Fahrbericht Nissan GT-R Hart besaitet

Die meisten Sportwagen von heute sind vor allem um gutes Benehmen bemüht, sie verstecken ihre harte Seite. Der Nissan GT-R ist anders. So ruppig, rasant und roh, dass man sich manchmal von ihm erholen muss. Genau das macht ihn faszinierend.

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Wenn man das erste Mal im Nissan GT-R fährt, denkt man, das Auto sei kaputt. Der Fahrersitz des Supersportwagens ist das Epizentrum einer Kakophonie von Geräuschen, bei denen man normalerweise sofort die Werkstatt ansteuern würde.

Das bedrohliche Brodeln des Sechszylindermotors wird vom Heulen der Benzinpumpen im Standgas fast übertönt. Darunter mischt sich ein metallisch schabendes Geräusch, das erst mal nicht näher zuzuordnen ist, sich aber ganz und gar nicht gesund anhört.

Die Schaltvorgänge des Doppelkupplungsgetriebes im Heck werden ebenfalls von einem bedenklichen Soundtrack begleitet. Manchmal fallen die Gänge beim heranrollen an die Ampel so laut raus und rein, dass man versucht ist, auszusteigen und die Einzelteile des Getriebes von der Straße aufzulesen.

Jedes Jahr ein Update

Der Nissan GT-R ist aber nicht kaputt. Im Gegenteil. Die absonderlichen Geräusche gehören zum Auto. Das steht sogar in der Bedienungsanleitung.

Wer den Wahnsinn GT-R verstehen will, muss wissen, welchen Aufwand sein Schöpfer, Kazutoshi Mizuno, betreibt. Einmal im Jahr kommt der Chefentwickler des Supersportwagens mit einem Tross von bis zu 50 Mann zum Nürburgring gereist. Dort schlägt er für mehrere Wochen sein Lager auf, um das jährliche (!) Update des GT-R ausgiebig auf dem härtesten Rennkurs der Welt zu testen.

Für die 2012er-Version hat Mizuno die Leistung noch mal um 30 PS auf nunmehr 550 PS gesteigert. Zudem wurde das Chassis weiter versteift, das Getriebe verstärkt und der Ansaug- und Auslasstrakt optimiert.

Hartplastik im Innenraum

Von all dieser Liebe zum Detail merkt man beim ersten Platznehmen im GT-R aber nichts. Das Interieur ist etwas lieblos gestaltet. Knöpfe, Ablagen und Verkleidungen aus Hartplastik erinnern an japanische Autos aus den achtziger Jahren. Und auch das große Display in der Mittelkonsole ist kein Augenschmaus.

Dort kann man sich eine scheinbar schier endlose Reihe an Informationen anzeigen lassen, vom Öldruck bis zu den Seitenfliehkräften bei schneller Kurvenfahrt. Designt wurde dieses Instrument von den Polyphony Digital, den Machern von "Gran Turismo". Das ergibt einerseits Sinn, weil der Nissan GT-R und sein Vorgänger, der Skyline, schon immer der heilige Gral der Playstation-Rennsimulation waren.

Andererseits muss man sagen, dass die Grafiken, die die Spieleentwickler für das Nissan-Display entworfen haben, ebenfalls eher an die Neunziger erinnern. Vermutlich hätte man für ein zeitgemäßes Design besser die Grafiker von Apple gefragt.

Wo bin ich?

Aber all diese Gedanken verwischen sofort, wenn man aufs Gaspedal drückt. Es ist interessant: In einem gewissen Sinne setzt sich beim Nissan-GT-R die Innenraum-Philosophie auch im Motorraum fort. Denn dort brütet kein acht-, zehn- oder Zwölfzylindermotor, sondern einfach nur ein 3,8-Liter großes V6-Triebwerk. Ein schnödes Ding, denkt man.

Doch was passiert, wenn man den Motor von der Leine lässt, ist schwer in Worte zu fassen. 2,8 Sekunden gibt Nissan für den Sprint von null auf hundert an. Es fühlt sich an, als würde sich die Gehirnmasse ängstlich an der hinteren Schädelwand zusammenrotten und die verschiedenen Gesichtsmuskeln ebenfalls geschlossen den Weg in Richtung Hinterkopf antreten.

Alles, was nicht die Fahrbahn vor der eigenen Motorhaube ist, verschwimmt zu Schlieren. Es ist einfach unwirklich. Wenn man wieder vom Gas geht, braucht man ein paar Sekunden, um zu begreifen, was gerade passiert ist - selbst wenn man von Berufs wegen öfter mal in schnellen Autos fährt.

Ein ausgebuffter Computer steuert mit

Die Leistungsentfaltung ist einfach brutal. Im normalen Stadtverkehr, weil man auch nach Tagen im GT-R nie mit ihr rechnet. Und genauso auf der Rennstrecke, wo sich der GT-R bei langgezogenen Kurven selbst bei voller Beschleunigung mit seinem Allradantrieb nach Bedarf in den Asphalt krallt, als wären die Gesetze der Physik nicht vorhanden.

Denn neben dem giftigen Motor werkelt im GT-R ein ausgebuffter Bordcomputer, der den GT-R steuert, als wäre er ein Auto im Computerspiel. So wird zum Beispiel die Beschleunigung von null auf hundert durch eine Launch Control ermöglicht, bei der der Fahrer nichts anderes machen muss, als die Füße gleichzeitig auf Bremse und Gas zu legen und dann die Bremse zu lösen - den Rest, vor allem optimale Traktion, regelt der Computer.

Er schaltet bei Bedarf auch den Allradantrieb zu, falls der Schlupf an den Hinterrädern zu groß wird. Und vor allem antizipiert der Computer, sobald die Getriebesteuerung mit dem Knopf in der Mittelkonsole in den "R"-Modus gedrückt wird, die richtigen Schaltpunkte für das Doppelkupplungsgetriebe im Heck. Dann fährt man mit schnellen, ruckartigen, immer richtigen Gangwechseln, als wäre man im manuellen Schaltmodus - nur, dass der Computer die Arbeit erledigt.

Supersportwagen zum Spottpreis

All das bekommt man für einen Spottpreis. 92.400 Euro kostet der Nissan GT-R in der aktuellen Basisversion. Für alle anderen Autos mit vergleichbaren Fahrleistungen ist locker mehr als doppelt so viel fällig. Nur an der Tankstelle wird es teuer. Die Herstellerangaben zum Kraftstoffkonsum kann man getrost vergessen, wenn die beiden Turbos bei Vollgasfahrten zu Hochtouren auflaufen und den Sprit mit Macht in die Zylinder drücken, ist ein Verbrauch von 30 bis 40 Liter locker auch zu schaffen.

Aber so ist das halt bei so einem Auto. Ein Sportwagen ist ein Sportwagen ist ein Sportwagen. Oder sollte es zumindest sein. Klar, auf die beiden Rücksitze des GT-R kann man zur Not auch zwei Kinder quetschen. In den Kofferraum passt zur Not auch das Gepäck für einen kurzen Urlaub. Und mit seinen elektrisch verstellbaren Recaro-Ledersitzen, dem Soundsystem von Bose und der Einparkhilfe ist der GT-R auch kein nacktes, entkerntes Rennstreckenfahrzeug.

Aber während die meisten seiner Konkurrenten, die sich Sportwagen nennen, heute eher den Charakter eines Wohlfühlsessels haben, mit dem man auch schnell fahren kann, versteckt der GT-R selbst in der zahmsten aller möglichen Einstellungen nie, wie ruppig er in Wahrheit ist.

Und genau das macht die Faszination aus. Diese Rohheit, die einen schon bei der ersten Begegnung in Form dieser Symphonie mechanischer Geräusche anspringt. Die geballte Brutalität der Fahrdynamik, die bis zur letzten Faser Besitz von einem ergreift.

Nach ein paar Stunden intensiven Fahrens mit dem GT-R steigt man wie ausgelutscht aus dem Fahrersitz. Und wünscht sich für die nächste Fahrt nichts sehnlicher als ein durchzugsschwaches, leises, gemütliches Auto. So und nicht anders muss ein Sportwagen sein.



insgesamt 159 Beiträge
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Seite 1
BlakesWort 20.07.2012
1.
Ich bitte alle Foristen, über das Auto zu diskutieren und nicht auf den üblichen "Wer braucht so ein Auot?"-Trollpost einzugehen. Danke! btw. coole Karre. Die Nissan GT-Reihe ist das, was die meisten europäischen Sportwagen mittlerweile nicht mehr sind: kompromisslos.
johnnychives 20.07.2012
2. tjoah.
n giftiges ding wie sein vorgänger r34 gtr. aber allein die fahrleistungen sprechen schon völlig für sich. und zum thema display: mal gt1-5 gespielt? wiedererkennungsfaktor hoch. war absicht.
mcaulfield 20.07.2012
3.
Wenn einen die Optik nicht stört hat der GT-R eigentlich nur ein Manko: auf Nicht-Hochgeschwindigkeitskursen wird irgendwann alles so heiss (Bremsen, Getriebe, Diff usw.), dass man Angst haben muss, es fliegt wirklich auseinander. Das liegt halt an dem hohen Gewicht des Autos. Ansonsten ist er meiner Meinung nach der mit Abstand beste Sportwagen im unteren Preissegment. Und dass er nicht einmal versucht, eine luxuriöse Reise-/Familienkutsche zu sein, macht ihn noch einmal sympathischer. Davon sollten sich die Sportwagenbauer mal eine Scheibe abschneiden und wieder Autos machen, die laut und ruppig sind anstatt alles mit Schalldämmung und Wohlfühlutensilien vollzupacken.
Zenturio.Aerobus 20.07.2012
4. 328 gtb
Zitat von sysopNissanDie meisten Sportwagen von heute sind vor allem um gutes Benehmen bemüht, sie verstecken ihre harte Seite. Der Nissan GT-R ist anders. So ruppig, rasant und roh, dass man sich manchmal von ihm erholen muss. Genau das macht ihn faszinierend. http://www.spiegel.de/auto/fahrberichte/0,1518,841530,00.html
Wenn ich vorhabe, mir ein Auto zuzulegen, dass sich ruppig und rasant anfühlt, wäre der hier meine erste Wahl und sicher nicht ein Reiskocher: http://pictures.topspeed.com/IMG/jpg/200909/ferrari-328-gtb-4w.jpg Es gibt dieses Modell in gutem Zustand für etwa 48.000 :-)
Micael54 20.07.2012
5. Vielen Dank...
Vielen Dank für diesen perfekt geschriebenen Autotest, der die schärfsten GT-R-Details zeigt. Ich will dieses Auto wenigstens einmal fahren -- und so gut schreiben können wie der Test-Autor.
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