Renault Kangoo: Quadratur des Kastens

Von Jürgen Pander

Dass der Kangoo schön ist, behauptet nicht einmal Renault. Dafür versprüht der Kastenwagen laut Werbung so viel robusten Charme, dass sogar Nashörner ihn bespringen. Die zweite Generation mimt den Familienfreund - hat allerdings nicht einmal kindersichere Schiebetüren.

Als Sexobjekt für Unpaarhufer wird der neue Kangoo nicht mehr fungieren. Um das neue Modell zu bewerben, das ab 18. Januar bei den deutschen Händlern stehen wird, hat Renault "eine international bekannte, etwas chaotische Familie" als Reklamepartner gewonnen. Wer das sein wird, bleibt vorerst geheim. Die Botschaft ist indes offenkundig: Der Kangoo ist größer, komfortabler - und damit familienfreundlicher.

Wenn von Kastenwagen oder Hochdachkombis die Rede ist, muss zunächst klargestellt werden, welche Art Auto gemeint ist. Beim neuen Kangoo handelt es sich um die Pkw-Version, nicht um den Kleinlieferwagen für den gewerblichen Einsatz. Den baut Renault auch, der Verkauf startet aber erst im Frühling.

Die bisherige Pkw-Version, die seit Mai 1998 in Deutschland angeboten wird, erwies sich als äußerst umsatzstark. Rund 150.000 Modelle setzten die Franzosen hierzulande ab. Der Kangoo mit seinen großen Scheinwerfern, der abgerundeten Motorhaube und den Schiebetüren im Fond prägte damit die Ästhetik der Kastenwagen maßgeblich mit.

Der Kangoo wird erwachsen

Generell ist der neue Kangoo viel mehr Pkw als der alte. Dazu tragen die prima ablesbaren, chromverzierten Rundinstrumente im Cockpit ebenso bei wie der kurze, gut platzierte Schaltknüppel und die hilfreichen Ablagegalerien über den Vorder- und Rücksitzen (in der Top-Ausstattung). Auch gibt es nun endlich eine Stütze für den linken Fuß des Fahrers.

Am vertrauten Auftritt wurde kaum etwas geändert, durch Feinjustierungen in den Details entsteht bei der neuen Version allerdings der Eindruck, dass der neue Kangoo erwachsen geworden ist, das Spielerische abgelegt hat. "Von Anfang an klar war, dass auch das neue Modell das sympatische Familiengesicht behalten wird", sagt Renault-Designvorstand Patrick le Quément. "Die Arbeit der Designer steckt vor allem im Innenraum."

Die Richtung stimmt, obwohl manche Polsterstoffe für einen Créateur d’Automobile, wie sich Renault nennt, keine optimale Referenz sind. Auch die drei grobschlächtigen Drehknöpfe auf der Armaturentafel und das winkelige Handschuhfach, für das es erst in den beiden höheren Ausstattungsversionen eine Klappe gibt, sind keine optimalen Innenraumlösungen.

Fahrwerk des Scénic sorgt für Pkw-Charakter

Was den neuen Kangoo wirklich nach vorne bringt, ist, dass er nun auf der sogenannten C-Plattform von Renault basiert - wie die Modelle Mégane und Scénic. Damit sagt der Kastenwagen der hinteren Starrachse adieu und legt Pkw-Fahrverhalten an den Tag. Dazu ist das Auto leiser, unter anderem weil Hohlräume in der Karosserie ausgeschäumt wurden und die Radkästen mit eineinhalb Zentimeter dicken Filzmatten gedämmt sind. Für 300 Euro Aufpreis können fast alle Kangoo-Varianten mit Elektronischem Stabilitätsprogramm (ESP) ausgestattet werden.

Beim Antrieb können Kangoo-Kunden zwischen vier Motoren wählen. Wer nicht nur ein großes, sondern auch ein flottes und laufruhiges Familienauto sucht, ist mit dem 106 PS starken 1,6-Liter-Benziner am besten bedient. Der Wagen fährt sich tadellos, gemessen an den Standards dieser Klasse.

Wer lieber sparen will oder es rustikaler mag, wird sich dem 1,5-Liter-Commonrail-Turbodiesel zuwenden, den es in drei Leistungsstufen mit 68, 86 und 103 PS gibt. Aber Achtung: Nur den stärksten Selbstzünder gibt es ab Werk mit Rußpartikelfilter; für den schwächsten Diesel gibt es den Filter gar nicht, für den mittleren kostet er 600 Euro Aufpreis.

Auf der Testfahrt mit dem stärksten Diesel offenbarte die Maschine, die serienmäßig mit einem Sechsgang-Schaltgetriebe gekoppelt ist, ordentliche Fahrleistungen. Der Bordcomputer meldete nach ehrgeizloser Fahrt 6,5 Liter Durchschnittsverbrauch - deutlich mehr als die offiziell angegebenen 5,7 Liter. Dennoch: Der starke Selbstzünder ist keine schlechte Wahl, wenn man Drehmoment benötigt und das Auto so nutzen möchte, wie es gedacht ist: als Minilaster.

Größere Karosserie, kaum größerer Laderaum

Das Ladevolumen reicht - je nach Stellung der Rücksitze, die sich gut umklappen lassen - von 660 bis 2866 Liter; der neue Kangoo hat damit etwas mehr Staufläche als sein Vorgänger. Der Längenzuwachs von 18 Zentimeter auf nun 4,21 Meter und die Verbreiterung um 16 Zentimeter auf jetzt 1,83 Meter kommen aber vor allem dem Fahrgastraum zugute. Der Zugang zum Heck lässt sich wahlweise über eine große Klappe oder zwei Flügeltüren öffnen.

Seitlich dagegen erhalten alle Modelle ab dem zweiten Ausstattungsniveau zwei Schiebetüren, bei denen sich auf Wunsch die Scheiben elektrisch versenken lassen. Mögliche Gefahrenquelle: Die Türen lassen sich auch bei geöffneten Fenstern aufschieben. Eltern sollten also immer zweimal hingucken, ob da nicht noch eine Kinderhand oder gar ein Kinderkopf aus dem Fenster lugen, bevor sie dem Seitenportal einen Schubs geben.

Sympathischer wäre, Renault dächte sich für seinen neuen, familienfreundlichen Kangoo noch eine Kindersicherung aus.

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Fahrzeugschein
Hersteller: Renault
Typ: Kangoo 1.5 dCi FAP
Karosserie: Van/Kleinbus/Großraumlimousine
Motor: Vierzylinder-Turbodiesel
Hubraum: 1.461 ccm
Leistung: 103 PS (76 kW)
Drehmoment: 240 Nm
Von 0 auf 100: 13,2 s
Höchstgeschw.: 170 km/h
Verbrauch (ECE): 5,7 Liter
CO2-Ausstoß: 151 g/km
Kraftstoff: Diesel
Kofferraum: 660 Liter
umgebaut: 2.688 Liter
Preis: 15.800 EUR
Fotostrecke
Renault Kangoo: Das Volumen-Modell


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