Nissan Micra Ja, er ist es wirklich

Was für ein Stilwechsel: Nissan hat seinem kreuzbraven Kleinwagen Micra einen neuen, wilden Look verpasst. Außerdem ist er viel länger und breiter geworden - doch nicht überall macht sich die Radikalkur bemerkbar.

Jürgen Pander

Von Jürgen Pander


Sogar die Fußmatte trägt Rallyestreifen. "Energy Orange" auf schwarz, und natürlich tritt man da nicht mit dreckigen Schuhen drauf. Es wirkt fast so, als habe Nissan mit dem neuen Micra die Aktion "Bewusster Einsteigen" gestartet.

Überall am Auto gibt es Details, die wie Ausrufezeichen die Erwartungshaltung beim Betrachter steigern. Scheinwerfer mit Plexiglas-Finnen zum Beispiel, zackige, zweifarbige 16-Zoll-Felgen, farblich abgesetzte Anbauteile, hervorspringende Rücklichter und ausschweifende Schwünge im Karosserieblech. Unter den Kleinwagen ist der neue Micra ein Hingucker.

Das Design wirkt noch viel auffälliger, wenn man sich das Vorgängermodell vor Augen hält. Das war als billiges Weltauto konzipiert - und sah leider auch genau so aus: Bei Micra musste man an mickrig denken, auch wenn sich durch ein zwischenzeitliches Facelift einiges verbessert hatte.

Das Nachfolgemodell ist nun das exakte Gegenteil von mickrig. Extrovertiert und fast schon ein bisschen zu aufdringlich, jedenfalls wenn man das "Außendesign-Paket" bestellt, das "farblich abgesetzte Stylingelemente" beinhaltet. Damit wird der Micra zum bunten Hund.

Jürgen Pander

Das ist umso wichtiger, als das Auto für Nissan sozusagen in Doppelmission unterwegs ist. Denn zum einen soll der neue Micra die Kleinwagen-Konkurrenz blass aussehen lassen. Und zum anderen soll er auch noch all jene Besitzer von Kompaktwagen ins Grübeln bringen, die sich die Frage stellen, ob es nicht auch ein etwas kleineres Auto täte. Um diese neue, potenzielle Kundengruppe zu erschließen, möbeln immer mehr Hersteller ihre Kleinwagen auf, um sie so attraktiv wie einen Kompakten zu machen; billiger und handlicher sind sie ja ohnehin.

Nissan also verfolgt dieses Ziel jetzt mit dem Micra. Blickt man das Auto flüchtig an, wirkt es überdreht. Schaut man jedoch genauer hin, entdeckt man sorgfältig gestaltete Linien und Flächen, die ineinander übergehen, aufeinander abgestimmt sind und so miteinander korrespondieren, dass ein ziemlich unruhiger und zugleich attraktiver Karosseriekörper entsteht. Drinnen ist der Wagen einerseits schlicht und übersichtlich, andererseits modern und farbenfroh - vorausgesetzt, man bestellt das "Innenraum-Paket". Sie wissen schon, das mit den "farblich abgesetzten Akzenten".

Buntes Design, einfarbiges Fahrgefühl

Bei den Fahreigenschaften entpuppt sich der Micra hingegen als blass. Pluspunkte sammelt die direkte Lenkung, Abzüge gibt es für das etwas zäh zu schaltende Fünfganggetriebe. Dazwischen, sozusagen in der neutralen Zone, werkelt der 0,9 Liter große Dreizylindermotor mit 90 PS. Er tut das ohne Auffälligkeiten, allein die 4,4 Liter Normverbrauch sind auch in diesem Fall ein eher theoretischer Wert. Im Schnitt lagen wir bei 5,4 Liter Verbrauch je 100 Kilometer, allerdings mit vier Insassen im Auto.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des Nissan Micra - mit unserem 360-Grad-Foto:

Insgesamt hinterlässt der Wagen einen guten Eindruck. Würde man aus einem Kompaktwagen in den neuen Micra wechseln, es wäre wohl in den allermeisten Fällen eine positive Überraschung. Die zwei auf den Vordersitzen genossen dabei großzügige Verhältnisse. Um 17 Zentimeter wuchs der Micra im Vergleich zum Vorgängermodell in die Länge, und das kommt vor allem den vorderen Passagieren zugute. Im Fond ist vom guten Raumgefühl leider nichts mehr zu spüren, der Rest der zusätzliche Länge ging wohl für die markige Formgebung der Frontpartie drauf. Im hinteren Abteil ist es eng und - aufgrund der schwungvoll ansteigenden Fensterbrüstung - eher düster. Immerhin sind die Sitzpolster auch hier zweifarbig und zumindest Kinder sitzen ganz bequem.

Der Fahrer hat außerdem ein klassisch-dezentes Cockpit vor sich sowie ein passables Infotainmentsystem mit AUX- und USB-Buchsen und Smartphone-Integration, Bluetooth-Schnittstelle und einem 7-Zoll-Touchscreen mit leicht zu handhabender Navigation. Weil das bei Neuwagen inzwischen zum Standard gehört, bleibt der Blick etwas tiefer hängen: Im Ablagefach vor dem Schaltknauf. Dort ist der Boden nämlich von vielen kleinen, weißen LED-Punkten beleuchtet. Das sieht so hübsch aus, dass man dort eigentlich gar nichts reinlegen mag.

Fotostrecke

13  Bilder
Nissan Micra: Die mickrigen Jahre sind vorbei

Das Heck des Micra ähnelt ein wenig dem des kleinen SUV-Modells Nissan Juke. Die Glasflächen sind klein, entsprechend eingeschränkt ist die Sicht zur Seite und nach hinten. Beim Rechtsabbiegen in Ortschaften empfiehlt sich daher der mehrmalige Schulterblick. Der Kofferraum bietet mit 300 Litern Fassungsvermögen ein in der Kleinwagenklasse übliches Maß, allerdings ist die Ladekante breit und hoch, und um Getränkekisten hinein- oder heraus zu hieven, sollte man über eine robuste Rückenmuskulatur verfügen.

Nissan bietet den neuen Micra ab 12.990 Euro an. So viel kostet die Basisvariante mit dem 1-Liter-Dreizylinder-Benziner mit 71 PS. Der billigste Micra mit dem 900-Kubik-Dreizylinder-Turbobenziner ist für 15.790 Euro zu haben. Bei unserem Testwagen stand dagegen 20.050 Euro auf dem Preisschild. Dafür war das Auto unter anderem ausgestattet mit LED-Ambientebeleuchtung, Metalliclackierung, verdunkelten Scheiben ab der B-Säule, Außendesign- sowie Innenraum-Paket. Und nicht zu vergessen - auch wenn der Aufpreis mit 62 Euro vergleichsweise gering ausfällt - den schicken Fußmatten mit den Rallyestreifen.

Fahrzeugschein
Hersteller: Nissan
Typ: Micra N-Connect 0.9 IG-T
Karosserie: Kleinwagen
Motor: Dreizylinder-Benziner
Getriebe: Fünfgang-Schaltgetriebe
Antrieb: Front
Hubraum: 898 ccm
Leistung: 90 PS (66 kW)
Drehmoment: 140 Nm
Von 0 auf 100: 12,1 s
Höchstgeschw.: 175 km/h
Verbrauch (ECE): 4,4 Liter
CO2-Ausstoß: 99 g/km
Kofferraum: 300 Liter
umgebaut: 1.004 Liter
Gewicht: 1.053 kg
Maße: 3999 / 1734 / 1455
Versicherung: 14 (HP) / 16 (TK) / 19 (VK)
Preis: 20.050 EUR
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insgesamt 58 Beiträge
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Seite 1
JerryKraut 25.08.2017
1. Phantasiepreise
Mehr habe ich dazu nicht zu sagen. Was die Pharmaindustrie in den USA tut, versucht die Autoindustrie in Deutschland. Abzocke!
observerlbg 25.08.2017
2. Oha, up sizing?
Als ehemaliger Micrafahrer kann ich nur bestätigen: DAS ist kein Micra mehr. Ähnlich Renault Clio (und Capture als Modusersatz) wurde ein bekannter Name auf ein völlig neues Auto geklebt. Aber warum nicht. Da komme ich tatsächlich ins grübeln, ob es immer ein Kompakter oder lower mid-range sein muss. Das eingesparte Geld bei der Anschaffung kann ich dann ja in ein geliehen Mittelkassewagen stecken, bei Bedarf.
snoopit 25.08.2017
3. An der Zielgruppe vorbei
Als ich diesen völlig veränderten, neuen Micra sahm huschte mir das Bild der damaligen, letzten Primera-Serie durchs Hirn. Damals hatte Nissan den typischen Primera-Fahrer - meist ältere, ruhige Herren - gänzlich verprellt, indem sie den Fahrern, die runde, weiche und unaufdringliche Formen gewohnt waren (und sie liebten!) ein spaciges, kantiges Ufo vor die Nase gesetzt, im Innenraum fühlte man sich wie Kirk auf der Brücke. Das kam bei den Best Agern überhaupt nicht an. Und war dann zwangsläufig das Ende des Primera. Jetzt auf ein Neues : nun also werden unsere lieben Hausfrauen verprellt, indem man ihnen die liebgewonnene, im Stadtverkehr sehr übersichtliche Knutschkugel wegnimmt und neue (junge) Käuferschichten anpeilt. Ein Fehler, denke ich. Wieder einmal.
10kwh 25.08.2017
4. Schönes Auto
aber leider verwechselbar. Das Interieur hat mich an Hyundai erinnert und das Außendesign an einen Seat. Ich habe im Bericht ein paar Angaben zu Fahrwerk, Fahrverhalten, Innengeräusch, Komfort, etc. vermisst. Aber schön, dass auch mal wieder ein zweckmâßiges und vernünftiges Auto vorgestellt wurde.
frankfranic 25.08.2017
5.
20 050 Euro. Ich glaube nicht, dass irgend jemand bereit ist, so viel Geld für dieses Auto auszugeben. 15 000 wäre noch zu teuer....
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