Nissan X-Trail 1.6 DIG-T Lass uns kuscheln

Der Nissan X-Trail war mal ein knorriger Geländewagen mit einer Spur Extravaganz. Die neueste Baureihe ist ein Paradebeispiel dafür, wie überdimensionale Autos heute sein müssen, damit sie sich gut verkaufen.

Jürgen Pander

"Gelände, Gelände, Gelände" - das war im Sommer 2001 die Überschrift über den SPIEGEL-ONLINE-Text zum ersten Nissan X-Trail. Der Wagen sah aus wie eine Werkzeugkiste mit Allradantrieb. Die drei Rundinstrumente saßen mittig auf dem Armaturenbrett und direkt vor dem Fahrer gab es eine Lüftungsdüse, die für Kühlung sorgte, wenn man auf heiklen Offroad-Passagen ins Schwitzen kam. Das Auffälligste am Auto aber waren die blau getönten Standlicht-Scheinwerfer. Hatte man je zuvor einen blauäugigen Geländewagen gesehen?

Die Fahrt mit dem Ur-X-Trail, daran erinnere ich mich gut, war eine rustikale Angelegenheit: Der Motor verbreitete Unruhe, die Schalter und Knöpfe hätte man auch mit Arbeitshandschuhen bedienen können und den Boden im Kofferraum konnte man herausnehmen und abwaschen.

Über so etwas wie herausnehmbare Laderaumböden haben die Entwickler der aktuellen, dritte Generation des Nissan X-Trail vermutlich nicht eine Sekunde nachgedacht. Das neue Modell wird als Crossover angepriesen - also als Auto, das es möglichst vielen recht machen will.

Heute hat man's leichter

Die Folge ist: Der X-Trail mit dem internen Code T32 ist zum Mainstream-SUV mutiert. Geschwungene Linien und gerundete Kanten prägen nun die Karosserie, und damit ist es auch mit der einstigen Übersichtlichkeit vorbei. Statt großer Fensterflächen und deutlich erkennbaren Blechkanten gibt es nun einen "Around-View-Monitor" in der Armaturentafel, der den Ausmaßen des Wagens ihren Schrecken nimmt. Auf dem Bildschirm erscheint - bei Kriechfahrt, oder wenn der Rückwärtsgang eingelegt ist - dank vier Kameras eine 360-Grad-Rundumsicht ums Auto. Das hilft, um den 1,82 Meter breiten Wagen durch ein enges Parkhaus oder eine zugeparkte Altstadt zu zirkeln.

Im Vergleich zur ersten Baureihe ist die Lenkung mittlerweile erstaunlich leichtgängig. Im Verbund mit dem dünnen Lenkradkranz vermittelt sie die Illusion, ein leichtes und wendiges Fahrzeug zu bewegen. Tatsächlich ist der Wagen aber 4,64 Meter lang und rund 1,6 Tonnen schwer. Beim ersten X-Trail war es noch umgekehrt: Lenkung, Fünfganggetriebe und Motor des kompakten Geländewagens gaben sich absichtlich knorrig und robust, um das Auto möglichst zäh und unaufhaltsam erscheinen zu lassen.

Loungig statt robust

Heute sind solche Attribute nicht mehr gefragt. Erstens, weil nur eine verschwindende Minderheit der SUV tatsächlich abseits befestigter Straßen eingesetzt wird, und zweitens, weil Autos ganz generell immer weniger als Fortbewegungsmittel, und immer mehr als zweites Zuhause wahrgenommen werden. Styling und Wellness sind auch für Pkw relevant. Der neue X-Trail ist ein Paradebeispiel dafür, er ist in jeder Hinsicht auf Kuschelkurs unterwegs: weich, leichtgängig, loungig. Ein SUV wie ein Marshmellow.

Besonders gilt das für die neue Variante mit Benzinmotor. Zunächst nämlich gab es den Nissan X-Trail ausschließlich mit einem 1,6-Liter Diesel und einer Leistung von 130 PS, auf Wunsch auch mit Allradantrieb oder Automatikgetriebe. Nun ergänzt ein 1,6-Liter-Benziner mit 163 PS das Angebot, der jedoch ausschließlich in Kombination mit Frontantrieb und Sechsgang-Schaltgetriebe zu haben ist. Der Vorteil der Benziners: Das Auto agiert ebenso agil wie leise und es kostet weniger; der billigste X-Trail mit dem Ottomotor ist für 24.750 Euro zu haben.

Das von uns gefahrene Modell war allerdings teurer. Zu Ausstattung gehörten nämlich Extras wie eine dritte Sitzreihe sowie ein Glasschiebedach (im Paket 1450 Euro Aufpreis), das sogenannte Style-Paket mit 19-Zoll-Rädern, Dachreling und elektrischer Heckklappe (2000 Euro Aufpreis) und die Metalliclackierung "Dark Orange" (600 Euro Aufpreis). Allerdings sollte man wissen, dass der X-Trail auch mit dritter Sitzreihe kein Siebensitzer, sondern eher ein 5+2-Sitzer ist, denn die aus dem Kofferraumboden herausklappbaren Sitzgelegenheiten im Fond sind höchstens für Grundschulkinder geeignet.

Nissan hängt Toyota ab

Die Metamorphose vom alltagstauglichen Geländewagen zum Allerweltsauto mit SUV-Anklängen des X-Trail macht deutlich, wie krass sich das SUV-Segment wandelt. Denn Nissan hat diesen Wandel mit Bedacht vollzogen: Der X-Trail ist aktuell das weltweit meistverkaufte Modell der Marke. Auch in Deutschland ist der Wagen ein wichtiger Stückzahlbringer, obwohl es hier beliebtere Nissan-Typen gibt.

Damit trug der SUV auch zum vorerst letzten Coup der Marke bei: Im abgelaufenen Jahr 2015 war Nissan erstmals die erfolgreichste japanische Marke auf dem deutschen Markt. Mit 69.835 Neuzulassungen laut Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) wurde der langjährige Spitzenreiter Toyota (65.939) auf Platz zwei verwiesen.

Die Anpassung an den Mainstream, wie sie exemplarisch am X-Trail ablesbar ist, dürfte entscheidend zum Aufschwung beigetragen haben. Autos ohne besondere Eigenschaften - schon blaue Scheinwerferaugen können zu gewagt sein - werden hierzulande gern gefahren. Der VW Golf beweist das seit mehr als vier Jahrzehnten.

Mehr zum Thema
Newsletter
Autotests: Die wichtigsten Modelle im Check


© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.