Renault Grand Scénic: Angekratztes Familien-Sparpaket

Von Jürgen Pander

Sieben Sitzplätze, maximal 2063 Liter Laderaum und ein genügsamer Dieselantrieb - der Renault Grand Scénic ist ein Sparpaket. Jedenfalls mit dem neuen Downsizing-Motor, der erstmals bei Renault mit einer Start-Stopp-Automatik kombiniert ist. Innen leistet sich das Auto allerdings kleine Schwächen.

Renault Grand Scénic: Sieben auf einen Streich Fotos
Jürgen Pander

Die dritte Generation des Kompaktvans Renault Scénic ist bereits zwei Jahre auf dem Markt, seit wenigen Wochen jedoch ist der Wagen wieder ein bisschen interessanter und moderner geworden. Das liegt nicht an einer neuen Einrichtung, denn die ist für ein Familienauto schon jetzt überaus praktisch: mit vielen Ablagefächern, vielfach verstellbaren Einzelsitzen im Fond und, sofern es sich um die 4,56 Meter lange Version Grand Scénic handelt, auch wahlweise mit einer dritten Sitzreihe und insgesamt sieben Plätzen. Das Interesse gilt vor allem dem neuen Motor.

Es handelt sich um ein komplett neu entwickeltes Dieselaggregat mit 1,6 Liter Hubraum und einer Leistung von 130 PS. Allmählich soll dieser Motor den bisherigen 1,9-Liter-Selbstzünder mit gleicher Leistung aus dem Renault-Angebot verdrängen. Damit setzen also auch die französischen Autobauer auf das sogenannte Downsizing. Durch die Verkleinerung des Hubraums werden die Reibungsverluste im Motor geringer und damit verbessert sich der Wirkungsgrad. Dank Turboaufladung bleibt die Leistung jedoch auf dem gewohnten Niveau.

Mit vollem Namen heißt die Grand-Scénic-Variante Energy dCi 130 eco2. Zu den Details des Triebswerks, die die Effizienz erhöhen, gehören eine gekühlte Abgasrückführung, Siebenloch-Piezo-Einspritzdüsen, eine variable Drallsteuerung, die das Luft-Kraftstoff-Gemisch je nach Betriebszustand optimal verwirbelt, eine variable Ölpumpe, ein System zur Bremsenergie-Rückgewinnung sowie erstmals bei Renault auch eine Start-Stopp-Automatik.

Im Handumdrehen stehen sieben Sitze parat

Dem hohen Aufwand steht allerdings nur ein geringer Ertrag gegenüber - zumindest was den Verbrauch betrifft: Zwar verbrennt der Scénic auf der Normrunde nur 4,4 Liter je 100 Kilometer und damit rund 22 Prozent weniger als der alte mit 1,9-Liter-Dieselmotor. Doch im Alltagsbetrieb meldete der Bordcomputer einen Durchschnittsverbrauch von 6,8 Litern - und damit sogar 0,1 Liter mehr.

Gut 1,5 Tonnen wiegt der Siebensitzer, und dank der einzeln verschieb- und einklappbaren Sitze in der zweiten Reihe lassen sich die Plätze in Reihe drei verrenkungsfrei erreichen, die mit einem Handgriff aus dem Kofferraumboden entfaltet werden. Sogar Kindersitze können, eine gesunde Wirbelsäule vorausgesetzt, ganz hinten problemlos untergebracht werden. Ist der Grand Scénic als Siebensitzer im Einsatz, bleiben für Gepäck noch 208 Liter Laderaum übrig; bei eingeklappter dritter Sitzreihe sind es 564 Liter, bei vollständig flachgelegten Fondsitzen gar 2063 Liter maximales Ladevolumen.

Wohin mit der Gepäckraumabdeckung?

Ob Wochenendeinkauf, Fahrradtransport oder der Fahrt zum Fußballspiel mit der kompletten Abwehr samt Torwart der E-Jugend-Truppe - der Grand Scénic macht das alles mit und ist im Handumdrehen gewappnet für unterschiedlichste Ansprüche. Allerdings gibt es ein paar Details, die den Renault-Entwicklern bei aller Konzentration auf die Variabilität entgangen sein müssen. Warum zum Beispiel lässt sich die Gepäckraumabdeckung, wenn man die Sitze sechs und sieben ausklappt, nirgendwo im Auto vernünftig unterbringen?

Und dass der im Innenraum verwendete Kunststoff ziemlich kratzempfindlich ist, dürfte die Anmutung des Interieurs auf Dauer stark beeinträchtigen. Gerade in einem derart vielfältig nutzbaren Auto sollten eigentlich möglichst robuste Oberflächen verbaut werden. Das gilt auch für die Filzbelag des Kofferraumbodens, dessen hervorstechendste Eigenschaft offensichtlich das Ausfasern ist. Man darf daher, wenn man den Grand Scénic als Familienwagen im Alltagseinsatz nutzt, in Sachen Gebrauchsspuren nicht kleinlich sein.

Vielleicht muss man solche Eigenheiten als typisch französisch hinnehmen. Ganz gewiss typisch französisch ist die elegant-futuristische Gestaltung der Armaturentafel. Die digitalen Cockpitinstrumente sind mittig platziert und unter einem weiten, asymmetrischen Schwung untergebracht. Insgesamt wirkt das wie Auto-Architektur nach dem Vorbild von Zaha Hadid oder Frank O. Gehry - leicht irritierend und zugleich auch befreiend, auf jeden Fall aber unkonventionell.

Prima Fahreigenschaften - kompliziertes Navigationssystem

Was uns gut gefiel, ist das Fahrgefühl. Der Grand Scénic mit dem neuen Dieselmotor ist ein munteres Mobil, ausreichend flott und vor allem angenehm ruhig bei höheren Geschwindigkeiten auf der Autobahn. Sportliches Kurvenfahren ist natürlich nicht die Domäne eines Kompaktvans, doch auch auf Landstraßen bliebt der Renault erfreulich neutral. Jedenfalls wankt die Karosserie weitaus weniger als befürchtet. Das elektrische Gaspedal, die Lenkung und das Sechsgang-Schaltgetriebe gefielen ebenfalls - vor allem, weil sie sich nicht wichtig machen und einfach nur umstandslos zu Diensten stehen.

Leider kann man das vom Navigationssystem nicht sagen. Die Menüführung gab immer wieder Rätsel auf. Es hat den Anschein, als können diese Dinger inzwischen ein bisschen zu viel, um in einem Auto schnell und sicher ihren Job zu erfüllen. Andererseits: Mit dem Wagen machen auch kleine Umwege durchaus Spaß.

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1. Leider immer die gleichen Fehler
philipp234 26.10.2011
SPON hat in letzter Zeit einige gute Artikel über Autos gebracht. Ich bin allerdings immer wieder über die Vergleiche entsetzt: Hier wird mal wieder der Ist-Verbrauch mit dem Norm-Verbrauch des Vorgängers verglichen. Als ob der Vorgänger mit 6,2 Litern Diesel ausgekommen wäre. Also nix mit 0,1 Liter mehrverbrauch, sondern wohl eher mit 1-2 Liter weniger als beim Vorgänger. Sonst hätte Renault sich die Neuentwicklung des Motors ja auch sparen können...
2. titel sieht billig aus
artbond 26.10.2011
und hätte Renault für den Innenraum robuste Materialien gewählt würde die deutsche Autojournalie wieder scheiben das die Franzosen mit dem Ambiente und der Haptik der Deutschen im Interieur nicht mithalten können... immer das selbe. Grüße
3. Bilder
Schnarchhahn 26.10.2011
Wenn der Autor schon selbst Bilder macht, hätte er ja durchaus auch den zerfransten Kofferraumteppich und die zerkratzten Plastikteile in die Fotostrecke aufnehmen können. Hätte mich angesichts der Kritik mal interessiert.
4. Wohin mit der Kofferraumabdeckung?
PhysikerTeilchen 26.10.2011
Schon seltsam - wir haben genau dieses Modell, und bei uns gibt es ein spezielles Fach im Kofferraumboden, in dem die Kofferraumabdeckung verstaut werden kann, wenn sie nicht benoetigt wird. Ich frage mich, was der Autor sonst noch so uebersehen hat?
5. Renault Grand Scenic
conilbeach 26.10.2011
Achja die deutsche Autolobby beim Spiegel... Übrigens wenn Sie schon testen, lassen Sie sich das Fahrzeug wenigstens von Renault erklären, denn die Gepäckraumabdeckung verschwindet ohne Komplikationen in einem eigens vorgesehenen Stauraum zwischen Kofferraumklappe und 3er Sitzreihe. Also bevor Sie hier lamentieren, seien Sie sich sicher was Sie sagen...
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Fahrzeugschein
Hersteller: Renault
Typ: Grand Scénic Energy 130 dCi
Karosserie: Van/Kleinbus/Großraumlimousine
Motor: Vierzylinder-Turbodiesel
Getriebe: Sechsgang-Schaltgetriebe
Antrieb: Front
Hubraum: 1.598 ccm
Leistung: 130 PS (96 kW)
Drehmoment: 320 Nm
Von 0 auf 100: 11,1 s
Höchstgeschw.: 195 km/h
Verbrauch (ECE): 4,4 Liter
CO2-Ausstoß: 115 g/km
Kofferraum: 208 Liter
umgebaut: 2.063 Liter
Versicherung: 17 (HP) / 21 (TK) / 21 (VK)
Preis: 27.400 EUR

Schnellcheck

Renault Grand Scénic

Einsteigen: ...weil der neue Dieselmotor klasse ist und das ganze Auto eine Art eierlegender Wollmilchsau.

Aussteigen: ...weil viele Plastikverkleidungen kratzempfindlich sind und die Auslegeware im Kofferraum vom Billigsten ist.

Umsteigen: ...aus allen Kompaktvans von VW Touran über Opel Zafira Tourer bis zu Citroën C4 Picasso.


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