Porsche 911 GT3 Adrenalinschub im Brutalo-Sportler

Der Porsche 911 ist ein Auto für Angeber und Warmduscher? Wie wär's dann mit dem neuen GT3? Die verschärfte Variante des Klassikers ist dem Rennsport so nahe wie kaum ein anderer Porsche mit Straßenzulassung. SPIEGEL ONLINE war mit der Sportskanone bereits unterwegs.


Technologietransfer von der Rennstrecke auf die Straße - das ist die alte Mär des Marketings, mit der Autohersteller die hohen Budgets für die Rennabteilungen rechtfertigen und zugleich die horrenden Preise für Sportwagen. Meist allerdings steckt nicht mehr dahinter als Wunschdenken. Ganz gleich ob es sich um AMG, die M GmbH, Jaguar oder Maserati handelt: auf Rundkursen sieht man Kundenautos nur selten.

Mit dem Porsche GT3 verhält sich die Sache ein wenig anders. Das Auto ist nicht nur die Basis für das meistgebaute Rennauto der Welt, sondern auch in privater Hand gehört der sportlichste Spross der 911er-Familie zu den Dauergästen auf Nordschleife und Co. - behauptet zumindest Porsche-Sprecher Hermann-Josef Stappen. "Knapp drei Viertel unserer GT3-Kunden sind mit ihrem Auto regelmäßig auf der Rennstrecke unterwegs." Wenn das stimmt, ist da eine ordentliche Flotte auf der Ideallinie unterwegs. Schließlich hat Porsche vom bislang aktuellen GT3-Modell bereits 5000 Exemplare ausgeliefert.

Nun geht die Hatz in eine neue Runde, denn nachdem die Schwaben das Basismodell 911 überarbeitet haben, debütiert nun der ebenso geschärfte und optimierte GT3. Doppelkupplung und die Benzindirekteinspritzung, die der 911er erhielt, bleiben dem Renner zwar versagt. Doch wenn das Auto ab Ende Mai zu einem Preis ab 116.947 Euro aus der Boxengasse jagt, ist es wiederum leistungsstärker geworden. Und obendrein wurde das Design geschliffen und das Fahrwerk verbessert.

Hubraumvergrößerung für mehr Motorleistung

"Das Herz des neuen GT3 ist der Motor", sagt Projektleiter Andreas Preuninger wenig überraschend. Es handelt sich, wie könnte es anders sein, um einen Sechszylinder-Boxer, dessen Hubraum um 0,2 auf 3,8 Liter aufgebohrt wurde. Weil die Entwickler auch sonst noch ein paar Feinheiten veränderten und eine neue Auspuffanlage einbauten, steigt die Leistung des Aggregats um 20 auf jetzt 435 PS, und das maximale Drehmoment liegt nun bei 430 Nm. Zudem haben auch die Porsche-Ingenieure über eine Verbrauchssenkung nachgedacht und können nun einen Motor präsentieren, der zumindest 0,2 Liter weniger verfeuert als der Vorgängertyp. Der Normwert liegt damit bei 12,6 Litern - ist aber nach wie vor graue Theorie.

Wer, wie oben angedeutet, das Auto auf der Rennstrecke bewegt, muss mit sehr viel höheren Verbrauchswerten kalkulieren. Und so ist es nur konsequent, dass Porsche den GT3 nicht nur mit dem standardmäßigen 67-Liter-Tank ausliefert, sondern auf Wunsch und ohne Aufpreis stattdessen einen 90 Liter fassenden Langstreckentank installiert. So können die Jäger der Bestzeit zwischen den Boxenstopps länger auf der Piste bleiben.

Neue Aerodynamik, überarbeitetes Fahrwerk

Der neue Motor sorgt für atemberaubende Längsdynamik. "Mindestens ebenso wichtig ist für Porsche die Querdynamik", sagt Projektleiter Preuninger. Denn so beeindruckend der Spurt auf einer langen Geraden auch sein mag, am meisten Spaß macht der GT3 in Kurven. Deshalb hat Porsche dank des überarbeiten Aerodynamik-Pakets den Abtrieb glatt verdoppelt, das Fahrwerk neu justiert und den Wagen so abgestimmt, dass er förmlich auf der Straße klebt.

Auf der Autobahn jedoch ist der GT3 eine Zumutung: Viel zu laut, zu ungehobelt und zu unkomfortabel donnert er meist über die linke Spur. Doch im engen Kreisel der Ausfahrt kommt Rennstrecken-Feeling auf. Und kaum geht es messerscharf zum Beispiel über einsame Landstraßen auf der Schwäbischen Alb, ist alles wieder gut. Adrenalin flutet das Gehirn, der Puls steigt mit der Drehzahl. Der rote Bereich beginnt übrigens erst bei 8500 Touren. In 4,1 Sekunden schießt der GT3 auf Tempo 100, bis 140 km/h kann man im zweiten Gang beschleunigen. Jeder weitere Gang klackt so präzise ins Getriebe wie die Mechanik einer Schweizer Uhr. Dazu dröhnt es aus dem Heck derart aggressiv, dass man sich tatsächlich auf der Rennstrecke wähnt. Wer es darauf anlegt und eine entsprechend freie Strecke auskundschaftet, kann mit dem Auto ein Spitzentempo von 312 km/h erreichen. Das aber ist dann tatsächlich etwas für Könner auf abgesperrten Pisten.

Vorne lässt sich der Wagen anheben - fürs Parkhaus

So gern Porsche den GT3 als Auto für die Rennstrecke anpreist, ist der Wagen wohl doch die meiste Zeit im alltäglichen Straßenverkehr unterwegs. Obwohl die Schwaben mit engen Sitzen, einem Alcantara-Kranz ums kleine Lenkrad oder reichlich Karbon die Illusion vom Profi-Sportler wahren, nehmen sie Rücksicht auf die solventen Poser. Erstmals können Parkhausnutzer den Wagen nun auf Knopfdruck vorn um drei Zentimeter anheben, um so gefahrlos Rampen zu erklimmen oder über Temposchwellen in der Tempo-30-Zone zu hoppeln.

Und wo das eigene Können am Volant allein nicht ausreicht, stehen Möchtegern-Rasern nun erstmals im GT3 die Schutzengel des elektronischen Stabilitätsprogramms zur Seite. Zwar lasse sich das System stufenweise und schließlich auch komplett abschalten, wenn es abseits öffentlicher Straßen mal wieder etwas quer gehen solle, betont Projektleiter Preuninger. Sollten Puristen das neue ESP als Verweichlichung schmähen, hat sich Breuninger ein unschlagbares Argument zurechtgelegt "Sogar Profis sind auf Rennstrecken bei trockenen Verhältnissen mit aktivem ESP nicht langsamer als ohne."



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