Nissan Micra: Auto ohne Eigenschaften

Von Jürgen Pander

Unter den Kleinwagen stach der Nissan Micra stets heraus. Das Auto sah rundlich aus, als andere Hersteller noch auf Kistendesign setzten; zuletzt war es beinahe experimentell gestaltet. Die neue, vierte Generation, geriet optisch dezenter, birgt aber andere Besonderheiten.

Nissan Micra: Hallo und Auf Wiedersehen Fotos
Jürgen Pander

"Hallo!" sagt das Auto via Cockpitanzeige, wenn man die Zündung anschaltet. Und "Auf Wiedersehen" steht da zu lesen, wenn man den Motor abstellt. Das ist schon mal sehr freundlich und zeigt, dass hier ein paar Ingenieure wirklich an die Details gedacht haben - auch wenn der Effekt sich mit der Zeit verschleißen dürfte und womöglich sogar ein bisschen lästig wird. Hübsch und übersichtlich ist auch das zentral auf der Mittelkonsole platzierte Rondell für die Steuerung von Heizung und Gebläse und überraschend sind die pfeilförmigen Vertiefungen im Blechdach, einem Bauteil, das normalerweise glatt und vollkommen schmucklos ist. Die Rillen im Dach sollen für mehr Ruhe bei höheren Geschwindigkeiten sorgen und sparen zudem zwei Kilogramm Gewicht ein, weil zusätzliche Verstrebungen überflüssig werden. Doch die wirklichen Neuheiten des Nissan Micra, der vierten Generation der japanischen Kleinwagenbaureihe, sind natürlich andere.

Als erstes Modell basiert der Wagen auf der neuen, so genannten V-Plattform von Nissan, die künftig das Fundament für mehrere Nissan- und Renault und vielleicht auch Smart- oder Mercedes-Fahrzeuge sein wird, denn bei Kleinwagen wollen die Allianzpartner Renault-Nissan und Daimler ja künftig kooperieren. Außerdem ist der kleine Fünftürer das erste Modell von Nissan, das komplett neue Dreizylinder-Motoren erhält. Und schließlich ist der Micra auch noch der erste Typ der Marke, der weder in Japan noch in Europa gebaut wird. Stattdessen rollt das Auto in China, Thailand, Mexiko und Indien vom Band. Die Autos, die hierzulande auf die Straße kommen, stammen aus dem neuen Werk im indischen Chennai.

Der neue Micra soll ein Weltauto sein. Fahrzeuge, die mit dieser Zielsetzung entwickelt werden, sind oft reichlich indifferent, weil sie es allen recht machen müssen. Der Neue von Nissan macht da keine Ausnahme - er soll sich in 160 Ländern möglichst gut verkaufen. Optisch sieht er fröhlich und freundlich aus, doch der gestalterische Witz des Vorgängermodells ist verflogen. Außerdem konzentriert sich das Auto auf das Wesentliche: Es gibt vorerst nur eine Karosserievariante, die mit fünf Türen, und lediglich eine Motorisierung.

Ein Dreizylindermotor, den man schon von weitem hört

Unter der Haube steckt also derzeit in jedem Modell der neue 1,2-Liter-Dreizylinder-Benziner mit 80 PS. Die Maschine läuft munter und, gemessen an den Ansprüchen eines Kleinwagens dieser Preisklasse, auch ausreichend flott. Dass der Motor beim Gasgeben etwas lärmt, wäre gut zu verkraften, wenn der Verbrauch tatsächlich dem offiziellen Durchschnittswert von 5,0 Liter entsprechen würde. Tut er aber nicht. 6,8 Liter meldete der Bordcomputer unseres Testwagens nach besonnenen Fahrten ohne besondere Vorkommnisse. Das ist natürlich zu viel, erst recht, wenn das Aggregat als Sparmotor angepriesen wird. Dass das Schaltgetriebe mit nur fünf Gängen auskommen muss, macht die Sache auch nicht besser.

Nissan hat für den Herbst eine weitere Motorvariante angekündigt, nämlich einen grundsätzlich identisches Dreizylinder-Triebwerk, jedoch mit Kompressoraufladung und Benzindirekteinspritzung. Dieses Aggregat soll 98 PS leisten und im Schnitt 4,1 Liter Sprit je 100 Kilometer verbrauchen. Das hört sich sehr sparsam an - und vielleicht bleibt der Realverbrauch dann unter sechs Liter, was für einen modernen Kleinwagen unbedingt das Ziel sein sollte.

Als Note fürs Fahrgefühl verdient sich der Nissan Micra ein glatte zwei. Lenkung, Bremsen, Schaltung - das Auto funktioniert wie man es erwartet, gibt sich spontan, agil und mätzchenfrei. Außerdem ist die Rundumsicht exzellent, was das Einparken in engen Lücken erleichtert, wie überhaupt das Mitmischen im dicken Großstadtverkehr. Die Platzverhältnisse sind ebenfalls in Ordnung, was nicht zuletzt an der leicht bogenförmigen Dachlinie liegt, die eine üppige Kopffreiheit garantiert.

Ordentliche Serienausstattung - geringeres Gewicht

Die Serienausstattung ist für ein Auto dieses Kalibers komplett. ESP, ABS, sechs Airbags, eine automatische Türverriegelung nach dem Losfahren und eine im Verhältnis 60:40 umklappbare Rücksitzlehne, die dann eine wirklich ebene Ladefläche ergibt, sind stets an Bord. Aufgerüstet werden kann der Kleine dann in höheren und teureren Ausstattungsversionen mit Klimaautomatik, Tempomat, elektrisch verstellbaren Außenspiegeln, höhenverstellbarem Fahrersitz, Touchscreen-Navigationssystem, Bordcomputer oder einer Einparkhilfe, die Parklücken ausmisst und beim langsamen Vorbeifahren ermittelt, ob sie groß genug für den Micra sind.

Insgesamt bündelt der Micra das meiste von dem, was man von einem modernen Kleinwagen erwartet. Er ist ordentlich ausgestattet, überaus beweglich (Wendekreis 9,30 Meter) und er ist leichter als das Vorgängermodell (985 Kilogramm Leergewicht), was bei neuen Autos generell zu einer Selbstverständlichkeit werden sollte. In der Metalliclackierung "Spring Green" sieht er auch richtig frisch und flott aus - kostet allerdings gleich 450 Euro mehr. Aber das verzeiht man diesem freundlichen Auto. Es wünscht übrigens auch, entsprechend programmiert, "Happy Birthday".

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insgesamt 28 Beiträge
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1. Weiter so
brux 29.04.2011
Ich finde es gut, dass der Autor auf die unverschämten Lügen der Hersteller beim Verbrauch hinweist. 6.8 statt 5.0 Liter ist nun wirklich nicht mehr zu erklären. Mein Prius braucht 5.4 statt 4.9, das geht gerade noch so. Ein kürzlich gemieteter BMW 520d war nicht unter 6.3 l zu kriegen. Da war ich doch ganz froh, mir den nicht zugelegt zu haben, als ich vor 3 Jahren die CO2 Emissionen verglichen habe und der BMW und der Prius als einzige normale Limousinen unter 140 g/km kamen. Man sollte mal ein Liste der grössten Diskrepanzen erstellen, damit der Kunde nicht mit der Propaganda der Hersteller alleine gelassen wird.
2. ...
meisterschlau 29.04.2011
mein oller E36 compact mit 102ps verbrauchte auch 6,8l. baujahr 1995, wohlgemerkt.
3. Keine Bedrohung für Wolfsburg
Schnarchhahn 29.04.2011
Ein überaus freundlich formulierter Artikel zu einem unterdurchschnittlichen Auto. Der neue Micra ist verglichen mit dem Vorgänger ein Rückschritt, und das ist auch durchaus so gewollt. Produziert in Schwellenländern und auch vorwiegend für diese Märkte angedacht. Wenn den hier einer kauft, dann geht das nur über den Preis. Ein Auto, das keinerlei Begehrlichkeiten weckt. Von sowas muss sich VW nicht bedrängt fühlen, da kann man die Pressezügel auch mal locker lassen. Merke: Interessant ist ein Auto erst dann, wenn es in D verrissen wird.
4. Ein Jammer!
hgm1 29.04.2011
Ein Jammer, dass Nissan außer einem neuen Styling nichts, aber auch nichts an technischer Innovation eingefallen ist. Eine Schande, mit einem Kleinwagen heute noch immer mit Benzin so herum zu aasen. Good bye, Nissan.
5. Eigenschaft
Achim 29.04.2011
Also ist das Auto sozusagen ein Tata Makro. Aber Spaß beiseite: eine ebene Ladefläche ist durchaus eine Eigenschaft. Die geht nämlich anderen Fahrzeugen ab, wie ich als zwangsweiser Gelegenheitsfahrer eines Toyota Yaris immer wieder merken muss.
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Fahrzeugschein
Hersteller: Nissan
Typ: Micra (2011)
Karosserie: Kleinwagen
Motor: Dreizylinder-Benziner
Getriebe: Fünfgang-Schaltgetriebe
Antrieb: Front
Hubraum: 1.198 ccm
Leistung: 80 PS (59 kW)
Drehmoment: 110 Nm
Von 0 auf 100: 13,7 s
Höchstgeschw.: 170 km/h
Verbrauch (ECE): 5,0 Liter
CO2-Ausstoß: 115 g/km
Kofferraum: 265 Liter
umgebaut: 1.132 Liter
Versicherung: 16 (HP) / 18 (TK) / 19 (VK)
Preis: 10.740 EUR

Schnellcheck

Nissan Micra

Einsteigen: ...weil dieser Kleinwagen alles bietet, was man im Autoalltag so braucht.

Aussteigen: ...weil es schickere, flottere, sparsamere Kleinwagen gibt.

Umsteigen: ...aus allen Fünftürern in der 3,80-Meter-Klasse.



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