Renault Avantime Designidee, Renommee, Oberklasse

Nachdem sich die Welle der Unternehmenshochzeiten scheinbar totgelaufen hat, grassiert unter den Autoherstellern nun eine Art Oberklassen-Obsession. Auch Renault will in diesem Segment künftig Autos verkaufen. Zum Beispiel den Avantime, der Ende September auf den deutschen Markt kommen wird.

Von Jürgen Pander


Klotzen, nicht kleckern: Der Avantime Privilège kostet satte 78.428 Mark

Klotzen, nicht kleckern: Der Avantime Privilège kostet satte 78.428 Mark

"Die derzeitige Präsenz von Renault in der Oberklasse entspricht nicht den legitimen Ansprüchen der Marke", lautet ein Satz im Presseheft zum neuen Modell. Renault klagt diesen Anspruch nun quasi ein - mit einem Automobil, das so ziemlich alles anders macht als die Mitbewerber im gehobenen Segment. Avantime heißt der Neue beziehungsreich, und er soll nach den Prophezeiungen der Marketingleute vor allem Nonkonformisten, Selbstständige, Künstler oder Existenzgründer ansprechen. Menschen also, die einerseits gerne auffallen und die andererseits bereit sind, auffallend viel Geld für ein Auto auszugeben.

Unter dem Motto "klotzen, nicht kleckern" bietet Renault zum Verkaufsstart erst mal nur die Topversion an. Der Avantime Privilège kostet 78.428 Mark. Motorisiert ist der Wagen standesgemäß mit einem Dreiliter-V6-Motor der 207 PS (152 kW) leistet und souveräne Fahrleistungen ermöglicht. Allerdings hat diese Art des Vortriebs in einem gut 1,7 Tonnen schweren Auto ihren Preis: Renault gibt den Durchschnittsverbrauch auf 100 Kilometern mit 11,3 Litern Super bleifrei an.

Aufmerksamkeit durch bloße Erscheinung

Gekoppelt ist der Motor mit einem Sechsgang-Schaltgetriebe. Eine Fünfgang-Automatik, ein Vierzylinder-Turbotriebwerk mit 163 PS (120 kW) sowie zwei bescheidenere Ausstattungsniveaus sollen bis Anfang kommenden Jahres die Avantime-Auswahl vergrößern. Im nächsten Sommer dann wird es auch einen 2,2-Liter-Common-Rail-Dieselantrieb (147 PS/ 108 kW) für den Wagen geben.

Extravagant: Der Innenraum ist sehr hell und großzügig. Die Armaturentafel flieht beinahe vor den Insassen

Extravagant: Der Innenraum ist sehr hell und großzügig. Die Armaturentafel flieht beinahe vor den Insassen

Doch völlig unabhängig von dem Aggregat, das unter der Motorhaube steckt, weckt der Avantime durch seine bloße Erscheinung schon Aufmerksamkeit. Im Vergleich zur ersten Studie, die vor drei Jahren auf dem Genfer Autosalon vorgestellt wurde, hat sich nichts grundlegendes geändert. "Der Renault Avantime ist die Antwort auf die Frage, wie man fünf Personen optimal in einem Coupé transportieren kann", sagen seine Entwickler. Hier muss man zweierlei einwenden: Erstens ist der Avantime nur noch insoweit ein Coupé, als er lediglich zwei Türen und gar keine B-Säulen mehr hat. Und zweitens dürfen in dem Wagen zwar fünf Personen mitfahren, optimal aber ist er als Vierpersonen-Auto, denn die Rückbank ist so gestaltet, dass sie zwei bequeme Einzelsitze und einen Notplatz in der Mitte bietet.

Ein barockes, halbrundes und doch kantiges Heck

Der "D66", so der interne Entwicklungscode des Avantime, fällt aus jedem Blickwinkel auf: Kompromisslose Keilform an der Front, ein barockes, halbrundes und doch kantiges Heck, die in der Seitenansicht besonders auffällige Zweifarbigkeit der Karosserie (Dach und Dachholme sind stets silberfarben) sowie - abgesehen von der Heckscheibe - extrem große Fensterflächen. Dazu kommt ein doppeltes Glasdach, dessen vorderer Teil geöffnet werden kann. Mit knapp einem Quadratmeter Fläche handelt es sich dabei um das derzeit größte erhältliche Pkw-Schiebedach. Werden zudem noch die vier Seitenscheiben komplett versenkt (es gibt dazu eine spezielle "Open Air"-Taste), entsteht beinahe Cabrio-Atmosphäre im Avantime.

Extravaganz herrscht auch im Innenraum, der sehr hell und großzügig wirkt. Die Armaturentafel flieht beinahe vor den Insassen, das Cockpit, in dem es ausschließlich Digital-Instrumente gibt, sitzt mittig obendrauf. Dort, wo sonst eine Schalter- und Knopfbatterie bis hinunter in die Mittelkonsole reicht, gibt es hier Bildschirm und Bedieneinheit des Navigationssystems, sonst aber ein Staufach und eine Schublade. Überhaupt bietet der Avantime reichlich Ablagemöglichkeiten im Innenraum - mit einem Gesamtvolumen von 27 Litern.

Kein Lob für die Gestaltung des Heckfensters

Fahrzeugschein
Hersteller: Renault
Typ: Avantime 3.0 Privilège
Karosserie: Van/Kleinbus/Großraumlimousine
Motor: V6-Benziner
Hubraum: 2.946 ccm
Leistung: 207 PS (152 kW)
Drehmoment: 285 Nm
Von 0 auf 100: 8,6 s
Höchstgeschw.: 220 km/h
Verbrauch (ECE): 11,3 Liter
CO2-Ausstoß: 268 g/km
Kofferraum: 530 Liter
umgebaut: 900 Liter
Preis: 40.100 EUR
In den Kofferraum passen übrigens 530 Liter, bei umgeklappten Rücksitzen maximal 900 Liter. Das Gepäck muss jedoch über eine sehr hohe und breite Ladekante gehievt werden. Auf Extratouren begibt sich der Avantime auch beim Thema Türen. Es gibt nur zwei, die sind dafür aber besonders lang (1,40 Meter) und recht schwer (55 Kilo). Damit ein Einstieg auch in Parklücken möglich ist, schwingen die Türen durch Doppel-Scharniere erst zur Seite und dann nach vorne auf. So entsteht eine große Öffnung - der Klang beim Zuschlagen dürfte aber etwas satter sein.

Wer Oberklasse sagt, muss sich auch an Oberklasse-Kriterien messen lassen. In dieser Hinsicht positiv fallen beim Avantime zum Beispiel die Scheibenwischer auf, die mit einem Regensensor gekoppelt sind und je nach Niederschlagsmenge das Wischtempo variieren. Außerdem spritzt die Scheibenwaschanlage nicht einfach so drauflos, sondern die Düsen sitzen direkt auf den Wischerarmen - eine clevere Lösung. Kein Lob verdient dagegen die Gestaltung des Heckfensters: Die Sicht nach hinten ist dürftig, die in der Topversion serienmäßige Einparkhilfe deshalb ein sinnvolles Detail. Auch manche Klappen im Innenraum dürften einen etwas solideren (Oberklassen)-Eindruck machen.



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