Auf der Pariser Avenue de Grande Armée kann man sie genau ausmachen: jene Verkehrsteilnehmer, denen es schlecht geht beim Fahren. Und jene, die mit dem Hoffnungsträger des innerstädtischen Individualverkehrs unterwegs sind.
Die Magistrale, abgehend vom Place Charles de Gaulle, verfügt über sechs Fahrspuren, die ständig dicht befahren werden. In Stoßzeiten käme der Verkehr auf der Avenue de Grande Armée völlig zum Erliegen, wenn die Pariser Motorrad- und Rollerfahrer nicht acht zusätzliche Fahrspuren eröffnen würden: in Schleichfahrt fahren sie rechts und links an den PKW vorbei, millimetergenau zwischen den stehenden Kolonnen.
Paris ist die Hauptstadt der Roller. Die Dichte ist dort noch höher als in Rom; für den italienischen Hersteller Piaggio ist der französische der wichtigste Exportmarkt. Schlüssig also, dass Piaggio seine neue Luxus-Rollerlinie X10 rund um Louvre und Champs-Elysées vorstellt. Die neue "Grand Tourismo"-Reihe wird in drei Motorversionen angeboten. In Paris hat Piaggio zunächst den X10 125 (15 PS) und den X10 350 Executive (33 PS) aufgeboten; der 41 PS starke X10 500 soll ab Ende Mai produziert werden.
Luxus für die Mittelklasse
Und sie spielen ihre Trümpfe gekonnt aus: maximale Beweglichkeit beim Durchstechen durch kleinen Lücken, rasante Beschleunigung aus dem Stand dank Automatikgetriebe und -kupplung, genügend Wetterschutz bei Wind und kurzen Schauern und ein viel geringerer Verbrauch als in einem Auto.
Diese Scooter-Essentials bieten natürlich auch Fahrzeuge in der Preisklasse bis 2000 Euro. Doch seit einigen Jahren geht der Trend bei den Käufern zum Luxus: elektronische Vollausstattung, ABS, quasi ein Wohnzimmer auf Rädern. Maxi-Scooter mit mehr als 600 Kubik, teilweise zwei Zylindern und mehr als 50 PS haben inzwischen Yamaha, Suzuki, Kymco und bald auch BMW im Angebot. Allerdings zu Preisen deutlich über 10.000 Euro.
Piaggio geht mit der X10-Palette einen anderen Weg. Der 125er glänzt mit einem niedrigen Preis (4890,00 Euro); dafür nimmt man bei Fahrleistung und Ausstattung Abstriche in Kauf. Die 350er- (6990,00 Euro) und 500er-Modelle (7790,00 Euro) kommen mit einem zu der Konkurrenz vergleichsweise schwachbrüstigen Einzylindermotor, aber dem vollen Executive-Luxuspaket.
Was ist ein Zylinder wert?
Frage: Sind ein zweiter Zylinder oder 20 PS mehr Leistung einen Mehrpreis von mehreren tausend Euro wert? Piaggio sagt Nein. Im Stadtverkehr und den üblichen Tagesfahrten zählt der Komfort; und der ist bei allen X10-Rollern enorm.
Der Windschutz ist selbst für große Fahrer bis 1,90 Meter völlig ausreichend. Beim 350er-Modell liegt der Radstand bei beachtlichen 1625 mm; die Sitzbank für zwei Passagiere misst gefühlte zwei Meter, ist bequem, aber nicht zu weich. Das Steißpolster für den Fahrer ist individuell einstellbar; die Sitzposition durch die endlos langen Fußablagen auch für den Sozius sehr variabel.
Stauraum ist ab Werk genügend vorhanden, unter die Sitzbank passen zwei Jet-Helme, Regenanzüge und eine Laptop-Tasche. Wer mehr Raum braucht, kann sich beim Zubehör bedienen; ein Topcase und ein Packtaschensystem sind ebenso im Angebot wie die in Paris offenbar obligatorische Knieschutzdecke. Die verwundert nicht mehr, wenn man die hohe Zahl von Anzug-, Krawatten- und Maßschuhträgern unter den Scooteristen realisiert hat.
Der Piaggio-Schwung
Motorisiert hat Piaggio den X10 350 mit einem neuen, angeblich sehr effizienten Einzylinder-Viertakt-Motor, der mit einem Automatikgetriebe gekoppelt ist. Der Verbrauch soll unter vier Litern liegen; testen konnten wir das in Paris nicht wirklich. Motor und Getriebe sind in einem konventionellen Chassis mit 15 Zoll- (vorne) und 13 Zoll-Rädern (hinten) verbaut, das von einer Teleskop-Gabel und zwei Stoßdämpfern gefedert wird. Nur das 500er-Modell hat im Heck ein einzelnes, elektronisch einstellbares Federbein.
Angenehm ist das ABS, fraglich die Traktionskontrolle, die trotz Pariser Kopfsteinpflaster und Straßenbahnschienen bei 33 PS wohl selten zum Einsatz kommt. Ein schönes Detail ist die mit dem Seitenständer gekoppelte Feststellbremse; das haben aber auch schon andere.
Ganz eigene Wege geht Piaggio beim Design: weiche Linien und massive, breite Hecks mit LED-Bändern. Die Front vermittelt mit ihrem breiten, geschwungenen Lichtband aus hoch angesetzten Blinkern und Dreifach-Scheinwerfern sofort: Ich bin ein großer, starker Roller - auch der 125er kommt so daher.
Der Schwung setzt sich fort an den Seiten. Dort mäandern als Ausdruck der neuen Piaggio-Formensprache jetzt zwei Wellen entlang der Verkleidung; unterstützt wird die Bewegung durch ein metallisches Insert-Band, das die Verkleidungen beim Umfallen stützen soll. Ob das stimmt, wird sich zeigen, ob die neuen Linien beim Publikum ankommen, ebenfalls. Mann muss sie nicht lieben, die X10, aber Technik und Preis stimmen.
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