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Porsche 911 GT3: Außer Rand und Hand

Von Kai Kolwitz

Porsche 911 GT3: Automatisch schneller Fotos
Porsche

Beim neuen GT3 peitschen die Drehzahlen extrem hoch, er ist leicht und sieht aggressiv aus. Also alles wie gehabt bei dieser brachialen Elfer-Variante? Im Gegenteil. Vor allem ein Detail stellt Porsche-Puristen auf eine harte Probe.

Der erste Eindruck: Übersehen wird man in diesem Auto garantiert nicht. Dafür sorgen allein schon der mächtige Heckflügel und die breiten 305er-Walzen auf der Hinterachse. Aber nicht nur deshalb ist der Porsche GT3 noch auffälliger als ein normaler 911er: Denn gegenüber dem Basismodell liegt er um drei Zentimeter tiefer auf der Straße, er ist breiter und durch die drei großen Lufteinlässe an der Front wirkt er um einiges aggressiver.

Das sagt der Hersteller: "Jede Generation braucht eine Revolution" hat die Zuffenhausener Marketingabteilung um den neuen GT3 herumgetextet. Bei diesem Auto trifft das tatsächlich zu - aber es ist fraglich, ob Porsche-Puristen davon begeistert sind: Denn statt einer Handschaltung gibt es den 911 GT3 nun standardmäßig mit einem automatisierten PDK-Getriebe.

Das ist vor allem deshalb so bemerkenswert, weil der GT3 unter den 911-Varianten immer die Rolle des Rennwagens alter Schule eingenommen hat: wenig Elektronik, wenig Chi-Chi, dafür viel pures Fahrerlebnis und möglichst großen Spielraum für den Fahrer.

Das neue Getriebe wird den Kunden aber mit einem simplen Argument schmackhaft gemacht: Es ist unschlagbar schnell. 100 Millisekunden braucht es laut Porsche zum Hochschalten, diese Zeit dürfte von Menschenhand nicht zu unterbieten sein. Außerdem lassen die Ingenieure für den manuellen Gangwechsel zwei Hintertüren offen, entweder per Wippen am Steuer oder per Schalthebel.

Aber im Jahr 2013 führt an der automatischen Unterstützung offenbar kein Weg mehr vorbei. Denn der GT3 hat neben dem erwähnten Getriebe auch noch eine aktive Hinterachslenkung, die die Hinterräder anhand einer elektronischen Regelung um 1,5 Grad einschlagen kann. Sie soll den gewachsenen Radstand kompensieren und den Wagen agiler um die Kurven gehen lassen. Gleichzeitig setzen die Ingenieure bei der Hinterachs-Quersperre, die das Antriebsmoment zwischen den Rädern verteilt, auf Elektronik statt wie bisher auf Mechanik.

Das ist uns aufgefallen: Der Sound ist schrill-kreischend, und die Beschleunigung ist mit "spektakulär" noch ziemlich unzureichend beschrieben. Der Sechszylinder des 911 GT3 schöpft seine Kraft dabei aus hohen Drehzahlen. Erst bei 9000 Umdrehungen ist das Limit erreicht, die maximale Leistung liegt jenseits der 8000.

Am Steuer lassen sich diese Zahlen so erleben: Der Wagen dreht schier endlos, er zieht dabei brachial durch, untermalt vom immer lauter brüllenden Boxer-Motor im Heck. Wenn der 911 Turbo der Kugelstoßer unter den Elfern ist, dann ist der GT3 der 100-Meter-Sprinter. Für einen Blick auf den Drehzahlmesser bleibt dabei kaum Zeit - in 3,5 Sekunden rast das Auto von 0 auf 100 km/h.

Trotz des wilden Antriebs lässt sich der Porsche präzise um die Ecken lenken, ohne von der Spur zu rücken. Und gerade wenn man richtig aufs Gas steigt und denkt, jetzt geht's nicht mehr zügiger, belehrt der Wagen den Fahrer eines Besseren: Doch, es geht.

Dabei ist der GT3 zwar straffer abgestimmt als ein normaler 911, und jeder Gullydeckel schickt einen Gruß an die Wirbelsäule - aber ihn wirklich knüppelhart zu nennen, wäre übertrieben. Er bietet gerade noch so viel Komfort, um damit auch mal zur Arbeit zu düsen.

Das muss man wissen: Der Porsche 911 GT3 kommt im August auf den Markt, mit 475 PS Leistung, 3,8 Liter Hubraum und 440 Newtonmeter maximalem Drehmoment. In einem Supersportwagen-Autoquartett ist das zwischen all den Ferraris, Bugattis, Lamborghinis gar nicht so spektakulär - und auch der Porsche 911 Turbo hat mehr Leistung.

Aber: Der GT3 ist leichter als der Turbo. Er wiegt nur 1430 Kilogramm, unter anderem weil Türen, Hauben und Dach aus Aluminium sind. Trotzdem verbraucht er mehr als der stärkere und schwerere Bruder - das liegt zum einen am Vorteil des Turboantriebs, bei dem die Leistung gezielter abgerufen werden kann als bei einem Saugermotor. Zum anderen ist der GT3 laut den Ingenieuren aber auch explizit für die Rennstrecke abgestimmt. So ist zum Beispiel die Übersetzung um rund 15 Prozent kürzer als bei allen anderen 911er-Modellen und damit die Drehzahl auch bei niedrigen Geschwindigkeiten vergleichsweise hoch.

Doch der Verbrauch spielt bei Autos dieser Machart nun mal eine Nebenrolle. Ebenso der Preis. Für den Wagen verlangt Porsche exakt 137.303 Euro. Zum Vergleich: Ein 911 Carrera kostet etwa 90.000 Euro, ein 911 Turbo etwa 160.000 Euro. Besonders ambitionierte Kunden erhalten beim GT3 auf Wunsch eine Gratiszugabe - Überrollkäfig und Sechs-Punkte-Gurt sind kostenlos, ganz im Sinne der Rennpisten-Tauglichkeit.

Das werden wir nicht vergessen: Die Tritte ins Kreuz von der brutalen Beschleunigung und Bremsleistung, die man auch abends im Bett noch zu spüren glaubt. Das Kreischen des Motors bei 9000 Umdrehungen. Und die Demut, die dieses Auto lehrt - um den GT3 wirklich in den Grenzbereich zu bringen, muss man erst einmal die eigenen Ängste überwinden.

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1.
frutsch 24.07.2013
Zitiat: "Und die Demut, die dieses Auto lehrt - um den GT3 wirklich in den Grenzbereich zu bringen, muss man erst einmal die eigenen Ängste überwinden." Und trotzdem ist es nur eine Frage der Zeit, bis das erste völlig demolierte Wrack am Nürburgring aufgeladen wird und sein Möchtegern-Rennfahrer noch davon überzeugt ist, dass die Kaskoversicherung den Schaden übernimmt...
2.
Bruder Theodor 24.07.2013
Als Nächstes kommen Carbon-Karosse und Hydropneumatik.
3.
Indigo76 24.07.2013
Zitat von sysopPorscheBeim neuen GT3 peitschen die Drehzahlen extrem hoch, er ist leicht und sieht aggressiv aus. Also alles wie gehabt bei dieser brachialen Elfer-Variante? Im Gegenteil. Vor allem ein Detail stellt Porsche-Puristen auf eine harte Probe. http://www.spiegel.de/auto/fahrberichte/porsche-911-gt3-sportwagen-klassiker-fuer-puristen-a-912594.html
Der Autor bekommt geradezu einen Orgasmus wegen eines Umweltsünders, der nichtmal auf deutschen Autobahnen ausgefahren werden kann. Schade, wenn man so im zwanzigsten Jahrhundert zurückgeblieben ist. Sportwagen mit knapp 500PS und dem Verbrauch eines Lastwagens sollten ausschließlich für den Motorsport zugelassen sein und für private Nutzung verboten werden.
4. Glaub ich nicht
Alfons Emsig 24.07.2013
Zitat von sysopPorscheBeim neuen GT3 peitschen die Drehzahlen extrem hoch, er ist leicht und sieht aggressiv aus. Also alles wie gehabt bei dieser brachialen Elfer-Variante? Im Gegenteil. Vor allem ein Detail stellt Porsche-Puristen auf eine harte Probe. http://www.spiegel.de/auto/fahrberichte/porsche-911-gt3-sportwagen-klassiker-fuer-puristen-a-912594.html
Wer sich diesen faszinierenden Wagen leisten kann, braucht auch nicht mehr arbeiten zu gehen. Ich hoffe nur, dass er stets von kundigen Händen gelenkt wird.
5. ne ne
teilzeitmutti 24.07.2013
Der GT3 hat nie die "Rolle des Rennwagens alter Schule" unter den 911ern eingenommen. Er ist und war immer der Rennwagen unter den 911ern, nicht mehr nicht weniger. Zu den Verbräuchen: In der Praxis dürfte der GT3 sogar sparsamer sein als der Turbo.
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Fahrzeugschein
Hersteller: Porsche
Typ: 911 GT3 (2013)
Karosserie: Sportwagen/Coupé
Motor: Wassergekühlter Sechszylinder-Boxermotor
Getriebe: Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe
Antrieb: Heck
Hubraum: 3.799 ccm
Leistung: 475 PS (349 kW)
Drehmoment: 440 Nm
Von 0 auf 100: 3,5 s
Höchstgeschw.: 315 km/h
Verbrauch (ECE): 12,4 Liter
CO2-Ausstoß: 289 g/km
Gewicht: 1.430 kg
Maße: 4545 / 1269 / 1852
Preis: 137.303 EUR

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