Passat W8 Die Retourkutsche

Den Vorstoß anderer Hersteller in Fahrzeugklassen, in denen sich bislang VW als tonangebend wähnte, wollen die Wolfsburger mit einer Ausweitung ihres Angebots in die Oberklasse kontern. Die erste Retourkutsche dieser Art ist der neue Passat W8.

Von Jürgen Pander


Die Wolfsburger wollen mit dem VW Passat W8 in die Oberklasse vorstoßen

Die Wolfsburger wollen mit dem VW Passat W8 in die Oberklasse vorstoßen

Das brave Mittelklassemodell, dem nun ein Achtzylindermotor unter die Haube montiert wird, ist erst der Anfang der Oberklassen-Offensive von VW. "Unser Programm soll in diesem Bereich künftig aus vier Säulen bestehen", erläutert Konzernchef Ferdinand Piëch. "Dem Passat W8 werden bis zum Herbst 2002 eine Luxuslimousine, ein Geländewagen und ein Supersportwagen folgen." Der Chef hat nämlich diagnostiziert, dass das VW-Angebot krankt und als Therapie eine Art Luxusschock vorgesehen. Piëchs einfache Formel: "Jede heile Pyramide hat eine Spitze." Vorerst wird das obere Ende der Volkswagen-Modellpyramide noch etwas stumpf aussehen, denn der Passat W8 bietet zwar respektable Technik, doch die bietet er in einem wenig glamourösen Gewand. Passat eben.

Das neue Modell wird derzeit in der Schweiz, zwischen Genf und Gstaad, vorgestellt. Buchstäblich auf die Spitze treibt VW die Symbolik bei der Pressekonferenz: Sie findet in einem Gletscherrestaurant auf 3000 Meter Höhe statt. Die Wolfsburger wollen hoch hinaus, dorthin, wo auch im Autogeschäft die Luft dünn, das Klima rau, aber die Gewinne spitzenmäßig sind.

Wie VW sich ein Auto in diesen Marktregionen vorstellt, davon soll der W8 ein erstes Zeugnis ablegen. Optisch, dieser Eindruck ändert sich auch nach mehrmaligem Kreisen um die Karosserie nicht, macht das Auto nichts Besonderes her. Äußerlich zu erkennen ist der W8 im Vergleich zu seinen Baureihen-Brüdern an 17-Zoll-Leichtmetallrädern, vier verchromten Auspuffendrohren und einigen Extra-Chromzierleisten. Erst der Blick unter die Motorhaube sorgt für eine Oberklassen-Perspektive: Dort steckt, längs eingebaut, das W8-Triebwerk, das den Wagen erst aus der Mittelklasse-Masse heraushebt. Die vier Zylinderreihen sind in doppelter V-Formation angeordnet, was den Namen W8 erklärt. Wird der Motor per Zündschlüssel zum Leben erweckt, fällt als Erstes die Ruhe auf, mit der das Aggregat erwacht.

Gang rein, Kupplung raus, und es geht mit Vehemenz voran. Leise und kraftvoll, bei höheren Drehzahlen erst dringt ein feines Sirren in den Innenraum. Das Fahrgefühl lässt sich am besten mit satt, souverän und selbstbewusst beschreiben. Vor allem in Kombination mit dem serienmäßigen Sechsgang-Schaltgetriebe, das Fünfgang-Tiptronic-Automatikgetriebe kostet 3374 Mark Aufpreis, verhilft das Triebwerk auf Wunsch zu hurtiger Fortbewegung. Theoretisch ist eine Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h möglich, ehe die Elektronik den Vorwärtsdrang drosselt. Doch was wirklich zählt, ist die Lässigkeit, mit die Maschine bei üblichen Autobahntempi arbeitet.

Gang rein, Kupplung raus, und es geht mit Vehemenz voran

Gang rein, Kupplung raus, und es geht mit Vehemenz voran

Die enorme Kraft wird von allerlei technischen Zusatzsystemen unter Kontrolle gehalten. Dazu zählen der permanente Allradantrieb, elektronische Differentialsperren (EDS), das Stabilitätsprogramm ESP und die Antischlupfregelung ASR. Die Verzögerung wird geregelt vom ABS mit elektronischer Bremskraftverteilung (EBV). Die bereits erwähnte Ruhe beim Fahren ist nicht nur ein Resultat von diversen Ausgleichswellen im Motor, sondern hängt auch mit der im Vergleich zu den bescheidener motorisierten Passat-Modellen veränderten Karosserie zusammen. Durch mehrere Verstärkungen an neuralgischen Punkten wurde der "Käfig" des Fahrzeugs sehr verwindungssteif und damit spürbar solide.

Innenansicht: Echtholz-Dekor und Leder

Innenansicht: Echtholz-Dekor und Leder

Für das Innenraumdesign gilt, was bereits am Äußeren bemängelt wurde: Es fehlt der Pfiff. Was man VW allerdings nicht vorwerfen kann ist, dass an den Materialien gespart wurde. Die Kunststoffoberflächen sehen nach mehr aus, es gibt diverse Chromleisten und Nussbaum-Echtholz-Dekor an der Mittelkonsole und an Teilen der Türverkleidung. Lobenswert sind auch die von einer Leder-Stoff-Kombination überzogenen Sitze. Sie bieten guten Seitenhalt und lassen sich sinnvoll einstellen. Ergänzt wird der luxuriös ausstaffierte Innenraum durch Lederlenkrad, Lederschaltknauf, Leder-Handbremsgriff sowie Edelveloursfußmatten und Sicherheitsgurten in der Farbe der Sitzbezüge. Was das Platzangebot betrifft, so herrscht in der Limousine eine auf den hinteren Plätzen etwas eingeschränkte Kopffreiheit für normalgewachsene Mitteleuropäer. In der Kombiversion namens Variant existiert dieses Manko nicht.

Klimaanlage, Multifunktionsanzeige und eine Diebstahlwarnanlage, die den Innenraum überwacht, gehören zur Serienausstattung. Ein Tempomat (plus 332 Mark), eine Lederausstattung inklusive Recaro-Sportsitzen (plus 7803 Mark), ein Multifunktionslenkrad (plus 528 Mark) oder Nebelscheinwerfer (plus 269 Mark) müssen extra bestellt und bezahlt werden. In der Liste der Sonderausstattungen für den Passat W8 standen ursprünglich auch die Kopfairbags.

Fahrzeugschein
Hersteller: VW
Typ: Passat W8
Karosserie: Limousine
Motor: W-Achtzylinder-Benziner
Hubraum: 3.999 ccm
Leistung: 275 PS (202 kW)
Drehmoment: 370 Nm
Von 0 auf 100: 6,5 s
Höchstgeschw.: 250 km/h
Verbrauch (ECE): 13,1 Liter
CO2-Ausstoß: 310 g/km
Kraftstoff: Super
Kofferraum: 400 Liter
Preis: 40.700 EUR
Als Ferdinand Piëch dies entdeckte, trommelte er noch während der Fahrzeugpräsentation auf dem Gletscher seine Vorstandskollegen Winterkorn (Entwicklung) und Büchelhofer (Vertrieb) Zusammen, und das Trio entschied: Die Kopfairbags werden wie die beiden Front- und Seitenairbags ab Werk installiert und zwar ohne Aufpreis. In der Oberklasse wie in großer Höhe, das wissen die Herren, kann von solchen Kleinigkeiten der Erfolg eines Unternehmens abhängen.



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