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Opel Corsa: Hai im Handschuhfach

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Der Corsa war lange Zeit einer der erfolgreichsten Kleinwagen. Doch jetzt steht der kleine Opel in Europa nur noch auf dem siebten Platz. Mit frischem Design, neuem Format und einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein soll die vierte Generation nun zurück an die Spitze.

Hans Demant macht einen gelassenen Eindruck. Zwar gibt der Opel-Chef das Steuer eigentlich nur ungern aus der Hand. Doch wenn er bei den Testfahrten mit dem neuen Corsa auf den Beifahrersitz wechselt, wirkt er ausgesprochen ruhig und entspannt. "Selten waren wir von einem neuen Modell so überzeugt", beschreibt Marketing-Vorstand Alain Visser die Gemütslage in Rüsselsheim und richtet den Blick auf die vierte Generation eines Kleinwagens, der dieses Etikett eigentlich längst nicht mehr verdient. "Das Auto ist erwachsen geworden", konstatiert Demant und beobachtet zufrieden, wie der Fahrer zurückschaltet, etwas kräftiger aufs Gaspedal drückt und die nächsten Kurven in Angriff nimmt.

Mit "erwachsen" meint Demant nicht nur, dass der Corsa um runde zehn Zentimeter zugelegt hat und nun wie seine Hauptkonkurrenten knapp vier Meter misst. Auch nicht allein, dass man vier Zentimeter höher sitzt und deshalb besser ein- und aussteigen kann oder dass man jetzt selbst als Erwachsener hinten ordentlich Platz findet, genug Kopffreiheit hat und auch etwas von der Landschaft sieht. Sondern er meint damit vor allem ein Fahrwerk, das die Klassenunterschiede verschwimmen lässt.

Sieht man einmal vom Gewicht und den Platzverhältnissen ab, fährt sich der Corsa kaum anders als ein Astra oder ein Vectra. "Man darf einen Kleinwagen nicht dorthin bringen, wo der Fahrspaß verloren geht", erläutert Demant die Gratwanderung zwischen Vernunft und Vergnügen, die er beim Corsa eher mit einer Kombination als mit einem Kompromiss gelöst sieht. Wie die aussieht, kann der Kunde künftig mit entscheiden: Weil Opel vier verschiedene Lenkungen parat hält und auch das Fahrwerk je nach Modell- und Ausstattungsvariante anders abstimmt, gibt es den Corsa mit spürbaren Unterschieden als kreuzbraven Kleinwagen für die Großstadt bis hin zum bissigen Kurvenfeger für die Landstraße.

Obwohl der Corsa nicht nur größer ist als der Vorgänger, sondern auch besser ausgestattet wurde, bleibt der Preis zum Verkaufsstart am 7. Oktober beinahe gleich, sagt Demant. So startet der Dreitürer bei 10.990 Euro, für den Fünftürer werden rund 700 Euro mehr fällig. Das sei zum einen ein Verdienst der Entstehungsgeschichte. Schließlich ist der Corsa ein Scheidungskind aus der mittlerweile wieder gelösten Verbindung von General Motors und Fiat und als solcher eng mit dem Grande Punto verwand. "Gemeinsame Komponenten erhöhen die Stückzahlen und senken den Preis", sagt Demant. Doch vor allem liegt der preiswerte Fortschritt am frischen Denken in Rüsselsheim. Viele Verbesserungen mache man mit dem Gehirn und nicht mit dem Geldbeutel, umreißt er eine Philosophie, die offensichtlich bei immer mehr Entwicklern greift. "Die denken einfach länger nach und sind nicht mehr so oft mit mittelmäßigen Lösungen zufrieden."

Zu den gemeinsamen Genen von Grande Punto und Corsa zählt neben der Plattform der kleine 1,3-Liter-Dieselmotor, den Opel in zwei Varianten mit 75 und 90 PS anbietet und optional mit einem Rußpartikelfilter ausrüstet. Er macht gerade in der stärkeren Version einen flotten Eindruck, harmoniert gut mit dem Sechsganggetriebe, bringt den 1,1 Tonnen schweren Kleinwagen mit 200 Nm ordentlich in Fahrt und ist mit maximal 172 km/h auch auf der Autobahn gut aufgehoben. Dabei ist der Verbrauch von 4,6 Litern sehr vernünftig und das Geräuschniveau niedrig wie bei einem Benziner. Über dem 1,3-Liter rangiert der dann serienmäßig mit Filter bestückte 1,7-Liter-Diesel mit 125 PS, und daneben gibt es drei Benziner mit 1,0 bis 1,4 Litern Hubraum und 60 bis 90 PS.

Die Dieselmotoren sind munterer als die Benziner

Sie sind zwar allesamt deutlich billiger als die Diesel, machen aber in der Praxis sehr viel weniger Spaß. So wirkt der große Benziner im direkten Vergleich lange nicht so kräftig und durchzugsstark, auch wenn er auf dem Datenblatt bei der Beschleunigung um drei Zehntel vorn liegt. Weil aber selbst der schnellste Corsa noch 12,4 Sekunden auf Tempo 100 braucht, werden jugendliche Heißsporne hinter die Sportlichkeit ein dickes Fragezeichen malen. "Aber nicht lange", verspricht Demant und avisiert schon mal eine OPC-Version mit "mehr als 180 PS".

Zunächst allerdings beeindruckt der Corsa nicht mit Muskelspiel, sondern mit einem frischen Design und einem Innenraum, der neue Maßstäbe bei Verarbeitungsqualität und Materialauswahl setzt. Wer genügend Geld in die Hand nimmt und die richtigen Kreuzchen auf dem Bestellzettel macht, bekommt neben Standards wie den vier Airbags, der Servolenkung und der Zentralverriegelung auch Extras, die in dieser Klasse bis dato kaum verfügbar waren. Dann schimmert im Cockpit edler Klavierlack, und im Lenkrad glühen die Heizdrähte.

Gute Ideen für mehr Pep im Innenraum

Doch der Corsa soll nicht nur für Luxus-Extras stehen, sondern auch für pfiffige Ideen wie die zusätzlichen Ablagen zwischen Türgriff und Türtasche oder den doppelten Ladeboden, der den Kofferraum waagerecht teilt und die 285 Liter Stauraum besser nutzbar macht. Weil Opel zudem laut Visser in jeder Modellreihe ein Zeichen mit einer besonders flexiblen Lösung setzen will, trägt der Corsa auf Wunsch einen integrierten Fahrradständer am Heck, der für 490 Euro verkauft wird und mit zwei Handgriffen aus der hinteren Stoßstange herausgezogen werden kann.

Positioniert wird der Corsa mit einem ausgesprochen jungen Image. So gibt es in der vierten Generation des Kleinwagens Details wie die selbstleuchtenden Ringe um die Anzeigen im Kombiinstrument, um wichtige Drehknöpfe sowie auf Wunsch um die Türgriffe und Fensterheber, die bei Dunkelheit schillern und von Marketing-Chef Visser mit als "Freaky Features" bezeichnet werden. "Dabei ist es gar nicht wichtig, dass solche Extras oft gekauft werden. Was zählt ist, dass es sie gibt. Das macht den Wagen viel jünger", sagt Visser und erinnert an die Premierenparty für den Corsa in London, bei der die Hälfte der Gäste sogar zu jung für den Führerschein war. "Diese Kids müssen wir erreichen", fordert Demant, "dann kommen wir auch die Väter und Mütter heran."

Mit der neuen Positionierung soll der Corsa die Marke Opel aus dem Mittelfeld wieder zurück an die Spitze im Segment der Kleinwagen führen. Den Anspruch haben nicht nur die Techniker und die Vertriebsplaner, sondern auch die Designer. "Für uns ist der Corsa so etwas wie der Hecht im Karpfenteich", sagt Nils Loeb, der Chefkreative. Das hat er dem Wagen mit einem frechen und gerade beim Dreitürer sehr sportlichen Design nicht nur ins Gesicht geschrieben. Sondern dafür gibt es sogar eine Art Maskottchen, das sein Team an allen Kontrollinstanzen vorbei in jedes Auto geschmuggelt hat. Es zeigt die Silhouette eines Haifisches, die so geschickt an der Außenseite des Handschuhfachs versteckt wurde, dass sie selbst dem Opel-Vorstandschef erst bei der Testfahrt auffiel. Doch der ist im Corsa so entspannt, dass er sogar über diese Art von Ungehorsam lächelt.

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Fahrzeugschein
Hersteller: Opel
Typ: Corsa
Karosserie: Kleinwagen
Motor: Vierzylinder-Benziner
Hubraum: 1.364 ccm
Leistung: 90 PS (66 kW)
Drehmoment: 125 Nm
Von 0 auf 100: 12,4 s
Höchstgeschw.: 173 km/h
Verbrauch (ECE): 5,9 Liter
CO2-Ausstoß: 140 g/km
Kraftstoff: Normalbenzin
Kofferraum: 285 Liter
umgebaut: 1.050 Liter
Preis: 13.835 EUR
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