Fahrbericht Piaggio X10 350 Executive: Je Roller, desto toller

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Rollertest Piaggio X10 350 Executive: Die Zukunft hat zwei Räder Fotos
Piaggio

Weil Autofahren in Metropolen zunehmend anstrengend wird, steigen viele Großstädter inzwischen auf Roller um. Das Zentrum der Scooteristen ist Paris. Dort stellte Piaggio seine neue Luxus-Baureihe X10 vor - mitten im Getümmel.

Auf der Pariser Avenue de Grande Armée kann man sie genau ausmachen: jene Verkehrsteilnehmer, denen es schlecht geht beim Fahren. Und jene, die mit dem Hoffnungsträger des innerstädtischen Individualverkehrs unterwegs sind.

Die Magistrale, abgehend vom Place Charles de Gaulle, verfügt über sechs Fahrspuren, die ständig dicht befahren werden. In Stoßzeiten käme der Verkehr auf der Avenue de Grande Armée völlig zum Erliegen, wenn die Pariser Motorrad- und Rollerfahrer nicht acht zusätzliche Fahrspuren eröffnen würden: in Schleichfahrt fahren sie rechts und links an den PKW vorbei, millimetergenau zwischen den stehenden Kolonnen.

Paris ist die Hauptstadt der Roller. Die Dichte ist dort noch höher als in Rom; für den italienischen Hersteller Piaggio ist der französische der wichtigste Exportmarkt. Schlüssig also, dass Piaggio seine neue Luxus-Rollerlinie X10 rund um Louvre und Champs-Elysées vorstellt. Die neue "Grand Tourismo"-Reihe wird in drei Motorversionen angeboten. In Paris hat Piaggio zunächst den X10 125 (15 PS) und den X10 350 Executive (33 PS) aufgeboten; der 41 PS starke X10 500 soll ab Ende Mai produziert werden.

Luxus für die Mittelklasse

Und sie spielen ihre Trümpfe gekonnt aus: maximale Beweglichkeit beim Durchstechen durch kleinen Lücken, rasante Beschleunigung aus dem Stand dank Automatikgetriebe und -kupplung, genügend Wetterschutz bei Wind und kurzen Schauern und ein viel geringerer Verbrauch als in einem Auto.

Diese Scooter-Essentials bieten natürlich auch Fahrzeuge in der Preisklasse bis 2000 Euro. Doch seit einigen Jahren geht der Trend bei den Käufern zum Luxus: elektronische Vollausstattung, ABS, quasi ein Wohnzimmer auf Rädern. Maxi-Scooter mit mehr als 600 Kubik, teilweise zwei Zylindern und mehr als 50 PS haben inzwischen Yamaha, Suzuki, Kymco und bald auch BMW im Angebot. Allerdings zu Preisen deutlich über 10.000 Euro.

Piaggio geht mit der X10-Palette einen anderen Weg. Der 125er glänzt mit einem niedrigen Preis (4890,00 Euro); dafür nimmt man bei Fahrleistung und Ausstattung Abstriche in Kauf. Die 350er- (6990,00 Euro) und 500er-Modelle (7790,00 Euro) kommen mit einem zu der Konkurrenz vergleichsweise schwachbrüstigen Einzylindermotor, aber dem vollen Executive-Luxuspaket.

Was ist ein Zylinder wert?

Frage: Sind ein zweiter Zylinder oder 20 PS mehr Leistung einen Mehrpreis von mehreren tausend Euro wert? Piaggio sagt Nein. Im Stadtverkehr und den üblichen Tagesfahrten zählt der Komfort; und der ist bei allen X10-Rollern enorm.

Der Windschutz ist selbst für große Fahrer bis 1,90 Meter völlig ausreichend. Beim 350er-Modell liegt der Radstand bei beachtlichen 1625 mm; die Sitzbank für zwei Passagiere misst gefühlte zwei Meter, ist bequem, aber nicht zu weich. Das Steißpolster für den Fahrer ist individuell einstellbar; die Sitzposition durch die endlos langen Fußablagen auch für den Sozius sehr variabel.

Stauraum ist ab Werk genügend vorhanden, unter die Sitzbank passen zwei Jet-Helme, Regenanzüge und eine Laptop-Tasche. Wer mehr Raum braucht, kann sich beim Zubehör bedienen; ein Topcase und ein Packtaschensystem sind ebenso im Angebot wie die in Paris offenbar obligatorische Knieschutzdecke. Die verwundert nicht mehr, wenn man die hohe Zahl von Anzug-, Krawatten- und Maßschuhträgern unter den Scooteristen realisiert hat.

Der Piaggio-Schwung

Motorisiert hat Piaggio den X10 350 mit einem neuen, angeblich sehr effizienten Einzylinder-Viertakt-Motor, der mit einem Automatikgetriebe gekoppelt ist. Der Verbrauch soll unter vier Litern liegen; testen konnten wir das in Paris nicht wirklich. Motor und Getriebe sind in einem konventionellen Chassis mit 15 Zoll- (vorne) und 13 Zoll-Rädern (hinten) verbaut, das von einer Teleskop-Gabel und zwei Stoßdämpfern gefedert wird. Nur das 500er-Modell hat im Heck ein einzelnes, elektronisch einstellbares Federbein.

Angenehm ist das ABS, fraglich die Traktionskontrolle, die trotz Pariser Kopfsteinpflaster und Straßenbahnschienen bei 33 PS wohl selten zum Einsatz kommt. Ein schönes Detail ist die mit dem Seitenständer gekoppelte Feststellbremse; das haben aber auch schon andere.

Ganz eigene Wege geht Piaggio beim Design: weiche Linien und massive, breite Hecks mit LED-Bändern. Die Front vermittelt mit ihrem breiten, geschwungenen Lichtband aus hoch angesetzten Blinkern und Dreifach-Scheinwerfern sofort: Ich bin ein großer, starker Roller - auch der 125er kommt so daher.

Der Schwung setzt sich fort an den Seiten. Dort mäandern als Ausdruck der neuen Piaggio-Formensprache jetzt zwei Wellen entlang der Verkleidung; unterstützt wird die Bewegung durch ein metallisches Insert-Band, das die Verkleidungen beim Umfallen stützen soll. Ob das stimmt, wird sich zeigen, ob die neuen Linien beim Publikum ankommen, ebenfalls. Mann muss sie nicht lieben, die X10, aber Technik und Preis stimmen.

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insgesamt 57 Beiträge
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1. Super, ...
varesino 05.05.2012
.... so ein halbes Smart-Cabrio. Maxi-Scooter, die SUV unter den Rollern. Weiter so. Varesino
2. Es könnte so schön sein...
Toebbens 05.05.2012
Die Beliebtheit von Rollern in anderen Ländern kommt nicht von ungefähr. Franzosen dürfen einen 125er-Roller mit ihrem Führerschein Klasse B fahren. Österreicher holen sich mit 6 Fahrstunden einen 111er-Eintrag und dürfen 125er fahren. Italiener, 111er-Eintrag, 125er. Spanier, B-Klasse, 125er. Hierzulande muß man einen aufwändigen und sündenteuren Motorradführerschein machen. Oder eine 50er fahren, mit der man selbst im Stadtverkehr ein rollendes Verkehrshindernis ist.
3. Exporting China's e-bike marvel
Ischi 05.05.2012
In 1998, China commenced mass-producing electric bikes indigenously with 56,000 units made by a dozen producers. The world that year produced 42 million motorbikes, almost all fuelled by fossil fuels. By 2010, China had 2,000-odd manufacturers producing 30 million electric units a year to feed a rapidly-growing annual global market of US$12 billion. Unlike other export-oriented industries, China consumes 80% of its own production. It has over 150 million electric bikes on the road, while Europe, with 18 million units, comes a distant second. India, with less than 500,000 vehicles produced, is low down on the list. Its big, global two-wheeler brands – Hero Motors, Bajaj Auto, Lohia Machines and TVS – have missed a trick. In 2010, the world produced 60 million motorbikes that ran on fossil fuel and 32 million electric and hybrid two-wheelers. With a near average yearly growth of 20%, electric-powered units will close the gap by 2015, with both categories expected to be producing 70 million units individually by that time. http://ecarvolution.com/item/exporting-china-s-e-bike-marvel.html
4. peinlich und ekelerregend
Hamberliner 05.05.2012
Zitat von sysopPiaggioWeil Autofahren in Metropolen zunehmend anstrengend wird, steigen viele Großstädter inzwischen auf Roller um. Das Zentrum der Scooteristen ist Paris. Dort stellte Piaggio seine neue Luxus-Baureihe X10 vor - mitten im Getümmel. http://www.spiegel.de/auto/fahrberichte/0,1518,831289,00.html
Kein Mensch, der nicht bereit ist, sein letztes bisschen Menschenwürde aufzugeben und der begriffen hat, warum ein Zweirad in Fahrt nicht umkippt und dass deshalb ein ausreichendes Massenträgheitsmoment der Räder, also ausreichender Durchmesser, erforderlich ist, wird ein Motorrad gegen so eine Peinlichkeit tauschen. Toilette bleibt Toilette, daran ändert eine De-Luxe-Ausstattung nichts.
5.
Thraex 05.05.2012
Zitat von sysopPiaggioWeil Autofahren in Metropolen zunehmend anstrengend wird, steigen viele Großstädter inzwischen auf Roller um. Das Zentrum der Scooteristen ist Paris. Dort stellte Piaggio seine neue Luxus-Baureihe X10 vor - mitten im Getümmel. http://www.spiegel.de/auto/fahrberichte/0,1518,831289,00.html
Roller sind schon cool, aber leider gibt es einige Nachteile, zumindest hierzulande. 1. Wie schon angesprochen dürfen hier die 50er nur 45 Kmh fahren, die normale Geschwindigkeit im Stadtrandgebiet liegt nunmal bei 50 kmh, im Schnitt wohl eher 52-55 kmh. 2. Kaum Parkplätze für Motorisierte 2 Räder, man würde ja meinen man kann den Roller einfach auf der Strasse oder ggf. bei den Fahrräder parken, falsch, man darf ausschließlich auf 2 Rad Parkplätzen parken, hab mal ein Ticket bekommen, weil ich eben neben Fahrrädern geparkt hatte, mal ganz im ernst, normale Roller sind kaum breiter als ein Rad. 3. Das schlimmste sind eigentlich die Diebstähle, wird ein Roller geklaut (und das passiert oft!) bewegt sich die Polizei nicht einen milimeter, so einen Diebstahl behandeln die wie einen Fahrradklau, Verfahren wird nach 2 Wochen eingestellt, das wars. Zudem werden Roller viel zu selten richtig kontrolliert, ich meine eben die Fahrgestellnummern oder die Motornummer. Wenn werden frisierte Roller kontrolliert, aber dann eben auch nur die unerlaubten Anbauteile, wie gesagt, Nummern nie! Hatte selbst mehrere Roller, zuletzt einen schönen Aerox R, fanden leider auch andere Schick, wie gesagt, Verfahren nach 2 Wochen eingestellt, Roller wurd nie wieder gesehen, aber mit Sicherheit bewegt mein Motor ein anderes Gestell .... Ich jedenfalls werde mir keinen neuen Roller Kaufen, ich kaufe mir, mit Ausnahme meines Autos, keine Verkehrsmittel mehr die ich nicht mit in meine Wohnung nehmen kann. Auf nen Segway hätte ich richtig lust, nur sind die Dinger unverhältnismäßig Teuer, obwohl das mittlerweile ne Uralttechnik ist, sicher könnte man die mittlerweile für 2000€ Neu anbieten, aber solange die 4000-6000€ Kosten, wird das nix mit der Massentauglichkeit, sehr schade!
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Schnellcheck
Piaggio X10 330

Das begeistert: Das Handling und die sänftenartige Ergonomie - die X10 ist eben ein Grand Tourismo.

Das fehlt: Die Elektro-Version mit 100 Kilometern Reichweite.

Das nervt: Bei allem Komfort - es fehlt die Navisteckdose im Cockpit.

Und sonst? Das verschwurbelte Design muss man mögen.
Fahrzeugschein
Hersteller: Piaggio
Typ: X10 350
Karosserie: Zweirad
Motor: Einzylinder-Viertakt
Getriebe: Stufenloses Automatikgetriebe
Hubraum: 330 ccm
Leistung: 33 PS
Drehmoment: 32 Nm
Höchstgeschw.: 140 km/h
Gewicht: 200 kg
Preis: 6.690 EUR


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