Renault Mégane Grandtour: Zurück zum Mittelmaß

Von Jürgen Pander

Die Zeit der Design-Experimente ist vorbei: Der neue Renault Mégane Grandtour sieht nicht mehr so verspielt aus, wie der Vorgänger. Trotzdem ist er ein gemütlicher und typisch französischer Familienwagen - die Karosserie lässt aber wenig Möglichkeiten für den Blick zurück.

Renault Mégane Grandtour: Keine besonderen Vorkommnisse Fotos
Jürgen Pander

Liberté, égalité, électricité - der französische Hersteller Renault schickt sich an, die elektrische Revolution auf den Straßen in vorderster Linie voranzutreiben. Kein anderer Autobauer in Europa kann vorläufig mithalten, wenn Renault all die Autos mit Elektromotor auf die Straße bringt, die bislang angekündigt wurden. Vor lauter Euphorie über die Zukunft der E-Mobilität vergisst man da leicht, dass das Gros der Autos von Renault noch immer konventionell angetrieben wird. Wie zum Beispiel das Kombimodell Mégane Grandtour dCi 130 FAP.

Der Wagen erhielt das Renault-interne Gütesiegel "eco2", das für Autos vergeben wird, die weniger als 140 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen, in einer nach ISO 14001 zertifizierten Fabrik gebaut werden und die zu 95 Prozent wieder verwertbar sind sowie aus mindestens 5 Prozent recycelten Kunststoffbauteilen bestehen. Der Mégane Kombi mit dem mittleren Dieselmotor, einem 1,9-Liter-Selbstzünder mit 130 PS, erfüllt die Kriterien. Der offizielle Durchschnittsverbrauch liegt bei 5,1 Liter je 100 Kilometer, der CO2-Ausstoß bei 135 Gramm je Kilometer.

In der Realität erreicht man diese Werte kaum. Der Durchschnittsverbrauch bei unseren Testfahrten lag bei 6,3 Liter, was durchaus akzeptabel ist. Zumal der Motor erfreulich temperamentvoll agiert. Mehr Leistung ist gar nicht nötig, es sei denn, man fährt ständig mit einem voll beladenen Auto umher; für solche Bedürfnisse sind ja noch Dieselmotoren mit 150 oder 160 PS sowie Benziner mit 140 und 180 PS im Angebot.

Voll beladen ist ein gutes Stichwort, denn der Mégane Grandtour gehört zu den Kombis, die an der Ursprungsidee dieser Autogattung festhalten: maximaler Laderaum im Pkw-Anbau. Das Volumen reicht von 524 bis 1595 Liter, je nach dem, ob die Rücksitzlehnen aufrecht stehen oder flachgelegt sind. Die entsprechenden Volumina von Konkurrenten wie VW Golf Variant (505/1495 Liter) oder Opel Astra Sportstourer (500/1550 Liter) können da nicht mithalten. Im Alltag noch wichtiger jedoch dürfte die niedrige Ladekante des Mégane Grandtour von 56 Zentimetern sein - kein anderer Kompaktkombi kommt einem beim Einladen so weit entgegen. Pas de problème also beim Ein- oder Ausladen, wie der Franzose sagen würde - alles kein Problem.

Optisch versucht der Renault-Kombi hingegen, seine Ladekapazität so gut wie möglich zu kaschieren. Und zum Glück versuchen die Franzosen nicht mehr durch groteske Gestaltung zu punkten. Die Dachlinie fällt nach hinten hin etwas ab, die Seitenscheiben verengen sich zu Scharten. Das kraftvolle Heck mit den markanten Schultern und der stark geneigten, V-förmig geschnittenen Heckscheibe" trage zum "individuellen sportlichen Charakter" des Autos bei, wie es in der Presseinformation blumig heißt. Von außen betrachtet mag das zutreffen, von innen jedoch stellt sich die Sache anders dar. Und zwar dergestalt, dass man nach hinten nur wenig sieht und das Einparken in engeren Lücken zur Gefühlssache wird.

Empfehlenswert ist auf jeden Fall eine Einparkhilfe am Heck

Glücklicherweise verfügte unser Testwagen über das Ausstattungspaket Dynamique (die zweite von insgesamt vier Ausstattungsvarianten), bei dem eine Einparkhilfe hinten obligatorisch ist. Für 490 Euro Aufpreis kann dazu noch das Easy-Parking-Paket geordert werden, das Parksensoren am Bug sowie eine automatische Parkbremse umfasst.

Mehr Freude als beim Blick nach hinten kommt beim Betrachten der Armaturentafel auf. Die wirkt schwungvoll und großzügig, trägt eine durchgehende Spange in Mattchrom und gibt dem Innenraum eine wohnliche Anmutung. Im Kontrast dazu steht das etwas verspielte Cockpit mit einem analogen Drehzahlmesser, in den die Schaltempfehlungsanzeige integriert ist, sowie dem digitalen Tacho, der ein bisschen nach Raumschiff aussieht. Dazu passt das Blinkergeräusch, das leicht sphärisch klingt und an die guten, alten Telespiele erinnert, die vor mehr als 30 Jahren zur Highend-Unterhaltung gehörten.

Bequem ist das Auto. Dazu trägt das niedrige Fahrgeräusch ebenso bei wie die gut geformten Sitze. Und Platz gibt es auch reichlich - nicht nur für das Gepäck. Gegenüber dem Vorgängermodell wuchs der Kombi der dritten Mégane-Generation um sechs Zentimeter auf jetzt 4,56 Meter. Der Radstand, das für den Innenraum entscheidende Maß, beträgt nun 2,70 Meter. Zum Vergleich: Beim 4,70 Meter langen Opel Astra Sportstourer beträgt der Radstand 2,68 Meter.

Ein Auto, das auf sportliche Attitüden ganz einfach verzichtet

Man kann dem Renault Mégane Grandtour nicht viel vorwerfen. Vermutlich ist er manchen Kompaktklassekunden hierzulande zu weich, zu französisch. Doch gerade das macht den Wagen aus: dass er eben nicht auf jene "Sportlichkeit um jeden Preis"-Attitüde setzt, die hiesige Autobauer noch dem durchschnittlichsten Alltagsauto angedeihen lassen. Heraus kommen dann oft straff gefederte und bisweilen sogar polterige Fahrzeuge, die Testfahrer und Ingenieure beglücken mögen, am eigentlichen Sinn ihres Daseins jedoch glatt vorbeifahren.

Der Renault ist da noch ein bisschen anders. Und auch wenn er noch mit fossilem Kraftstoff betankt werden muss, ist der Mégane Grandtour ein Auto, das wahrscheinlich noch einige gute Jahre vor sich hat.

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Fahrzeugschein
Hersteller: Renault
Typ: Mégane Grandtour dCi 130 FAP
Karosserie: Kombi
Motor: Vierzylinder-Diesel
Getriebe: Sechsgang-Schaltgetriebe
Antrieb: Front
Hubraum: 1.870 ccm
Leistung: 130 PS (96 kW)
Drehmoment: 300 Nm
Von 0 auf 100: 9,5 s
Höchstgeschw.: 205 km/h
Verbrauch (ECE): 5,1 Liter
CO2-Ausstoß: 135 g/km
Kofferraum: 524 Liter
umgebaut: 1.595 Liter
Versicherung: 16 (HP) / 23 (TK) / 19 (VK)
Preis: 22.590 EUR

Schnellcheck

Renault Mégane Grandtour

Einsteigen: ...weil der Wagen groß, kräftig und rundum ordentlich ausstaffiert ist.

Aussteigen: ...weil die Sicht nach hinten eingeschränkt ist, was das Auto in der Stadt unpraktisch macht.

Umsteigen: ...aus allen Kombiablegern der Kompaktwagenklasse.


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