Porsche 911 GT2 Nur 33 Sekunden

Es gibt nur wenige Autos, für die der Hersteller den Messwert von 0 bis 300 km/h angibt. Der neue Porsche GT2 ist solch ein Fahrzeug. Nur 33 Sekunden vergehen im neuen und stärksten Modell der 911er-Familie, bis Mensch und Maschine Tempo 300 erreichen.

Von Jürgen Pander


Es gibt sie noch, die guten alten Vollgasfahrer. Ablesen lässt sich das am Erfolg der Porsche-911-Modelle mit dem Namenszusatz GT2. Bei diesen Autos handelt es sich um straßentaugliche Rennfahrzeuge oder rundstreckenfähige Sportwagen - ganz wie man will. Seit 1995 bietet Porsche den GT2 an. Von der ersten Generation (430 PS) wurden 200 Autos verkauft; von der zweiten Generation (462 PS) waren es schon 1300.

Im November rollt die dritte Generation mit 530 PS an den Start, und die Zuffenhausener kokettieren, sie hofften "wieder auf 1300 Exemplare". Aber wer die Kalkulationen des Hauses kennt, der ahnt, dass es deutlich mehr werden dürften. "Der Markt für Rundstrecken-Sportwagen wächst mit den zunehmenden Restriktionen auf öffentlichen Straßen", heißt es bei Porsche. In Deutschland, wo etwa ein Drittel der Extrem-911er verkauft werden, kostet das neue Modell 189.496 Euro. Die Kunden erhalten für diesen Betrag ein Auto, das in 3,7 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 beschleunigt und das eine Höchstgeschwindigkeit von 329 km/h erreicht. Und zwar ziemlich mühelos, wie eine Fahrdemonstration von Ex-Rallye-Champion Walter Röhrl auf dem ehemaligen Fliegerhorst Ahlhorn beweist.

Während der 3,6-Liter- Sechszylinder-Boxermotor und die beiden Turbolader im Heck unter brachialem Getöse maximalen Schub entwickeln, erklärt der Profi-Schnellfahrer Röhrl, wie perfekt austariert er das Fahrwerk findet. Wie erstklassig der Geradeauslauf sei. Und dass man nur bei Nässe etwas vorsichtig sein müsse, denn 530 PS verteilt auf nur zwei Gummiwalzen seien eben kein Pappenstiel.

Nur kurz unterbricht Röhrl den kleinen fahrdynamischen Exkurs, um mitzuteilen, dass gerade die 300-km/h-Marke durchbrochen worden sei. Und seltsam: Schon in der zweiten Runde über die weitläufigen Pisten hat man sich schon fast an das irre Tempo gewöhnt. Das Gefühl ähnelt dem in einem normalen Pkw bei 170 km/h.

Keine nervösen Zuckungen bei Tempo 70

Wie gut das Auto als Rennwagen ist, können wir nicht wirklich beurteilen. Sondern nur erahnen anhand der Rundenzeit, die Röhrl mit einem serienmäßigen GT2 auf der Nürburgring-Nordschleife erzielte: 7 Minuten und 32 Sekunden. Dass der neue Porsche aber auch die alltäglichen Disziplinen beherrscht, ließ sich durchaus ermitteln.

Ob flott über Land, mit Tempo 70 über ruppige Nebenstraßen oder mit 50 durch hübsche Ortschaften im Oldenburger Land - das Auto fährt sich in solchen Situationen völlig normal. Kein nervöses Keifen, kein heiseres Fauchen, nur weil man an einem Stoppschild wieder anfährt. Das Imponiergehabe manch anderer Supersportler ist dem GT2 fremd - wenn man mal vom geschärften Bug mit den drei großen Luftöffnungen und dem imposanten Heckflügel absieht.

1440 Kilogramm wiegt das Auto - und ist damit um 145 Kilogramm leichter als der 911 Turbo, von dem der GT2 weitgehend abgleitet ist. Die Gewichtsersparnis resultiert zum größten Teil aus dem Verzicht auf einen Allradantrieb (mehr als 50 Kilo Gewichtsersparnis). Weiter Pfunde spart Porsche durch die serienmäßige Keramikbremse (minus 20 Kilo), durch zwei Kohle-Glasfaser-Sitze (minus 18 Kilo), und durch eine Titan-Auspuffanlage (minus 9 Kilo). Außerdem gibt es im GT2 keine Alibi-Rücksitzbank, weniger Dämmstoffe und leichtere Fahrwerkskomponenten.

Der Trick: Kühlung durch Druckabfall

Während die Ingenieure Kilo um Kilo abspeckten, packten sie gleichzeitig PS um PS drauf. Der GT2 entwickelt 50 PS mehr als der normale 911 Turbo, was an geänderten Turboladern liegt sowie an einer neuen, so genannten Expansions-Sauganlage. "Das System ist eine Weltneuheit", sagt der technische Projektleiter Karsten Schebsdat. Vereinfacht gesagt funktioniert es so: Weil die Verteilerrohre verlängert wurden, herrscht dort nun ein geringerer Druck. Das ist eigentlich nicht erwünscht, da aber die Luft sich durch den Druckabfall von zirka 180 auf 160 Grad abkühlt, ist die Verbrennung wesentlich effizienter und die Leistung deutlich höher. "Durch die neue Saugrohranlage sparen wir unter Volllast zirka 15 Prozent Kraftstoff", sagt Schebsdat.

Im Schnitt schluckt der Porsche 911 GT2 nach Werkangaben 12,5 Liter Superplus je 100 Kilometer. Das ist eine ganze Menge, verglichen mit den Fahrleistungen jedoch erstaunlich. Es dürfte kaum ein schnellers Auto geben, das zugleich so sparsam ist. Wer den Wagen als Rennwagen nutzt, den wird das kaum interessieren. Stattdessen dürfte sich diese Klientel über das ohne Aufpreis erhältliche Clubsport-Paket freuen, das feuerhemmenden Stoff auf den Schalensitzen, einen Überrollbügel im Heck, einen Sechspunkt-Renngurt und einen Feuerlöscher umfasst.

Porsche bleibt mit dem GT2 weiter auf Vollgaskurs. Und zwar auch in finanzieller Hinsicht. Der Wagen ist bereits die 15. Variation des 911er-Themas - mehr lässt sich aus einer Baureihe kaum herausholen.



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