Porsche Cayenne als Plug-in-Hybrid Zieh Leine, Diesel!

Als Alternative zum umstrittenen Diesel setzt die VW-Tochter Porsche auf Plug-in-Technologie, unter anderem beim neuen Cayenne. Tatsächlich hofft eine ganze Branche auf das Stromkabel als Rettungsleine.

Porsche

Wenn Stefan Feeg auf die Verkaufszahlen des Porsche Panamera schaut, schüttelt er ungläubig den Kopf. Im Traum hätte der Porsche-Manager nicht gedacht, dass sich bei der Luxuslimousine in Europa 60 Prozent, in Ländern wie Belgien oder Norwegen sogar 90 Prozent, der Käufer für eine Hybrid-Variante entscheiden.

So sehr ihn der Erfolg des Panamera-Hybrid auch freut, er setzt den Ingenieur auch unter Druck. Im Unternehmen verantwortet er nämlich nicht die Panamera-, sondern die Cayenne-Baureihe. Mit Verbrauchswerten von 9,0 Litern aufwärts ist der feiste Geländewagen Gift für die CO2-Bilanz des Herstellers. Vor dem Abgasskandal hieß die Antwort von Porsche auf das CO2-Problem: Diesel. Doch seitdem bekannt wurde, dass im VW-Konzern bei Abgastests betrogen wurde, zog sich Porsche vorerst aus dem Geschäft mit Selbstzündern zurück. Bei der VW-Sportwagentochter waren Fahrzeuge aus allen Modellreihen, die mit Diesel verfügbar waren, bei Abgastests auffällig geworden.

Fotostrecke

14  Bilder
Porsche Cayenne als Plug-in-Hybrid: Der mit dem Strom schwimmt

Plug-in-Hybride werden da quasi zur Rettungsleine, um teuren Strafzahlungen oder drohenden Fahrverboten in den Städten zu entgehen. Bei Nichteinhaltung der CO2-Grenzwerte in der EU drohen empfindliche Bußen, bei zu hohen Stickoxidwerten hat das Bundesverwaltungsgericht Dieselfahrverbote für zulässig erklärt.

Plug-in als Rettung?

Mit diesem Problem steht der Sportwagenersteller nicht allein da. Zwar steckt Porsche bisher tiefer in der Abgasaffäre als andere Hersteller und kann überhaupt nicht auf den Diesel zum Verbessern des Flottenverbrauchs zählen. Doch auch bei der Konkurrenz geht der Absatz von Dieselfahrzeugen zurück.

Da erscheint der Plug-in-Hybrid gleicht doppelt als Rettung:

  • Für die CO2-Bilanz, weil das Technologie-Paket aus Verbrenner, E-Motor und einem Pufferspeicher für bis zu 50 Kilometern rein elektrischer Fahrt von einer völlig realitätsfremden Norm begünstigt wird. Selbst Autos wie der 680 PS starke und 310 km/h schnelle Porsche Panamera Turbo S E-Hybrid kommen so auf einen Katalogwert von 2,9 Litern auf 100 Kilometern, der in der Realität nie eingehalten werden kann.
  • Und für den Fahrer, weil der elektrische Hilfsmotor dem Benziner bei entsprechender Programmierung der Zusammenarbeit jene Beschleunigung verleiht, die man sonst bei drehmomentstarken Dieseln schätzt.

Kein Wunder also, dass gerade die Premiumhersteller in diese Technologie investieren: Audi-Chefentwickler Peter Mertens will beispielsweise bis 2025 rund 20 Modelle mit elektrischem Antrieb an den Start bringen, viele davon als Plug-in-Hybride: "Sie erlauben es, in Ballungsräumen emissionsfrei unterwegs zu sein und bieten gleichzeitig langstreckentaugliche Reichweiten für Überlandfahrten", sagt er.

Mercedes und Audi kündigen ebenfalls Hybride an

Sein Mercedes-Kollege Ola Källenius hat auf dem Autosalon in Genf ebenfalls für die noch recht junge Technologie geworben. Zwar will er den Diesel lieber verbessern, statt ihn abzuschaffen. Doch Zukunft sieht der Entwicklungsvorstand vor allem in einem Motorenbaukasten, zu dem auch eine 90 kW starke, in der Neungang-Automatik integrierte E-Maschine und ein Akkupaket von 13,5 kWh zählen. "Das lässt sich mit nahezu allen Motoren und Modellen kombinieren", sagt Källenius und will davon in den nächsten Jahren reichlich Gebrauch machen. In der S-Klasse zum Beispiel in der Kombination mit einem V6-Benziner, in der E- und der C-Klasse noch in 2018 mit einem Diesel und selbst die ersten AMG-Modelle werden bald an der Steckdose laden.

Galt der Plug-in früher mal als Brückentechnologie, bis es bezahlbare Batterien für Elektroautos gibt, wird er so langsam - zumindest in den gehobenen Fahrzeugklassen - zu einer Standard-Lösung: "Das ist für uns weit mehr als eine Übergangslösung", sagt Audi-Vorstand Mertens.

Ausgerechnet einer, der die Autoindustrie mit bezahlbaren E-Autos aufgemischt hat, pflichtet dem Audi-Vorstand bei. Günther Schuh, Aachener Professor und Vorstandschef des Elektroautoherstellers e.Go, sieht im reinen Akku-Antrieb keine allumfassende Lösung: "Die Batterie ist morgen nicht viel billiger," sagte er im Interview mit dem Fachmagazin "Auto, Motor und Sport" und lobte den Plug-in als das "Antriebskonzept der Zukunft". Bis 2025, so seine Schätzung, könnten 70 Prozent der Neuwagen mit dieser Technik fahren.

Doch auch jetzt schon sind die Zuwächse bei den Plug-in-Hybriden beachtlich. 2017 betrug die Zahl der neu zugelassenen Plug-in-Hybriden laut KBA knapp 30.000 Fahrzeuge. Nicht viel, gemessen an 3,44 Millionen Neuwagen absolut. Doch im Vergleich zum Vorjahr betrug der Zuwachs 114,2 Prozent.

Fahrer von Geländewagen ticken anders

Während Mertes und Källenius über den Plug-in als Zukunftsmodell reden, hat Porsche sein Plug-in-Angebot bereits maßgeblich ausgeweitet. "Wir sind die Ersten und Einzigen, die im Panamera gleich zwei Hybridvarianten anbieten und sogar das Top-Modell der Baureihe mit E-Motor bestücken", sagt Feeg und verweist auf den Sechszylinder im Panamera S E-Hybrid und den V8 im Turbo S E-Hybrid. Dem Projektleiter für den Cayenne würde es an Weitblick fehlen, wenn er es bei seinem Modell nicht genauso machen würde.

Die Markteinführung eines 340 PS starken V6-Benziners mit einem jetzt 136 PS starken E-Motor erfolgt im Juni. Die Kombination der beiden Motoren hat so viel Punch, wie auf einer ersten Mitfahrt zu erleben war, dass man tatsächlich mit dem für einen Porsche üblichen Nachdruck davonrauscht. Weitere Motorkombinationen sind denkbar. Zu denen will Feeg sich jedoch nicht äußern.

Elektrisch kommt der Cayenne knapp 50 Kilometer weiter und schafft strombetrieben 135 km/h. Mit der Hinterachslenkung verflüchtigen sich sogar die 300 Kilo Mehrgewicht im Vergleich zu einem konventionell motorisierten Cayenne vor der Kurve.

"Wir werden den Cayenne auch wieder als Diesel bringen"

Obwohl der Plug-in viel besser zum Porsche Cayenne passt als ein Diesel und die Kunden sowohl beim Kauf als auch beim Tanken eine gewisse finanzielle Toleranz an den Tag legen, glaubt Feeg trotzdem nicht an einen Hybrid-Verkaufsanteil wie beim Panamera. "Nicht zuletzt, weil Geländewagenfahrer eben doch noch ein bisschen anders ticken."

Fast ein bisschen schweren Herzens wiederholt er deshalb eine Aussage seiner Vorstände, die man bei Porsche derzeit als Allerletztes erwartet hätte: "Wir wissen noch nicht genau wann und in welcher Konfiguration, aber wir werden den Cayenne auch wieder als Diesel bringen."



insgesamt 70 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
eunegin 15.03.2018
1. Abenteurbilder vs. Realität
Nette Fotos mit dem Hauch Abenteuer. In der Masse werden diese Gefährte aber doch eher dazu benutzt, die Kinder in die Schule zu fahren, auf Innenstadtparkplätzen herumzustehen, beim Café vorzufahren und auf der Autobahn zu punkten (meine Berliner Erfahrung). In jedem Fall wird unnötig Gewicht mit herumbewegt. Elektro macht das auch nicht besser. Aber Image ist alles. Und vielleicht kommen die Hersteller so auf die gesetzlichen Vorgaben - die Problematik schaffen sie sich ja erst durch die Aufnahme dieser Schickimicki-SUVs in die Flotte.
udo l 15.03.2018
2. Spannend ist wohl
wie die Hersteller reagieren, wenn die im Bericht erwähnte unralistische Messung der Abgaswerte der Plug In Hybriden auf ein realistisches Maß korrigiert werden. Oder sind diese sich so sicher dies verhindern zu können?
dipl.inge83 15.03.2018
3. Die S-Klasse hat keinen V6,
sondern einen Reihensechszylinder. Grundsätzlich ist es Ansichtssache, ob Hybridautos nun die Vorteile (emissionfreie Fahrt plus hohe Reichweite) oder die Nachteile (deutliches Mehrgewicht plus aufwendige und anfälligere Verbrennertechnik) beider Technologien kombinieren. Befürworter und Gegner dürfen sich ihre Argumente aussuchen.
digge8 15.03.2018
4. moin
Jedes Auto mit Kabel, das noch einen kompletten Verbrennerantriebsstrang hat ist nicht Ziel führend. Das neue Londontaxi ist da der richtige Weg; kleiner Diesel nur zum betrieb eines Generators (range extender) um die Akkus zu laden und Strom für die Fahrt zu generieren. Nennt dich dieselelektrisch gibts schon lange bei der Eisenbahn. Und nicht so ne Verbrennen/Emobil-chimäre, die ist wieder groß und unnütz, klein, leicht und durchdacht wäre aber besser.
berglerandi 15.03.2018
5. Spiegel, lass es doch endlich
Allein die Überschrift schon wieder. "Zieh Leine Diesel". Benziner sind auch nicht sauber und damit nicht die Lösung. E-Fzge sind erst nach acht Jahren gleichwertig im CO2 wie ein Kraftstofffahrzeug. Also auch nicht die Lösung. Die schlechteren Dieselabsatzzahlen führen schlechterer CO2 Bilanz. Ihr hattet berichtet. Also lasst endlich dieses Diesel-Bashing. Es nützt nichts, ausser das die Leute um ihr Geld betrogen werden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.