Renault Kadjar TCe 130 Das ist die Höhe

Mit dem Kadjar hat der französische Hersteller Renault ein feines Mittelklasse-SUV im Angebot. Nach etlichen Kilometern mit dem Auto stellt sich vor allem eine Frage: Warum konnte es nicht einfach eine Limousine werden?

Jürgen Pander

Von Jürgen Pander


Der Erstkontakt zum Renault Kadjar irritiert. Die Schlüsselkarte ist chromumrandet, handschmeichelnd geformt und sieht aus wie ein ultrakompaktes Smartphone. Hält man sie jedoch in der Hand, wirkt sie fadenscheinig und billig - das Ding wiegt nämlich nur 43 Gramm. Und weil die Drucktasten ziemlich klein geraten sind, aus schwarzem Plastik bestehen und darüber hinaus schwarze Symbole tragen, bedient man sie auch nicht einfach im Handumdrehen. Schick gedacht, unpraktisch gemacht - zum Glück ist es nur der Schlüssel.

Der Rest des Autos ist weitaus überzeugender. Im Unterschied zum ersten SUV-Anlauf mit dem Modell Koleos (ab 2008), hat Renault beim neuen Kadjar fast alles richtig gemacht. Die klügste Entscheidung: Als technische Basis auf das bewährte Modell Qashqai des Kooperationspartners Nissan zurückzugreifen. 60 Prozent der Bauteile beider Autos sind gleich, wobei Renault betont, dass wiederum 95 Prozent aller für die Insassen sicht- und fühlbaren Komponenten des Kadjar eigenständige Teile sind.

Deutlich erkennbar ist das am Design, und zwar innen wie außen. Da folgt der Mittelklasse-SUV dem neuen Schwung von Renault. Die Bleche schmiegen sich elegant ums Auto, die Motorhaube wirft zwei flotte Falten die dazu führen, dass man vom Fahrersitz aus endlich mal wieder sieht, dass überhaupt eine Haube da ist und vor allem, wo sie endet. Die Chromleisten am Bug fassen nicht nur das Markenlogo ein, sondern setzen sich auch im LED-Tagfahrlicht fort. Und das Heck - die Problemzone etlicher SUV-Typen - wirkt ebenfalls stimmig und ist so gestaltet, dass es weder aufgesetzt noch bieder wirkt.

Endlich mal ein Bestseller

Der frische, unaufgeregte Stil prägt auch den Innenraum. In unserem Testwagen, mit dem zweitbesten von insgesamt vier verfügbaren Ausstattungsniveaus (es trägt den merkwürdigen Namen "Xmod"), fielen akkurate Ziernähte, angenehm aufgeraute Kunststoffe, bequeme Sitze und sinnvolle Kleinigkeiten wie etwa je eine Leseleuchte über den äußeren Fondsitzen auf.

Die frische Linie von Designchef Laurens van den Acker kommt offenbar an. Vom Kadjar, der seit Juni vergangenen Jahres in Deutschland verkauft wird, wurden im ersten Halbjahr knapp 7000 Exemplare abgesetzt, meldet Renault Deutschland. Der Wagen weckt Interesse, das konnten auch wir registrieren, als wir bei mehreren Gelegenheiten auf das Auto angesprochen wurden.

Ein Auto, das seine Insassen ernst nimmt

Zur ansprechenden Optik kommt vor allem dies: eine den Insassen zugewandte Technik. Das fängt bei der kleinen Willkommenszeremonie (siehe im Video unten) an, geht weiter über die bequemen Sitze, das ordentliche Platzangebot, die übersichtlichen Bedienelemente bis hin zum überaus kommoden Fahrgefühl. Getrübt wird letzteres nur durch ein merkwürdiges Wummern, das bei Autobahnfahrten im Geschwindigkeitsbereich zwischen 110 und 130 km/h manchmal auftritt. Es ist kein mechanisches Geräusch, sondern vermutlich eine Luftverwirbelung. Und hat man sie einmal als solche klassifiziert, besorgt sie auch nicht mehr, sondern verwundert nur noch: Autos werden heute vor Serieneinführung so akribisch getestet - wie konnte das niemandem auffallen?

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Drei Motoren stehen für den Kadjar zur Wahl, zwei Diesel (110 und 130 PS) sowie ein 1,2-Liter-Turbobenziner mit einer Leistung von 130 PS. Diese Maschine steckte auch bei unserem Testwagen unter der Haube, kombiniert mit einem Sechsgang-Schaltgetriebe. Der so motorisierte SUV ist zugleich - im niedrigsten Ausstattungsniveau - für 19.990 Euro das Einstiegsmodell in die Baureihe.

Der Vierzylinder-Benziner ist ein passabler Motor, sofern man keine Wunderdinge von ihm erwartet, also etwa pulstreibende Fahrleistungen oder spritsparendes Verbrauchsverhalten. 5,6 Liter Benzin je 100 Kilometer gibt Renault als Durchschnittswert an, im Test kamen wir auf bestenfalls 7,2 Liter - und zwar mit gedrückter "Eco"-Taste. Die sorgt unter anderem dafür, dass Drehmoment und Beschleunigungsvermögen gedrosselt werden, die Leistung der Klimaanlage verringert und die Empfindlichkeit des Gaspedals reduziert wird. Das spare, so heißt es bei Renault, im Idealfall zwölf Prozent Sprit. Anders gesagt: Wer mit dem Kadjar ganz normal unterwegs ist, sollte rund acht Liter Durchschnittsverbrauch kalkulieren.

Unangenehme Trinksitten

Der unsittliche Durst verwirrt offensichtlich auch den Bordcomputer. 720 Kilometer Reichweite zeigte er vollgetankt an, doch eine Autobahnfahrt über 570 Kilometer entlarvte das als Fehlkalkulation. Bereits nach 520 mit maximal 150 km/h gefahrenen Kilometern leuchtete die Reserve, zeigte da noch eine Restreichweite von 70 Kilometern an. Diese schmolz trotz stoischer Weiterfahrt bei Tempi zwischen 130 und 150 schneller dahin als die tatsächlich gefahrenen Kilometer. Irgendwo zwischen einer angezeigten Restreichweite zwischen 30 und 40 Kilometern stellte der Bordcomputer seine Prognosen offensichtlich lieber ein - ab da leuchtete einfach nur noch die Reservelampe. In dünner besiedelten Gegenden, oder wie in unserem Falle kurz vor dem Elbtunnel, kann der Motor also durchaus Herzklopfen verursachen. Nur leider auf unerwünschte Art.

Wenn man akzeptiert, dass für einen etwa 1,4 Tonnen schweren SUV ein 1,2-Liter-Vierzylinder-Benziner mit 130 PS ein angemessen dimensionierter Motor ist, bliebe als spritsparende Maßnahme zum Beispiel noch das Design, genauer gesagt eine Verringerung des Luftwiderstands. Würde man beispielsweise aus dem 1,60 Meter hoch aufragenden SUV eine, sagen wir 1,47 Meter hohe Limousine (so hoch ist der aktuelle VW Passat) machen, würde sich die Stirnfläche des Autos um rund acht Prozent verringern, seine Windschlüpfigkeit verbessern und damit der Benzinverbrauch sinken.

Als Limousine wäre der Kadjar wohl etwas sparsamer und vernünftiger. Doch vermutlich würden dann ganz andere Leute das Auto kaufen, und vor allem: viel weniger. Von den beiden aktuellen Limousinen-Baureihen, die Renault im Angebot hat, wurden 2015 in Deutschland lediglich rund 700 Exemplare abgesetzt. Am SUV führt also derzeit kein Weg vorbei. So gesehen ist der Kadjar nicht die schlechteste Wahl.

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insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
mxpanda 13.01.2016
1. Und mal wieder...
... keine im Verhältnis 35-30-35 umklappbaren Rücksitze. Ergo unbrauchbar. Manche Autohersteller haben in den letzten Jahren dazugelernt, in Frankreich ist der Trend zur Praktikabilität noch nicht angekommen. Diese hört beim Kadjar beim Höherlegen auf. Aber glücklicherweise gibt es Alternativen...
jetbundle 13.01.2016
2. Nur bis 150?
Naja, wenn der Autor schreibt dass er nach 520km "nur" noch 150 km/h gefahren ist erklärt das auch den hohen Verbrauch. Die angegebenen Verbrauchswerte geben den minimalen erreichbaren Verbrauch an, und nicht was man bei Vollgasfahrten verbraucht. Mit 120 bis 130 kann man locker 1-2 Liter vom Verbrauch abziehen.
rst2010 13.01.2016
3. noch so eine kiste,
die der vergangenheit huldigt. nie wieder.
Stäffelesrutscher 13.01.2016
4.
»Harmonischer Abschluss: Das Heck des Autos ist frei von Albernheiten und Langeweile. Es sieht einfach und zugleich gut aus.« Man erkennt auf dem Foto recht gut, dass man beim Schulterblick so gut wie nichts sehen wird. Für Radfahrer auf Radwegen potenziell tödlich.
f36md2 13.01.2016
5. Überflüssige Kiste!
Geländewagen brauchen wir hier gaaanz dringend, es gibt ja auch hier kaum befestigte Straßen...aber der Vorstadt-Kleinbürger spielt eben gerne den "knallharten" Abenteurer!
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