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11. November 2011, 16:09 Uhr

Opel Astra GTC

Kurven aus Blech

Von Jürgen Pander

Opel pendelt zwischen den Extremen. Der Ampera mit Elektroantrieb hält die Fahne für den Umweltschutz hoch, der Zafira Tourer spielt die Komfort-Karte, und dem jetzt vorgestellten Astra GTC fällt die Rolle als Sportskanone zu. Demnächst gibt's den Wagen sogar mit 280 PS.

Dachantenne, Außenspiegelgehäuse und Türgriffe - drei Karosseriedetails, die sich der neue Astra GTC mit dem fünftürigen Modell teilt, das vor knapp zwei Jahren auf den Markt kam. Die einzigen. Logisch also, dass die Opel-Leute den Dreitürer als eigenständiges Auto betrachten - auch wenn der Uneingeweihte zunächst zweimal hinschauen muss. Doch bei genauer Betrachtung fallen die Unterschiede auf: Breit wirkt der Wagen, vor allem aus der Perspektive von schräg hinten. Die Kotflügel blähen sich selbstbewusst, und zum Dach hin zieht sich die Karosserie zusammen. "Skulpturhaftes Design trifft deutsche Ingenieurskunst", fabuliert Opel dazu. Man wolle schließlich die "emotionalste deutsche Automarke sein".

Auf der einen Seite also werden optische Schlüsselreize wie eine breite Spur, eine schwungvolle Dachlinie und scheinbar unterm Blech schwellende Muskeln bedient. Mit Blick auf die Ingenieurskunst wiederum ist vor allem das Fahrwerk zu nennen, das es in dieser Form in der Autowelt ausschließlich beim neuen GTC gibt, wie Opel anmerkt. Das Besondere des Fahrwerks ist die Kombination einer sogenannten Hi-Per-Strut-Vorderradaufhängung mit einer Verbundlenker-Hinterachse mit Watt-Gestänge.

Für den Menschen am Lenkrad bedeutet dies, dass sich der frontgetriebene Wagen weitgehend frei von störenden Einflüssen - etwa dem Zerren der Antriebskräfte an den Vorderrädern oder deren Schubbern über dem Asphalt beim Übersteuern - lenken lässt. Und die durch das Watt-Gestänge besonders steif geführten Hinterräder wiederum unterstützen den Effekt einer sauberen und präzisen Linie bei schneller Kurvenfahrt.

Ausgezeichnetes Fahrverhalten bei leicht zähem Lenkgefühl

Bei der ersten Begegnung mit dem Auto während einer Fahrt auf ebenso kurvigen wie engen öffentlichen Straßen lassen sich die Feinheiten der Fahrwerksabstimmung natürlich nicht im Grenzbereich erproben. Allerdings fällt schon auf, dass der Wagen sich mühelos und durchaus präzise dirigieren lässt. Das Lenkgefühl selbst ist jedoch nicht ganz so knackig, wie es aufgrund der technischen Voraussetzungen zu erwarten wäre, die elektrische Servolenkung filtert offenbar einiges an Leichtigkeit weg.

Wenn der Astra in den kommenden Wochen zu den Händlern kommt, dann werden zunächst vier Benzin- und ein Dieselmotor mit einem Leistungsspektrum von 100 bis 180 PS im Angebot sein. Anfang 2012 werden zwei weitere Selbstzünder mit 110 und 130 PS das Portfolio ergänzen. Und im Mai nächsten Jahres dann soll der Astra OPC vorfahren. Das ist der nochmals angeschärfte Dreitürer mit einem Zwei-Liter-Direkteinspritzer-Turbomotor mit 280 PS, Sportfahrwerk mit Sperrdifferenzial und Brembo-Bremsanlage.

Ein 180-PS-Motor weckt nun einmal hohe Erwartungen

Bis der OPC-Über-Astra erscheint, markiert der GTC mit dem 1,6-Liter-Turbo-Benziner und 180 PS Motorleistung die Spitze der Modellreihe. Bei den ersten Testfahrten erwies sich der Motor als kultiviertes, drehfreudiges Aggregat, doch vollends zu überzeugen vermochte er nicht. Was vor allem daran liegt, dass die Ansage "180 PS" die Erwartung einer vor Bissigkeit nur so vibrierenden Kraftmaschine weckt, die jedoch nicht erfüllt wird. Hinzu kommt, dass der Motor gefüttert werden will: 9,5 Liter Durchschnittsverbrauch meldete der Bordcomputer nach rund 170 Kilometern Testfahrt; als offiziellen Wert gibt Opel 7,2 Liter je 100 Kilometer an.

Was der Astra GTC prima hinkriegt, ist der Spagat aus rassigem Coupédesign und vergleichsweise hohem Nutzwert. Das Auto bietet fünf Sitzplätze, wenngleich der Platz hinten in der Mitte eher eine Zumutung für erwachsene Mitfahrer sein dürfte. Zu viert jedoch sitzt man ordentlich, die Kopffreiheit im Fond ist okay, und auch der Ein- und Ausstieg bereitet keine Probleme. Der Kofferraum mit verstellbarem Ladeboden fasst 380 Liter und lässt sich durch Umklappen der Rücksitzlehnen auf 1165 Liter vergrößern.

Erweitert hat Opel auch das Angebot an Fahrassistenzsystemen. Die Frontkamera beispielsweise kann nun noch mehr Verkehrsschilder, nämlich auch rechteckige, erkennen und füttert zusätzlich sowohl den Spurhalteassistenten als auch den Abstandswarner mit den nötigen Daten. Das adaptive Lichtsystem wurde um eine neue Funktion erweitert: die intelligente Leuchtweitenregelung. Die regelt das Abblendlicht automatisch so, dass der Vorausfahrende nicht geblendet, die Fahrbahn aber dennoch optimal ausgeleuchtet wird - und zwar auch bei Bergauf- oder Bergabfahrten.

Einige Leerstellen kann auch der neue GTC nicht füllen

Dass die Rüsselsheimer vor allem das frische Design und das neue Fahrwerk des Astra GTC hervorheben, ist einerseits ihr gutes Recht. Andererseits lenken sie so ab von Leerstellen, die auch das neue Modell nicht füllen kann: Außer einer Start-Stopp-Automatik für einige Motorisierungen gibt es keine weiteren, die Effizienz steigernden Systeme wie etwa eine Bremsenergierückgewinnung. Auch ein Doppelkupplungsgetriebe ist nicht verfügbar, und von Leichtbau spricht bei Opel sowieso niemand.

Immerhin wird für den Astra GTC wieder eine Panorama-Windschutzscheibe angeboten, die rund 1200 Euro Aufpreis kosten wird. Das Glasgewölbe reicht bis etwa zur Mitte des Daches und eröffnet den Insassen einen freien Blick gen Himmel. Dorthin, nämlich nach oben, blicken derzeit auch die Vertriebsleute aus Rüsselsheim. 13.000 GTC-Exemplare sollen im nächsten Jahr allein in Deutschland verkauft werden. Das Auto, so hofft ein Sprecher, werde eine "Markenlokomotive".

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