Fahrbericht Nissan Leaf: Der Unberechenbare

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Nissan Leaf: Zukunftsmobil mit Hüftspeck Fotos
Nissan

Elektroautos müssen nicht winzig klein und unkomfortabel sein. Der Beweis ist der Nissan Leaf. Das Auto überzeugt als geräumiges Stadtmobil und vollwertiger Kompaktwagen. Aber mit der Grundangst vor der Elektromobilität geht er nicht besonders sensibel um.

Wenn Elektroautos die Herzen der Menschen erobern wollen, müssen sie zuerst deren Angst besiegen. Die Angst, die im Vergleich zu einem normalen Auto ohnehin nicht große Reichweite falsch einzuschätzen und dann mit leerem Akku irgendwo zu stranden. Elektroautos müssen das Vertrauen der Fahrer gewinnen. Der Nissan Leaf ist ein tolles Elektroauto. Aber er geht mit dem Vertrauen seiner Fahrer ziemlich schlampig um.

Es geht damit los, dass beim Einschalten eines vollständig geladenen Leaf auf dem Display eine ganz andere Reichweite angezeigt wird, als in der Verkaufsbroschüre angegeben. 175 Kilometer weit soll der Leaf nach Angaben von Nissan mit vollständig geladener Batterie fahren können. Doch warum zeigt der Leaf vor Fahrtantritt nur eine Reichweite von 140 Kilometern an? Wo sind die restlichen 35 Kilometer Saft geblieben?

Leicht verunsichert startet man zur ersten Testfahrt - und erlebt gleich die nächste Irritation. In den ersten Minuten der Fahrt sinkt die angezeigte Reichweite nämlich rapide. Auf einer Strecke von gerade mal zwei Kilometern verbraucht der Leaf, so zumindest ist es auf dem Display abzulesen, Strom für zehn Kilometer. Bang fragt man sich, ob man es bei so einem Stromverbrauch überhaupt nach Hause schafft.

Schwankende Reichweite

Tatsächlich steigt die Reichweite nach ein paar Kilometern wieder. Es kann sogar passieren, dass das Display nach fünf Minuten Fahrt wieder fast die gleiche Reichweite anzeigt wie zu Fahrtbeginn. Das nimmt man zwar einerseits wohlwollend zur Kenntnis - fragt sich aber gleichzeitig, warum der Bordcomputer so unpräzise Ergebnisse ausspuckt.

Die geringere Gesamtreichweite hat zwei Ursachen: Erstens ermittelt der Bordcomputer des Leaf laut Aussagen von Nissan aus allen absolvierten Fahrten eine realistische Gesamtreichweite. Wenn der Fahrer also stets mit Bleifuß unterwegs ist oder auf dem Weg zur Arbeit längere Zeit auf der Autobahn fahren muss, kann es theoretisch sogar sein, dass der Leaf vollgeladen nur eine Reichweite von 100 Kilometern anzeigt.

Zweitens kommt zur Ermittlung des Verbrauchs bei Elektroautos der gleiche Normzyklus zur Anwendung wie für herkömmliche Verbrennerautos. Also ein von realen Nutzungsbedingungen weit entfernter Testlauf im Labor. Deswegen sind die von Nissan angegebenen 175 Kilometer Reichweite im Alltag auch mit defensiver Fahrweise ebenso wenig zu erreichen wie die Verbrauchsangaben aller Hersteller für Benzin- oder Dieselfahrzeuge.

Es gibt für alles eine Erklärung

Dass der Leaf in den ersten Minuten Strom zu konsumieren scheint wie eine ganze Lasterladung Heizlüfter, liegt daran, dass der Energieverbrauch vor allem zu Beginn der Fahrt besonders hoch ist, weil das Thermomanagement die Batterie zunächst auf Betriebstemperatur bringen muss.

Deshalb sinkt die angezeigte Restreichweite am Anfang rapide, pendelt sich dann jedoch auf realistische Werte ein. Auch das ist von konventionellen Aggregaten bekannt: Der Spritverbrauch eines kalten Verbrenners ist etwa wegen höherer Reibungswiderstände meist viel höher als bei einem warmen Motor.

Für beide Phänomene gibt es also nachvollziehbare Erklärungen. Die Frage ist nur: Sind potentielle Interessenten nach einer Testfahrt noch offen für derlei Erläuterungen (falls der Verkäufer sie parat hat)? Oder überwiegt nicht vermutlich das Gefühl, dass diese ganze Elektromobilität eine irgendwie unberechenbare Angelegenheit ist?

Kein Verzichtsmobil

Dabei kann der Leaf im Alltagsbetrieb tatsächlich überzeugen. Der Wagen ist trotz einer bescheidenen Höchstgeschwindigkeit von 145 km/h kein Verzichtsmobil, wie etwa der kleine Zweisitzer Renault Twizy, sondern in Bezug auf Ausstattung und Komfort ein vollwertiger Kompaktwagen, in dem vier Personen bequem Platz finden.

Zudem bleibt noch genügend Raum für die Beladung. Das Gepäckabteil mit einem Volumen von 330 bis 680 Litern geht grundsätzlich in Ordnung, dafür ist die Geometrie des Kofferraums unpraktisch. Zwischen Laderaumboden und Hutablage passt so gerade eben eine Getränkekiste.

Gewöhnungsbedürftig ist allerdings das Design des Leaf. Über Geschmack soll man bekanntlich nicht streiten, aber der Leaf mit seinem schräg abfallenden Heck mit den Aufwürfen über den Hinterrädern und seiner stark heruntergezogenen Front ist für im europäischen Design geschulte Augen schon gewöhnungsbedürftig. Immerhin haben die etwas glupschig wirkenden Scheinwerfergläser eine Funktion - sie leiten die Luft aerodynamisch günstig über die Außenspiegel hinweg.

Im Innenraum gibt es wenig zu meckern, die verwendeten Materialien sind ordentlich, die Gestaltung der Bedienelemente zwar futuristisch angehaucht, aber nicht allzu ausgeflippt. Das Fahrwerk ist straff, aber komfortabel, selbst bei Fahrt über Kopfsteinpflaster klappert nichts, fast wähnt man sich in einem Mercedes alter Tage.

Und so sitzt man im Auto, genießt die Stille beim Fahren, die gummibandartige Beschleunigung und hängt dem Traum vom emissionslosen Fahren nach. Alle Beifahrer, die in den Wagen einsteigen, sind angenehm überrascht und nach wenigen Minuten tiefenentspannt. Sie müssen ja auch nicht die Reichweitenanzeige im Blick behalten.

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insgesamt 102 Beiträge
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1. Reicht die Weite?
rennflosse 02.07.2012
Das ist eben das Problem. Bei benzingetriebenen Autos ist die Reichweite ja auch begrenzt. Aber man wird sie an einem Tag kaum ausreizen, außer auf Reisen. Wenigfahrer tanken vielleicht einmal im Monat. Beim E-Auto ist nach jeder oder nach jeder zweiten Fahrt erstmal Schluss. Und wenn bei Kälte die Reichweite nochmals zusammenschmilzt, dann muss man schon ein großer Idealist sein. Und ein reicher Idealist noch dazu.
2. Wer rechnen kann ist klar im Vorteil
Mannheimer011 02.07.2012
Wenn die Reichweite in abhängig vom Fahrprofil schwankt ist das keine absichtliche Verunsicherung sondern der Hochrechnung durch den Bordcomputer geschuldet. Ist bei meinem Dieselfahrzeug auch so. Besonders bei vollem Tank und starken Schwankungen im aktuellen Durchschnittsverbrauch kann dies Schwankungen der Restreichweite von mehreren 100 (!!!) Kilometer verursachen. Angst bekomme ich deshalb trotzdem nicht. Der Bordcpomputer kann nicht in die Zukunft schauen und mit aktuell vorhandenen Daten rechnen...und darum kann auch die Restreichweite schnell schrumpfen, wenn bei leerem Tank/leerer Batterie der Durchschnittsverbrauch ansteigt. Wen solche Überlegungen überfordern, sollte spätestens bei halb leerem Tank eine Tankstelle aufsuchen.
3. Plug-In-Hybride statt nur-E!
user_tha 02.07.2012
Genau die fehlende Reichweite ist der Grund, warum reine E-Autos in diesem Jahrzehnt keinen nennenswerten Durchbruch erleben werden - es sei denn, wir sehen eine unerwartet rasante Entwicklung bei einem der zahlreichen Akku-Typen, die entwickelt werden. Falls nicht, dürfte zumindest dieses Jahrzehnt den Hybriden gehören, E-Autos mit Range Extendern. Damit meine ich nicht Schicki-Micki-Gefährte wie den Mercedes E 300 Hybrid o.ä., die man nicht an der Steckose aufladen kann, sondern einfach nur für ein paar Kilometer das ökologische Gewissen beruhigen sollen und ein anderes Fahrerlebnis vermitteln. Vielmehr Chancen auf dem Massenmarkt haben Pkw mit 3 Elementen: *Plug-In, d.h. Lademöglichkeit an einer 230-Volt-Steckdose (auch wenn's lange dauert) * Plug-In an Drei-Phasen-Strom (E-Ladestationen) * und, vor allem: Verbrennungsmotor zur Reichweitenverlängerung (Range Extender). Wobei das Prinzip des Opel Ampera (= Chevrolet Volt) zu viel Technik beinhaltet. Einfache Konzepte, also rein serielle oder rein parallele Plug-Ins mit Range Extendern, mit nicht allzu viel Akku-Kapazität (aus Kostengründen) haben die nächsten Jahre eine realistische Chance auf nennenswerte Stückzahlen.
4.
LinsenMeister 02.07.2012
1. Eine schwankende Restkilometeranzeige 2. das angeblich "gewöhnungsbedürftige" Design. 1. Bei jedem Verbrenner genauso 2. Geschmackssache Ich lese hier, dass der Leaf wohl vieles richig macht. Leider wird das zu dem Preis nichts (für mich), aber jede neue Technik ist anfangs teuer. Es bleibt spannend.
5.
moev 02.07.2012
Zitat von Mannheimer011Angst bekomme ich deshalb trotzdem nicht.
Weil Sie mit dem auch quasi überall und jedezeit binnen 5 Minuten wieder volltanken können. Wenn es aber nur eine Hand voll Tankstellen in ganz Deutschland gibt und eine Betankung mehrere Stunden dauert, dann ist das nicht so einfach mit mal eben Tankstelle aufsuchen und halb voll machen.
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Fahrzeugschein
Hersteller: Nissan
Typ: Leaf
Karosserie: Kompaktwagen
Motor: Elektromotor
Getriebe: Ein-Gang-Getriebe
Antrieb: Front
Leistung (E-Motor): 109 PS (80 kW)
Drehmoment (E-Motor): 280 Nm
Von 0 auf 100: 11,9 s
Höchstgeschw.: 145 km/h
Kofferraum: 330 Liter
umgebaut: 680 Liter
Preis: 36.990 EUR

Schnellcheck
Nissan Leaf

Das begeistert: Die nahezu uneingeschränkte Praxistauglichkeit und die Beschleunigung.

Das fehlt: Eine exakte Anzeige der Restreichweite.

Das nervt: Das Aufladen nach fast jeder Fahrt.

Was sonst? Zwar macht der Wagen einen technisch ausgereiften Eindruck. Doch um die Massen von der Elektromobilität zu überzeugen, ist er zu teuer.


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