck. Der Windschutz ist minimal und steht fast an der Brust, seine Verstellung ist kompliziert. Das Navi muss irgendwo in das kleine Cockpit gefrickelt werden; eine Steckdose sucht man dort vergeblich.

Für die Stradale 800 ruft MV Agusta 13.890 EUR auf, das ist für einen kleinen, nicht besonders praktischen Reisetourer schon eine Summe, die zögern lässt. Anderseits: Eine exklusivere Rotzgöre findet man nicht auf dem Markt.

Das werden wir nicht vergessen: Die gelegentlich immer noch aufreißende Kluft zwischen Anspruch und Umsetzung bei italienischen Herstellern. MV Augusta rühmt sich zu Recht, die schönsten Motorräder auf die Straße zu bringen, vernachlässigt dabei aber die schnöden Details. Den Tank der Stradale 800 schmückt die zeitlos geniale Premium-Aufschrift "Bevor verwenden, sorgfältig gelesen das Bedienungs- und Wartungsanleitung." Wir lieben euch. Da für.



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insgesamt 31 Beiträge
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flexier 28.02.2015
1. Wer so schlampig...
...bei der Übersetzung arbeitet und das auch noch prominent kund tut, arbeitet vermutlich genauso lausig beim Rest der Maschine. Und ist es dann nicht mehr lustig.
paysdoufs 28.02.2015
2. Volle Zustimmung...
mit Poster #1. Wer bei den sichtbaren Details derart schludert (siehe auch die Steckverbindung des Blinkers), dem vertraue ich meine Gesundheit nicht an. Kommt noch dazu dass für das viele Geld dieses Motorrad (v.a. von vorne) mMn unglaublich hässlich ist.
Dr.Watson 28.02.2015
3. Och Joh!
Warum nun Motorräder der Marke MV Augusta einen solchen Hype auslösen, verschließt sich mir seit Jahrzehnten absolut. Gleichwohl unser Nachbar einen netten aber lahmen Hobel namens MV 750 S fuhr, hat er diese desillusioniert nach rund 6 Monaten verkauft und sich lieber, nach zuvor langjährig Norton 850, eine Münch Mammut gekauft. Ich bedaure lediglich, nicht bei einer der ultragünstigen "Gebrauchten" zugegriffen zu haben, hatte allerdings erst zu Zeiten der Münch Mammut den entsprechenden Führerschein. Heute sind solche Bikes á la MV doch nur genauso eine beliebige Handelsmarke wie Grundig oder Nordmende!
fxe1200 28.02.2015
4. Was MV Augusta immer auszeichnet,
...ist das sie Motorräder bauen, die nicht so unendlich schwer und dadurch unhandlich werden. Die zwanzig Kilo zwischen 180Kg und 200Kg sind Welten. Schauen wir uns die Honda 1100 mit 223 Kilo an, oder die Bonni von Triumph, 214 Kilo, schier unbewegliche Trumms. Außerdem bietet MV eine um 20mm tiefere Sitzbank an. Ob ich nun 115 PS haben muss ist eine andere Sache. Etwas preiswerter ist die Ducati Scrambler, die "nur" 75 PS abliefert, aber in der gleichen Gewichtsklasse ist. Aber selbst bei dem Kasten, muss man sich schon ordentlich auf den Lenker werfen, um nicht, etwas Gas vorausgesetzt, ein unfreiwilliges Wheelie hin zulegen. Und das reicht doch, oder?
bartsuisse 28.02.2015
5. alle andern Sprachen sind perfekt
und deutsch ist keine internationale Sprache. Auch deutsche Produkte werden sehr holprig und schlecht ins Italienisch übersetzt. Tut also nicht so gross und abschätzig. Immerhin gibt es in Italien nach wie vor eine grosse Menge an tollen Motorräder und nicht nur eine Marke die auf dreissiger Jahre Technik beruht
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