Autogramm Peugeot RCZ-R Prinz Löwenherz

Bislang war der Peugeot RCZ einfach ein fesches Coupé. Doch jetzt macht ein 270 PS starker, neuer Motor den Audi-TT-Konkurrenten aus Frankreich zum stärksten Serienmodell in der Peugeot-Geschichte. Biss hat der Löwe jetzt genug - leider fehlen die Krallen.

Peugeot

Der erste Eindruck: Ein Athlet, kein Angeber - so präsentiert sich die neue R-Version des Peugeot RCZ bei der ersten Begegnung. Ja, das Coupé hat jetzt einen fest stehenden Heckspoiler und die ohnehin markant modellierten Kotflügel sind noch etwas weiter ausgestellt. Doch peinliches PS-Posing haben sich die Peugeot-Designer verkniffen. Schön, wenn man auch weiter die elegante Form und die klare Linie des Coupés genießen möchte. Schade, falls man mit dem Auto unbedingt auffallen will. Andererseits: Mit bislang 1000 Zulassungen in diesem Jahr ist der RCZ hierzulande so selten, dass ihm auch ohne Bodybuilding die Blicke sicher sind.

Das sagt der Hersteller: Im Motorsport hat der RCZ bereits die Muskeln spielen lassen und zahlreiche Erfolge eingefahren. "Die Rennsiege und die Begeisterung für dieses Auto verlangten einfach nach einer Reaktion", sagt Peugeot-Sportchef Bruno Famin. "Da lag eine Top-Version mit dem Knowhow aus dem Motorsport quasi auf der Hand." Ganz nebenbei haben Monsieur Famin und seine Truppe auch noch einen Rekord gebrochen. Rennfahrzeuge wie zuletzt etwa der 208 T16 für den Gipfelsturm am Pikes Peak kommen zwar auf 875 PS und mehr, doch mit einer Leistung von 270 PS ist der RCZ-R das stärkste Serienmodell in der bisherigen Geschichte der Marke Peugeot.

Das ist uns aufgefallen: Der RCZ-R brüllt wie ein Löwe und hat auch entsprechend viel Biss. Doch wie man weiß, sind dicke Muskeln nicht alles. Auf einer geraden und vor allem trockenen Straße schießt das Auto tatsächlich davon, als müsse er bei jeder Fahrt eine Bestzeit knacken. Immerhin mobilisiert der Motor 330 Nm Drehmoment, so dass der Sprint von 0 auf 100 in 5,9 Sekunden gelingt. Und als einer der ganz wenigen Peugeot-Typen der Modellgeschichte stürmt der RCZ-Z mit bis zu 250 km/h dahin. Sobald der Asphalt jedoch ein bisschen feucht oder gar frostig ist, wirkt das Coupé wie eine Katze, die mit ausgefahrenen Krallen über einen Marmorboden zu flitzen versucht - die Räder scharren nervös auf der Fahrbahn.

Auch in Kurven hat das Fahrwerk des Coupés mitunter Mühe mit einer präzisen Haltung. Zwar helfen ein spürbar strammeres Fahrwerk mit einem Zentimeter weniger Bodenfreiheit sowie ein Torsen-Differenzial, die Motorkraft ordentlich auf die Straße zu bringen. Doch das feine Zittern im Lenkrad und das nervöse Flackern der ESP-Leuchte zeugen davon, welche Kräfte hier tatsächlich am Werk sind. Dass man das ESP, anders als bei den meisten anderen Kompaktautos, komplett ausschalten und das fahrerische Schicksal selbst in die Hand nehmen kann, ist eine Versuchung, der man sich im RCZ-R nur mit reichlich Erfahrung oder bei perfekten Bedingungen hingeben sollte.

Das muss man wissen: Die R-Version krönt eine Baureihe, in der es bislang zwei Benziner mit 156 und 200 PS sowie einen 163 PS starken Diesel gibt. Für die 70 PS mehr Leistung im Vergleich zum bisherigen Topmodell muss man allerdings tief in die Tasche greifen. Bislang reichte die Preisliste von 28.600 bis 31.100 Euro, der RCZ-R allerdings kostet mindestens 41.500 Euro.

Dafür gebe es auch weit mehr als billiges Chip-Tuning, argumentieren die Peugeot-Ingenieure. Es wurde nämlich nicht einfach, wie bei solchen Sportmodellen oft üblich, die Motorelektronik gepimpt, sondern der Motor tatsächlich so überarbeitet, dass er mit dem 1,6-Liter-Basisaggregat aus der Kooperation mit BMW kaum mehr als die Grundform gemein hat. Die Kolben zum Beispiel werden ausgetauscht und sind in der R-Version aus der gleichen Aluminium-Legierung gefertigt, die in der Formel 1 verwendet wird. Die Pleuel sind für höhere Zylinderdrücke ausgelegt und nutzen polymerbeschichtete Lagerschalen, die frisch patentiert wurden und jetzt zum ersten Mal bei einem Serienmodell zum Einsatz kommen. Der Twinscroll-Lader ist eine Spezialanfertigung und jeder Motorblock erhält eine spezielle Wärmebehandlung, um seine Haltbarkeit zu erhöhen.

Mit der aufwändigen Konstruktion wollen Peugeot-Sportchef Famin und seine Truppe der Sorge um die Langlebigkeit des vergleichsweise kleinen Herzens für den großen Löwen begegnen. In Online-Foren ist die Skepsis jedenfalls erheblich, in etlichen Beiträgen heißt es, der getunte Vierzylinder werde keine 30 000 Kilometer halten. "200.000 Kilometer sind für diesen Motor kein Problem", kontert Peugeot.

Das werden wir nicht vergessen: Was von der Fahrt mit dem stärksten Serien-Peugeot der Firmengeschichte in Erinnerung bleibt, sind gleich ein paar Dinge. Die grandiose Klangkulisse zum Beispiel, die gute Sitzposition mit tollem Seitenhalt in neuen Sportsitzen, das griffige Lenkrad, jede Menge Fahrspaß - und dann der doppelte Schreck beim Blick auf den Bordcomputer. Zum einen wegen des Temposchnitts von mehr als 60 km/h nach einer knappen Stunde im dicht besiedelten Kölner Umland. Und zum anderen wegen des Verbrauchs, der näher an 20 Liter lag als am Normwert von 6,3 Liter. So bestätigt auch der RCZ-R die alte Regel: Turbo läuft, Turbo säuft.

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